Der Besucher

Jukka-Pekka Valkeapääs Langfilmdebüt ist eine filmische Märchengeschichte aus einer entfernten und zeitlosen Landschaft.

Der Besucher

Die Gesten sind eingespielt in der kleinen Welt des Bauernhofs, der auf einer dampfigen Lichtung umgeben vom düsteren finnischen Wald steht und von einem stummen Jungen (Vitali Bobrov) und seiner lahmenden Mutter (Emilia Ikäheimo) bewohnt wird: Der Junge zieht die Wassereimer aus dem Brunnen empor, die Mutter bringt sie zum Haus. Sie holt die Eier aus dem Hühnerstall, er trägt sie in die Küche. Gemeinsam schälen sie Kartoffeln. Bei Sonnenschein, bei Regen und im kalten, weißen Winter.

Jukka-Pekka Valkeapää dokumentiert diese Gesten mit wenigen, sehr genau ausgewählten Kameraeinstellungen und lässt in jedem Bild die Kontinuität durchschimmern, die das Leben des stummen Sohnes und der lahmenden Mutter bestimmt. Ein Tag gleicht dem anderen hier – das vermittelt die erste halbe Stunde des Films, die gänzlich auf Dialoge verzichtet, weil in der Welt von Sohn und Mutter schon alles gesagt ist. Der Vater (Jorma Tommila) ist im Gefängnis und wird wiederkommen oder nicht, und sie sind auf ihrem Hof und werden dort bleiben, bis ihr weißblondes Haar silbrig schimmert.

Der Besucher

Nachdem Valkeapää diese beklemmend enge Welt skizziert und ihren Rhythmus etabliert hat, konfrontiert er sie mit dem Unerwarteten aus dem Nichts. Wie vom Regen angespült taucht plötzlich ein junger, fremder Mann (Pavel Liska) mit schwarzem Mantel und Hut auf. Er spricht den ersten Satz: „Nicht anfassen. Nicht anfassen“, schreit der Wanderer den stummen Jungen an, als dieser in der Nacht neugierig seine Schürfwunden inspiziert. Der Fremde wird gewaschen, gereinigt und gepflegt. Und er wird bleiben.

Tankred Dorst hat sich für eine ganz ähnliche Versuchsanordnung in seinem Film Klaras Mutter (1978) interessiert: Ein Fremder taucht auf und dringt in die Welt einer Mutter und ihrer Tochter ein, um sie zu irritieren. Dort wie hier wird die hermetische und selbstgenügsame Welt der Familie angebrochen und gerät durch das Auftauchen eines unbekannten Mannes in ein emotionales Durcheinander.

Der Besucher

Von dem Besuch des fremden Wanderers ist in Valkeapääs Welt vor allem der stumme Junge irritiert: Wer ist dieser Mann? Warum schläft er mit meiner Mutter in einem Bett? Muss ich um meinen Platz als „Mann im Haus“ fürchten? Dies sind die existenziellen Fragen, die er sich stellt und die der Film formuliert, ohne sie in plumpe Dialoge zu stecken. Sie sind dem immer reifer wirkenden Gesicht des stummen Jungen ablesbar. Er wird erwachsen, und wir schauen ihm dabei zu.

Der Fremde wirkt hierbei wie ein Katalysator, denn er konfrontiert den Jungen mit der bösen Realität jenseits der Lichtung: Da wird betrogen, geraubt und gemordet. Nachdem der Besucher mit der Mutter geschlafen hat und das Pferd – den einzigen Freund des Jungen – von einer Klippe in den Tod hat galoppieren lassen, verschwindet er wieder. Zurück bleibt der Hof mit der Mutter und dem Jungen. Aber nichts ist mehr so, wie es einmal war. Und dennoch schimmert ein für das Märchen übliches Ende durch, das sagen will: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute an ihrer dampfigen Lichtung mitten im finsteren Wald.

Der Besucher

Der Besucher ist im Grunde ein klassischer Märchenfilm. Der Regisseur Jukka-Pekka Valkeapää entzieht seine Geschichte bewusst dem Horizont der Wahrscheinlichkeit und entwirft mit seinem Kameramann Tuomo Hutri eindringliche Metaphern, die der fantastischen Gedankenwelt des Kindes entlehnt sind. Die erste Einstellung zeigt das Gesicht des Jungen, das er in einer Wassertonne untertaucht, um zu sehen, wie lange er die Luft anhalten kann. Der Druck und die Erleichterung beim Aufatmen: Dieses Bild nimmt vielleicht schon das Gefühl vorweg, das Valkepää vermitteln will.

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Kommentare


Martin Z.

Ein ganz ungewöhnlicher Film, bei dem Vieles anders ist als sonst üblich. Über weite Strecken gibt es keine Dialoge und fast keine Musik, nur das Rauschen von Regen oder Wind. Was in den Köpfen der wenigen Personen vorgeht, muss man erahnen, sie sagen ja nichts. Dafür gibt es aber ungewöhnliche Kameraeinstellungen, in denen oft nur ein Teil des Bildes sichtbar ist, andere Teile sind verdeckt, dann ein Wechsel zu kleinen Details. Das Entscheidende ist aber die Geschichte und hier bleiben wir mit vielen Fragen zurück. Falls man mit anderen schaut, kann man die schon während des Films stellen und diskutieren, man verpasst ja keine Dialoge: z.B. Was ist in der Blechdose? Was verbindet Vater und Besucher? Welche Bedeutung haben die Raben? Geht es ein wenig in Richtung Mystery? etc
Eigentlich passiert fast nichts auf dem abgeschiedenen Hof in den Wäldern Finnlands. Und wenn, dann nur in Bruchstücken. Manche Reaktionen sind schwer nachvollziehbar und werfen weitere Fragen auf. Das scheint wohl beabsichtigt, quasi als interkommunikatives Element. Ansonsten bleiben nur die eindrucksvollen Bilder im Kopf.






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