Der Dieb von Bagdad

Douglas Fairbanks nahm nicht nur in der Rolle des Zorro (1920, 1925) den Platz als einer der beliebtesten Filmhelden der Kinogeschichte ein. Noch heute beeindruckt der damals 41-jährige Schauspieler als Dieb von Bagdad mit seiner einzigartigen Leinwandpräsenz.

Der Dieb von Bagdad

„An Arabian Nights Fantasy“ lautet der Titelzusatz des opulenten Märchenabenteuers, das die damals gigantische Summe von zwei Millionen Dollar Produktionskosten verschlang. Der Dieb von Bagdad (The Thief of Bagdad, 1924) würde heutzutage als Blockbuster bezeichnet werden: riesige Sets, eine verschwenderische Ausstattung, aufwendige Spezialeffekte und ein Megastar – Douglas Fairbanks. Doch der Film aus der Blütezeit der Stummfilmära Hollywoods wartet nicht nur mit großen Namen, Exotismen und bloßen Schauwerten auf. Was den meisten Blockbustern jüngeren Datums fehlt, ist Kernbestandteil in Raoul Walshs Klassiker: ein schier unendlicher Ideenreichtum und ein ausgetüfteltes, visuelles Erzählkonzept werden in einer leidenschaftlichen Inszenierung kombiniert.

Der Dieb von Bagdad sorgt dank des unbändigen Charmes seines Stars, der auch als Produzent und Drehbuch-Co-Autor in Erscheinung trat, nicht nur für Kurzweil, sondern ist in der Gestalt eines makellosen Unterhaltungsfilms ein Musterbeispiel einer emanzipierten Kunstgattung, die in der Lage ist, ihre medialen Eigenschaften zu reflektieren. Sah sich das Kino in jenen Tagen noch dem Vorwurf ausgesetzt, eine verzerrte Kopie des Bühnendramas zu sein, das lediglich Vulgärunterhaltung zu bieten hätte, nutz Der Dieb von Bagdad gerade seine vordergründigen Schauwerte, um die Essenz des filmischen Erzählens zu thematisieren: den perzeptiven Akt des Sehens, der sich zwischen Voyeurismus und Anteilnahme des Zuschauers bewegt.

Wenn in einem Kabinett des Palastes des Califen von Bagdad eine grazile Sklavin (Anna May Wong) vor den Augen des mongolischen Prinzen (Sojin) die Verkleidung einer viereckigen Luke beiseite schiebt, die ihm den Blick freigibt auf die Prinzessin (Julianne Johnston), öffnet die Sklavin nicht nur ihm ein Fenster in eine andere Welt. Die strenge achsensymmetrische Komposition des Bildes im Bild reflektiert die Situation des Zuschauers im Kinosaal, dem ebenso, wie bereits dem mongolischen Prinzen, eine Attraktion geboten wird.

Der Dieb von Bagdad

Mit dem Taschendieb (Fairbanks), findet das Publikum, das um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Position angehalten wird, einen Verbündeten, der bisweilen eine ähnliche Zuschauerrolle einnimmt. Immer wieder zeigt der Film den Dieb als staunenden Betrachter, wenn er etwa die Vorstellung eines Jahrmarktzauberers bewundert oder vor dem Palast auf einen Baum klettert, um die hübsche Prinzessin auszuspähen. Jedoch spiegelt der Dieb nicht nur die Position des Kinopublikums wieder, indem er sieht und das Gesehene reflektiert, er kann auch in das Geschehen aktiv eingreifen – ein Privileg, von dem der agile Fairbanks nur zu gern Gebrauch macht.

Anhand dieser wechselnden Positionen, die der Dieb einnimmt, findet sich das von Hitchcock perfektionierte Erzählprinzip von „Suspense“ und „Surprise“ in prototypischer Form wieder, ein Grundmuster filmischen Erzählens, das jüngst Steven Spielberg in seinem War of the Worlds (2005) konsequent durchexerzierte.

Insbesondere den unvermittelt eintretenden Wechsel der Position des Diebes vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer des Geschehens nutz der Film um den heiklen Umbruch von „Suspense“ zu „Surprise“ zu markieren. So ist der Dieb etwa zur Untätigkeit gezwungen, nachdem er eines Nachts in das Schlafgemach der Prinzessin eingedrungen ist und sich auf der Flucht vor dem Personal unter einer Decke verstecken muss. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt und schlägt um, als eine Sklavin im Begriff ist, den Fremden zu entdecken und dieser sie dann im Bruchteil einer Sekunde mit einem Messer bedroht, um sie zum schweigen zu bringen. Dieser klassische Szenenaufbau, der den Zuschauer am Geschehen Anteil nehmen lässt, löst ihn aus der Funktion des bloßen Betrachters eines Spektakels. Der Zuschauer nimmt den Film als Erfahrung wahr.

Der Dieb von Bagdad

Vermutlich trägt das filmische Erzählprinzip, „Suspense“ – „Surprise“, das noch immer in den Sehgewohnheiten fest verankert ist, zum heutigen Vergnügen an diesem Stummfilmklassiker bei. Bei aller erzählerischer Brillanz scheint jedoch ein Schauwert die Hauptattraktion des Films zu bleiben: nicht etwa die superben Bauten des Filmarchitekten William Cameron Menzies oder die exotischen „Sklavenmädchen“, sondern Fairbanks selbst, der seine Physis gekonnt zu inszenieren weiß. Der drahtige Star nutz jede Gelegenheit, um die seiden glänzenden Muskeln seines durchtrainierten Oberkörpers spielen zu lassen.

Die Mischung aus maskulinem Sex-Appeal und schelmischem Charme machte Fairbanks zum Superstar der Stummfilmzeit und später zur Pop-Ikone des 20. Jahrhunderts. Auch noch nach über 80 Jahren stellt Der Dieb von Bagdad ein unterhaltsames Stück Kulturgeschichte dar.

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