Der Dieb des Lichts

Mit seinem neuen Film über einen idealistischen Elektriker reflektiert der Kirgise Aktan Arym Kubat (a.k.a. Aktan Abdikalikov) die politische Entwicklung in seinem Heimatland, ohne den lyrischen Stil seiner früheren Werke aufzugeben.

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Zwei Betrunkene torkeln über eine nächtliche Staubpiste. Plötzlich beginnt der eine laut zu weinen und lamentieren: „Gott hat mir vier Töchter geschenkt, aber keinen einzigen Sohn. Ich bin so unglücklich! Was soll ich nur tun?“ Lallend rät der andere: „Was du brauchst, ist ein mächtiger Stromschlag! Das wird deine weiblichen Hormone ausmerzen!“ Ohne zu zögern, steigt der unglückliche Vater auf einen Strommast und fasst in die Hochspannungsleitung. Funken sprühen, der Mann stürzt ab. Lebendig, aber recht lädiert wird er von herbeigelaufenen Dorfbewohnern in eine Grube gelegt und bis zum Hals mit Erde bedeckt.

Svet-Ake, so der Name des Mannes, wird diese Episode unbeschadet überstehen. Und der Zuschauer wird nie wieder von seinem sehnlichen Wunsch nach einem Sohn hören. Dieser ist für den Fortgang der Geschichte unbedeutend, bildet nur ein Motiv in einem Film, der in seiner Erzählform den frei fließenden Assoziationsketten der Lyrik näher steht als dem streng komponierten Drama.

Die Grunderzählung dreht sich also um Svet-Ake, den mondgesichtigen, offenherzigen und idealistischen Elektriker eines Dorfes irgendwo in Kirgisistan. Er wird hier nur „Herr Licht“ genannt. Denn ohne ihn läge das gesamte Dorf im Dunkeln. Seit der Strommarkt in Kirgisistan privatisiert wurde, droht aber genau das zu geschehen. Privatunternehmen verlangen horrende Gebühren, sodass sich viele Bewohner keine Elektrizität mehr leisten können. Das darf nicht sein, findet nicht nur Sven-Ake. Denn der Anschluss ans Stromnetz bringt dem windgepeitschten, staubigen Dorf mit der Elektrizität auch ein Stück Zivilisation. Also manipuliert der findige Elektriker bei seinen Kunden den Stromzähler. Die Glühbirne brennt, ohne das gezahlt wird.

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Mit Beshkempir – Der fremde Sohn (Beshkempir) drehte Aktan Abdikalikov 1998 den ersten Langfilm Kirgisistans seit der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik sieben Jahre zuvor. Er feierte damit in Europa Erfolge, gewann unter anderem den Silbernen Leoparden in Locarno. 2001 folgte Maimil – Der Affe (Maimil). Zusammen mit dem Kurzfilm Selkinchek von 1993 bilden die Filme eine Trilogie über das Erwachsenwerden und das Leben in der kirgisischen Provinz. Damit begründete der Regisseur seine eigentümlich mäandernde Erzählweise. So dreht sich Beshkempir im weitesten Sinne um das eigene Schicksal des Regisseurs: Weil seine Eltern schon fünf Kinder haben, geben sie ihren jüngsten Sohn zur Adoption frei. Abdikalikov lädt diese Geschichte aber nicht dramatisch auf, sondern erzählt sie episodisch, über Bilder, die in ihrer starken Symbolik über der Handlung stehen und nicht zuletzt durch die Schwarzweiß-Fotografie an die bildmächtigen Stummfilme des Ukrainers Alexander Dovzhenko erinnern.

Neuerdings nennt Abdikalikov sich Aktan Arym Kubat. Und mit der Namensänderung geht auch eine leichte Variation seiner Erzählweise einher. Im Vergleich zu seinen früheren Filmen wirkt Der Dieb des Lichts ökonomischer erzählt. Man spürt, dass Kubat jetzt auch politisch Stellung beziehen will. Noch immer fließt die Handlung frei, ergießt sich in Nebenarme, bildet kleine Strudel und Stromschnellen. Aber jetzt arbeitet er die Hauptfließrichtung deutlicher heraus.

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Kubat macht aus der Geschichte um den von ihm selbst gespielten Svet-Ake eine politische Parabel. Der träumt von einem Windpark, der eines Tages das gesamte Tal mit Strom versorgen soll. Dafür wird er besonders von seiner Frau belächelt. Als der Bürgermeister des Dorfes stirbt, bewirbt sich der erfolgreiche Geschäftsmann Bekzat um den Posten. Und er erweckt den Anschein, als wolle er Svet-Akes Pläne umsetzen. Aber dann erfüllen sich die Befürchtungen des alten Bürgermeisters: Bekzat interessiert sich nur für seinen finanziellen Vorteil, er will Grundstücke teuer verkaufen – und instrumentalisiert Svet-Ake, den naiven Idealisten.

Die funktionalere Erzählstrategie macht sich auch formaler Ebene bemerkbar. Der Regisseur nutzt Situationskomik und Dialogwitz, erzählt also nicht mehr nur über die Bilder. Die Kamera spielt noch immer mit Natursymbolik, fängt viele Szenen aus einer ungewöhnlichen Obersicht ein und präsentiert beeindruckende Landschaftspanoramen. Im Vergleich aber hat er seine Formsprache stark vereinfacht.

Die Politisierung von Kubats Erzählwelt erklärt sich aus der jüngsten Geschichte Kirgisistans. In dem einst als „Insel der Demokratie“ gefeierten Land riss Präsident Akajew die Macht an sich, bevor er 2005 in der Tulpenrevolution verjagt wurde. Kubat lässt Der Dieb des Lichts direkt nach dieser Revolution spielen. In den Jahren danach blieb die Situation instabil, auch Akajews Nachfolger okkupierte die Macht. Erst 2010 wurde auch er vertrieben. Das kirgisische Volk stimmte in einem Referendum gegen das bestehende Präsidialsystem und für eine parlamentarische Demokratie.

Kubat hat zwar einen von diesen Ereignissen inspirierten Film gedreht, in erster Linie aber bleibt er Lyriker. In einer Episode soll Svet-Ake einen kleinen Jungen retten, der in einem Baumwipfel festsitzt. Aber nicht für die dramatische Aktion interessiert sich Kubat, sie zeigt er nicht einmal. Die Szene endet damit, dass die beiden versonnen im Baum sitzen und den Mond betrachten, der voll am taghellen, blauen Himmel steht.

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Kommentare


Martin Zopick

Mit viel Gespür für das Lokalkolorit und viel Empathie für die kirgisischen Dorfbewohner zeigt uns Regisseur Kubat ein Bild seiner Heimat. Hier treffen moderne Technik (Elektrizität) und Tradition aufeinander, Kapitalismus und Folklore.
Strom ist unbezahlbar teuer im Land und so dreht der Elektriker Svet Ake (der Regisseur selbst) bei den ärmeren Nachbarn schon mal die Zähler zurück. Ein Problem, dass wir auch bald auf uns zukommen sehen könnten. Außerdem versucht er mit einem Windrad Strom zu erzeugen.
Es gibt muntere Einblicke ins Dorfleben, mit Allerweltsproblemen, nichts Spektakuläres. Aber auch leisen Humor: Svet sitzt in der Wanne, seine Frau seift ihn ein. Ihre Hand gleitet zwischen seine Schenkel…‘Na wie geht’s meinem kleinen Revolutionär?‘
Die Großkopferten versuchen die Einheimischen über den Jurtentisch zu ziehen. Aus dieser wunderschönen Landschaft lässt sich doch bestimmt Kapital schlagen. Der Höhepunkt ist ein Promi-Essen mit möglichen Investoren, bei dem zur Unterhaltung eine Frau entkleidet wird. Da greift Svet Ake ein.
Die Botschaft ist klar, das Ende nicht unbedingt. Svet wird mit Gewalt zum großen Boss geschleift, treibt unterwegs aber reglos im Wasser, man hört ein Lied, ein Wesen mit Hosen radelt heim. Wer ist das?
Wunderschön, interessant und mit leisem Humor als Transportmittel.






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