Der Bunker

Für das Kind nur das Beste – in einem Bunker am Ende der Welt. In Form einer düsteren Groteske erzählt Nikias Chryssos von elterlichem Totalitarismus.

Der Bunker 01

Es gibt viele Fragen, die sich beim Sehen von Der Bunker auftun, dann aber sang- und klanglos aus dem Gedächtnis entfleuchen, weil schon die nächste Skurrilität hinter einer der Zimmerecken lauert. Wo zur Hölle befindet sich dieser obskure Bunker eigentlich? Welcher Erwerbstätigkeit gehen die sonderbaren, stets dem Irrsinn ins Gesicht blickenden Eltern nach? Und dann ist da Klaus (Daniel Fripan), der Sohn der Familie, der ganz offensichtlich weit von seinem angeblichen Alter entfernt ist. Oder doch nicht? Erklärung und Deduktion sind so ziemlich das Letzte, was diesen Film umtreibt. So viel er auch von Zucht und Ordnung erzählt, so wenig diszipliniert ist er in gewisser Weise selbst. Aufs Geratewohl kitzelt er unablässig an der Lust am Zusehen, am Erkunden von Bildern und Stimmungen. Und ehe man sich’s versieht, ist man schon mittendrin.

Überwachen und Strafen

Der Bunker 03

Chryssos weiß diese Lust ganz gekonnt zu wecken und zunächst auch aufrechtzuerhalten. Noch nie zuvor in der Filmgeschichte wurde wohl so eingehend, so liebevoll, so verklärend ein Spiegelei beschrieben. Im fahlen Licht darf der Blick schweifen über trostlose Küchenschränke und die extravaganten Kleidungsstücke der Protagonisten. Und ganz unheilschwanger mutet die Bemerkung an, ein Gast sei auf dem Weg in die schützenden vier Wände. Klaus lebt unter der strafenden, lobenden und dominierenden Obhut der Eltern in einem abgeschiedenen Bunker irgendwo im Nirgendwo. Als sich ein junger Student (Pit Bukowski), der seinen physikalischen Forschungen nachgehen will, dort einquartiert und beginnt, den Jungen zu unterrichten, gerät das reglementierte Familiengefüge langsam aus den Fugen.

Elterlicher Diktatur mit ausufernder Überzeichnung zu begegnen erscheint da als durchaus probates Mittel. Mit unzähligen Details im klaustrophobischen Setting wie einer Handgranate auf dem Kaminsims und einer Tischlampe, die von einer lasziv sich räkelnden Frauenskulptur umspielt wird, etabliert Chryssos muffiges Kleinbürgertum als burleskes Gruselkabinett, wie man es im deutschen Kino, dessen Tendenz zu Realismus und formaler Reduziertheit hier nonchalant der Mittelfinger entgegengestreckt wird, wahrlich selten zu sehen bekommt.

Ein Klassenzimmer als Ort der Anarchie

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Die Charaktere bleiben dabei so unbezwingbar wie die Wände des Bunkers, in dem sie leben. Zwischen Disziplinierung und Wahnsinn, zwischen Philisterhaftigkeit und triebhaften Ausbrüchen verschwimmen die Grenzen dieses bizarren Films, der nichts aufzudröseln versucht, sondern nur eigene Gesetzmäßigkeiten kennt. Einmal verfallen Klaus und der Student in einen regelrechten Spielrausch, einen Zustand, den der Junge davor noch nie erleben durfte und den Chryssos mithilfe einer fetzigen Montage aus Untersichten und Zeitlupen zu inszenieren versteht. Wo hat man denn schon mal gesehen, dass das Werfen eines Tafelschwammes in einen regelrechten Ausbruch von Anarchie führt?

Der Bunker 09

Bei diesem Vorhaben geht der Film so entschlossen vor, dass er immer wieder tunlichst darauf achten muss, sich mit Bommelpullover, anachronistischem Interieur und außerirdischen Organismen in Form von offenen Wunden nicht zu sehr in Verrücktheiten zu verlieren. Der Bunker schafft es immer wieder zu irritieren, eine Idee nach der anderen heranzuführen, auszubreiten und einzuflechten ins kuriose Ganze, doch niemals wirklich zu verwundern oder gar zu erschüttern, wie es etwa Giorgos Lanthimos’ meisterhafter, thematisch ähnlicher Parabel Dogtooth (Kynodontas, 2009) gelingt. Denn nicht selten läuft das Absurde hier Gefahr, einfach nur ins Leere zu laufen.

Ein wütender Strich

Der Bunker 11

Es gibt eine Szene, die ganz programmatisch für dieses Phänomen in Der Bunker steht. Da wird der Student vom Familienvater bei seiner konzentrierten Arbeit gestört und verfällt merklich in schlechte Laune. Als er sich schließlich wieder in Ruhe seinen Aufgaben widmen kann, scheint etwas Entscheidendes zu entstehen. Der Kopf beginnt zu zittern, als brodle etwas in ihm. Es knarzt der Stift auf dem Papier, bis wir schließlich das Ergebnis zu Gesicht bekommen. Ein simpler kurzer Bleistiftstrich, das ist alles. Immerzu ist Der Bunker darum bemüht, etwas hochkochen zu lassen und zu etwas Großem, etwas Aufregendem zu führen. Das Ergebnis ist in den meisten Momenten aber nur die Ernüchterung darüber, Nichtssagendes hervorzubringen. Natürlich bahnt sich ein finaler Konflikt an, nach ein paar bizarren Geburtstagsfeierlichkeiten ist klar, dass diese familiären Strukturen nur noch ins Wanken gebracht werden können. Dann könnte Chryssos’ Film mehr in Tragik verfangen sein oder, andersherum, mehr Versöhnlichkeit an den Tag legen. Nichts von alledem geschieht. Bis zur letzten Sekunde bleibt Der Bunker einfach nur überaus skurril. Und das ist vielleicht seine zentrale Schwachstelle.

Trailer zu „Der Bunker“


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