Der Biber

Jodie Foster führt Regie und spielt eine der Hauptrollen in dieser Tragikomödie über Depressionen. Doch der Star des Films ist Mel Gibsons linke Hand.

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Mozart soll noch als Erwachsener manchmal miaut haben. Bis heute wird deshalb spekuliert, ob der geniale Komponist unter einer psychischen Erkrankung litt oder einfach nur Zeit seines kurzen Lebens ein großes Kind blieb. Für Walter Black (Mel Gibson) trifft beides zu: Er ist klinisch schwer depressiv und entdeckt nach einem Selbstmordversuch eine psychologische Kompensationsstrategie, die den Familienvater infantil wirken lässt, seine Krankheitssymptome jedoch deutlich mindert. Die Flucht ins Kind-Sein, die Abwendung von der Welt der Erwachsenen, gelingt ihm mit einer Handpuppe aus seinen Kindertagen: einem Biber.

Nicht zufällig rückt Regisseurin Jodie Foster immer wieder handwerkliche Tätigkeiten mit Holz ins Bild. Der unermüdliche Biber vermag mit Beharrlichkeit jene Burgen und Dämme aus Holz zu bauen, die ihn vor der feindlichen Außenwelt schützen. Walters Biber übernimmt genau jene Schutzfunktion, ohne die sein „verdammtes Leben“ kaum noch zu retten wäre: Nachdem sie die Depression ihres Mannes jahrelang ertragen hat, trennt sich die entkräftete Meredith (Jodie Foster) von Walter, der ältere Sohn Porter (Anton Yelchin) distanziert sich deutlich von seinem Vater, und Walters Karriere geht ebenfalls bergab, da die Krankheit es unmöglich macht, seine Spielzeugfirma erfolgreich zu führen.

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Der über die linke Hand gestülpte Biber aber wirkt wie ein umgehend einsetzendes Antidepressivum: Walter kann endlich wieder kommunizieren, lachen und arbeiten. Er ist nicht mehr wiederzuerkennen mit der Puppe, die ihn überall hin begleitet. Familie und Kollegen erliegen dem neuen Charme Walters, der offenbar mehr vom Biber gesteuert wird als vice versa. Der Neustart scheint geglückt, als Meredith ihn wieder ins familiäre Heim einziehen lässt.

Doch Der Biber entwickelt sich von einer Komödie zur Tragödie. Hatte der Film anfangs mit Slapstick-Szenen und einer kräftigen Prise trockenen Humors den Eindruck gemacht,  das Thema Depression nicht ernst zu nehmen, sondern es – wie einige skandinavische Komödien – für billige Lacher auszubeuten, so zeigen sich bald Lecks in Walters Biberdamm, die Realität sickert ein. Meredith wird der Puppe rasch überdrüssig, als das vermeintlich temporäre Hilfsinstrument keine Anstalten macht, ihr Haus wieder zu verlassen – sie will ihren Mann zurück und keinen Biber als Ersatz. Nach einer Konfrontation gerät Walters Psyche erneut aus dem Gleichgewicht. Der Biber tritt zwischen ihn und seine Familie, will ihn für sich allein haben und agiert immer manipulativer, bis Walter autoaggressive Symptome zeigt und einen radikalen Ausweg findet, um sich aus der Abhängigkeit von seiner therapeutischen Puppe zu lösen.

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Es ist bewundernswert, wie der wegen privater Eskapaden zuletzt stark kritisierte Mel Gibson hier sein Comeback schafft. Er scheint mit der Puppe zu verschmelzen, führt sie mit großem Geschick und noch größerer Hingabe, sodass sie nicht nur für Walter, sondern auch für das Publikum bald ein Eigenleben zu entwickeln scheint. Gibson gibt dem Biber eine (verstellte) Stimme, lässt ihn mit starkem britischem Akzent und dem Cookie Monster ähnlichen grammatischen Fehlern sprechen und verleiht ihm eigene Charakterzüge. Ebenso wie Gibson sich furchtlos in die heikle, weil potenziell peinliche Aufgabe stürzt, eine Puppe zum Leben zu erwecken, so zeigt auch die Figur Walter keine Scham. Solange dies therapeutische Erfolge verspricht, lebt der reife Mann seine Infantilität aus und nimmt den Biber mit unter die Dusche, zum Joggen und auf Arbeit. Einzig sein jüngerer Sohn Henry (Riley Thomas Stewart) kann diese für die Außenwelt lächerlich wirkende Spaltung vorbehaltlos akzeptieren. Für ein Kind ist auch das im Erwachsenen fortlebende Kind keine Absonderlichkeit.

Unangenehm ist indes, wie Jodie Foster ihren Film überfrachtet – mit Emotionen ebenso wie mit Erzählsträngen. Der Subplot um Walters Sohn Porter wirkt wie eine aufgesetzte Love Story, die ein Gegengewicht zu den tragischen Elementen setzen soll, um Der Biber für ein breiteres Publikum konsumierbar zu machen. Anders als Walter versteckt Porter sein eigenes Leiden und lässt den Druck über eher ungesunde Ventil-Mechanismen ab. Erst die Liebe zu Norah (Jennifer Lawrence aus Winter’s Bone, 2010) vermag ihn zu heilen.

Solche Sentimentalitäten gönnt sich Foster zum Ende hin immer häufiger. Die Streichermusik dazu wird immer penetranter, und zum Schluss muss eine Achterbahnfahrt als abgegriffene Metapher für das Leben herhalten.

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Diese sich im letzten Drittel des Films häufenden Schwächen können den guten Gesamteindruck jedoch nur abschwächen, nicht aber zerstören. Das Drehbuch von Kyle Killen beweist über weite Strecken ein Händchen für eine behutsame, kontrastreiche Dramaturgie und wird von ausdifferenzierten Charakteren unterstützt, die von starken Schauspielern – allen voran Mel Gibson – getragen werden. Am Ende wagt sich der Film sogar über die bloße Darstellung depressiver Erkrankungen hinaus und geht zur Analyse von gesellschaftlichen Mechanismen über, die sich als therapeutisch kontraproduktiv erweisen. So greift ein Schlussmonolog Norahs alltägliche Hohlphrasen wie „Everything will be alright“ und „I’m ok“ als Lügen an, die eher der Verdrängung als der Heilung von Depressionen dienen. Dass der Film zudem eine „Kohlenstoff-neutrale Produktion“ ist, wird auch das Titel-gebende Nagetier freuen.

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