Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert

In Damiano Damianis Klassiker des italienischen Polizei- und Gangsterfilms tritt die Mafia als ein Clan auf, der seine Feinde manchmal lebendig, manchmal aber auch tot einmauert.

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert

„Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica“ heißt der Film im Original: Geständnis eines Polizeikommissars gegenüber dem Staatsanwalt. Der Hauptteil des Geständnisses findet in der Mitte des Films statt und wird in einer Rückblende visualisiert. Kommissar Bonavia (Martin Balsam) erzählt dem Staatsanwalt Traini (Franco Nero) von den Wurzeln seines Hasses auf den Mafiosi Ferdinando Lomunno (Luciano Catenacci). Dabei erfährt man, dass der Polizist ausgerechnet einen kommunistischen Arbeiterführer, der sich einst gegen Lomunno aufgelehnt hatte und dafür mit dem Leben büßen musste, als Helden verehrt. Bonavia selbst musste mithelfen, die Leiche des Kommunisten aus einem Schutthaufen zu befreien.

All dies rührt Traini zunächst wenig. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Blutbad aufzuarbeiten, das ein unter mysteriösen Umständen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassener Gangster in Lomunnos Anwesen angerichtet hat – der Gangsterboss selbst war freilich mit dem Leben davon gekommen. Traini verdächtigt Bonavia, den Killer auf seinen Erzfeind angesetzt zu haben. Dass dieser Verdacht nicht ganz ungerechtfertigt ist, weiß der Zuschauer bereits aus dem Prolog des Films: Dort beschattet Bonavia mit einem Begleiter den Gangster, als dieser das Gefängnis verlässt und Vorbereitungen für die Bluttat trifft. Als er die spätere Tatwaffe ersteht, hat Traini die Wahl: Er kann den Anschlag unterbinden oder den Dingen ihren Lauf lassen. Er entscheidet sich für letzteres.

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert

Momente wie dieser sind in Damiano Damianis Film von entscheidender Bedeutung: Traini hat, wie alle Figuren des Films, die Wahl. Traini und Bonavia, die beiden zentralen Figuren der Handlung, haben jeweils eine unterschiedliche Wahl getroffen. Traini hat beschlossen, an die Sinnhaftigkeit des Rechtsstaats zu glauben. Bonavia hat diesen Glauben verloren und sich für Selbstjustiz entschieden. Die Wahlfreiheit ist zugleich ein moralischer Imperativ. Bonavia weiß, welche Konsequenzen diese Wahl hat und zwangsläufig muss er sich später dafür verantworten.

Natürlich ist die Wahlfreiheit von Traini und Bonavia eine beschränkte. Die Mafia schließlich ist der Clan, der, dem deutschen Titel zufolge, seine Feinde lebendig einmauert. Die Mafia beschränkt den Bewegungsspielraum, nimmt die Luft zum Atmen, fast buchstäblich etwa, wenn im zweiten Abschnitt des Films Serena Li Puma (Marilu Tolo), die ehemalige Geliebte des Gangsterbosses, zwischen die Fronten gerät und in einem kleinen Appartement mit geschlossenen Rollläden Zuflucht suchen muss.

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert ist der bekannteste einer Reihe von Filmen über die italienische Mafia, die Damiano Damiani ab den frühen 70er Jahren drehte und die 1984 in der TV-Miniserie Allein gegen die Mafia (La piovra) ihren Höhepunkt fanden. Ein sehr interessantes Projekt verfolgte der Regisseur in diesen Werken: Aus einer politisch dezidiert linken Position drehte er mindestens sozial-, oft explizit systemkritische Genrefilme, die eine Ergänzung, in mancher Hinsicht auch eine Gegenposition zu den ungefähr im selben Zeitraum entstandenen Mafiafilmen Francesco Rosis – den wahrscheinlich zurecht berühmtesten filmischen Arbeiten zum Thema – darstellen.

Zunächst unterscheiden sich die beiden Regisseure auf der Bildebene. Dem fast barocken, an Luchino Visconti geschulten Stilwillen Rosis entspricht bei Damiani eine Form, die sich dem Inhalt vollständig unterordnet. Was nicht heißen soll, dass seine Film visuell uninteressant wären. Ganz im Gegenteil begeistert Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert mit seinen exakt durchkomponierten Cinemascope-Tableaus, die freilich nie mehr sind als die Verräumlichung der narrativen Konflikte, die der erstaunlich pathosfreie Film entwirft. Als Musterbeispiel darf das grandiose Schlussbild gelten, über das hier nichts Genaueres verraten werden soll.

Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert

Die Differenzen zwischen Rosi und Damiani betreffen jedoch auch grundsätzlichere Bereiche. Während Rosi in seinen Filmen (unter anderem Il caso Mattei, 1971 und Lucky Luciano, 1973) versucht, die Organisation der Mafia direkt in Form und Narration seiner Filme sichtbar zu machen, orientiert sich ein Film wie Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert stärker an den tradierten dramaturgischen Strukturen des Genrekinos: Über weite Strecken definiert er sich in erster Linie als beeindruckendes Schauspielerduell zweier herausragender Hauptdarsteller. Der Film wechselt zwar in der ersten Hälfte für einige Sequenzen radikal den Blickwinkel und treibt die Geschichte aus der Perspektive Lomunnos voran. Dennoch bleibt der titelgebende Clan auch in solchen Momenten zwar nicht gesichts-, wohl aber formlos. Lediglich in einer Schlüsselszene kurz vor Schluss nimmt er figürlich Gestalt an, als in sich kohärentes und lückenloses Männerbündnis, in der jede Position prinzipiell ersetzbar ist. Die vielleicht eindrücklichste Metapher für die Rolle der organisierten Kriminalität innerhalb der italienischen Gesellschaft findet der Film an anderer Stelle. Eine Montagesequenz zeigt, wie die Mafia ihre Feinde diesmal nicht lebendig, sondern tot einmauert. Leichen werden in Beton eingegossen und die dabei entstehenden Quader anschließend auf Baustellen weiterverarbeitet. Das Blut der Mafiaopfer wird zur Bausubstanz einer ganzen Nation.

Die DVD-Veröffentlichung von Koch Media präsentiert diesen unbedingt empfehlenswerten Film zum ersten Mal seit den 70er Jahren in Deutschland in der ungekürzten Originalversion. Die deutsche Tonspur ist nicht ganz vollständig, da sie von einer geschnittenen Fassung übernommen wurde. Die damals geschnittenen Szenen sind hier in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln eingefügt. Zu empfehlen ist aber ohnehin die (komplett deutsch untertitelte) italienische Tonspur, die ebenfalls auf der DVD zu finden ist. Ergänzt wird die schöne Veröffentlichung durch einen kurzen Essay des Filmpublizisten Christian Kessler, der ebenfalls auf das Verhältnis des Films zu den Werken Rosis eingeht.

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