Der Baader Meinhof Komplex

Mit einer so geglückten wie rücksichtslosen Werbekampagne hat Produzent Bernd Eichinger seine Version des Baader Meinhof Komplexes zum deutschen Kino-Event des Jahres stilisiert. Weder inhaltlich noch formal kann der Film diesen Hype rechtfertigen.

Der Baader Meinhof Komplex

Plötzlich ist da Tom Schilling, der sich eben noch als Robert Zimmermann über die Liebe gewundert hat (Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe, 2008), und spielt den Taxi Driver. Wir sehen seine Figur isoliert vor dem Fernseher, den Feind beobachtend. Das ist Rudi Dutschke, in Gestik und Agitation mimetisch von Sebastian Blomberg verkörpert.

Der junge Mann zückt die Pistole, verlässt das Haus und stellt sein Opfer. Nach dem Anschlag findet er im Kugelhagel der Polizei ein schnelles Filmende. Ob der Attentäter, dessen Name nie genannt wird, tatsächlich stirbt, bleibt ungewiss. Die Person, Josef Bachmann, ist irrelevant. Was zählt, ist die Tat, sind der Name des Schauspielers und dessen Gesicht. Constantin-Chef Bernd Eichinger hat mit Der Untergang (2004) sein ganz eigenes Sujet geschaffen. Die Verfilmung eines nicht-fiktionalen Buches als scheinbar schulklassentaugliche Geschichtsstunde. Auffälligstes Merkmal dieses Konzeptes: Schauspieler sollen historischen Personen zum Verwechseln ähnlich sehen.

Ganz/Hitler/Ganz/Hitler/Hitler/Ganz/Ganz/Hitler. Verwechslungen bis ins Wachsfigurenkabinett. Mit diesem schlichten Konzept und dem Gestus „Wir zeigen, wie es wirklich war“ hat es Eichingers Führerbunkerschauermärchen bis zur Oscarverleihung geschafft. Dort sind richtig deutsche Stoffe gerne gesehen. Das Leben der Anderen (2005) erreichte, was Eichinger versagt worden war. Nun der nächste Anlauf. Nach Nazis und Stasi blieb logisch nur noch eine Planstelle: RAF. Gerade jetzt, wo Terrorismus doch das mediale Thema ist. Immerhin ist Der Baader Meinhof Komplex als deutscher Vertreter für den Oscar vorgeschlagen. Wieder zeigt der Trailer vor allem eines: Bleibtreu sieht aus wie Baader, Gedeck wie Meinhof und Wokalek wie Ensslin. Hitler ist auch mit von der Partie.

Der Baader Meinhof Komplex

Schön, wenn sich eine große deutsche Wochenzeitschrift dann noch der PR-Agentur anschließt und historische Aufnahmen Szenenfotos gegenüberstellt. Als Titelaufmacher mit einer unheilvollen Melange aus Setbericht, Interview und Screeningeindrücken.

Nun, der Rest der journalistischen Welt, der nicht zum verlängerten Eichingerarm gezählt wird, durfte den Film immerhin eine Woche vor offiziellem Kinostart und damit einen Tag nach der Premiere sehen.

Kurz nach Tom Schilling ist Alexandra Maria Lara, Untergang-erfahren, auf der Leinwand zu sehen. Ihr ergeht es nicht viel besser, auch sie verschwindet bald von der Bildfläche und mit ihr Petra Schelm, erste Tote auf Seiten der RAF. Um die soll es eigentlich gehen, zwischen den unzähligen Starauftritten.

 

Wie alles begann

Der Baader Meinhof Komplex

Ulrike Meinhof mit Familie im FKK-Urlaub auf Sylt. Noch scheint die Welt konkret in Ordnung, immerhin schaut Stefan Aust, der wie ein Praktikant wirkt, abends vorbei und Feste werden gefeiert. Doch der Schah-Besuch ändert alles. Erst prügeln vermeintliche iranische Studenten, dann deutsche Ordnungshüter auf die Demonstranten ein. Inmitten der Krawalle löst sich ein Schuss. Benno Ohnesorg ist tödlich getroffen. Regisseur Uli Edel verzichtet in dieser Sequenz weitestgehend auf historische Aufnahmen, aufwändig hat er die brutalen Zusammenstöße der Parteien nachinszeniert. Und diesmal sieht es schlimmer aus als im Archivmaterial. Edels Schahbesuch ist kein Vorbote, es ist bereits der Bürgerkrieg.

Der Baader Meinhof Komplex

Danach hat der Film seine stärkste Phase, wenn er einer inneren historischen Logik folgt und äußerst pointiert die Schlaglichter der folgenden Monate in dokumentarischen Bildern präsentiert: Vietnam, das blutige Ende des Prager Frühlings, Straßenkampf in Paris, schließlich besagtes Attentat auf Dutschke. Dass Ulrike Meinhof aktiv werden muss, trotz ihrer Kinder, scheint zwingend. Nicht nur sie, auch Gudrun Ensslin. Beide stellvertretend für eine breite jugendliche linke Fraktion der späten deutschen Nachkriegsgesellschaft. Ensslins Befürchtung, die Altnazis würden wieder schießen, klingt nachvollziehbar. Die deutschen Gesetzesvertreter ähneln in ihrem alles andere als zimperlichen Vorgehen, nicht nur gegenüber der Linken, sondern auch gegenüber Bachmann, der SS.

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Dafür gibt es dann BKA-Chef Herold, in der Aneignung durch Bruno Ganz ein Weiser, orakelndes Medium mit Rasterfahndung. Als Willy Brandt bei seiner Vereidigung von „mehr Demokratie wagen“ spricht, ist den Ensslins und Meinhofs dieser Welt eigentlich der militante Boden unter den Füßen weggezogen worden. Bis hierher war ihre, vor allem Meinhofs Entwicklung, nachvollziehbar: Zum einen nimmt der Film zu Beginn Meinhofs Perspektive ein und gibt ihrer Figur sehr viel Raum. Zum anderen hat sich Martina Gedeck auf im deutschen Film seltene Weise in ihre Rolle hineingearbeitet. Wie sie den langsamen und dennoch atemlosen Duktus Meinhofs intoniert, verblüfft. Und so kann man den gerafften Ereignissen der Jahre 1967-1970 gut folgen.

 

Was ist das für eine scheiß bourgeoise Fragestellung?“

(Moritz Bleibtreu als Andreas Baader)

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Doch von nun an wird es komplex, was Stefan Aust ja schon im Titel der literarischen Vorlage anklingen lässt. Die Eskalation zwischen Staat und Linksmilitanten auf der einen, innerhalb der RAF-Führungsriege auf der anderen Seite ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen. Schnell kann man hier falsche Schlüsse ziehen. Wie offensichtlich auch das Innenministerium, das nach Verhaftung aller Hauptverdächtigen 1970 das Kapitel RAF für beendet erklärt. Ein fataler Irrtum. So wie der Irrglaube Eichingers, in zweieinhalb Stunden eine komplette Chronik der Ereignisse vorlegen zu können. Vor allem, wenn ausschließlich die im Zentrum stehen. Ereignisse, das sind Taten. Auf deren Rekonstruktion wird viel Zeit und Detailliebe verwandt. Insbesondere, was die Entführung Schleyers anbelangt.

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Die Motivationen bleiben im Dunkeln. So behauptet der Film in seinem Verfahren der Annäherung, Anpassung, Angleichung an historische Bilder und Figuren, Zusammenhänge abzubilden. Tut er aber nicht. Er ist so nah dran, so 1:1, dass kein Freiraum bleibt. Die Überblendung von Rolle und Figur, von Szene und Bild erdrückt. Schlimmer noch: Durch Fehlbesetzungen wie die Moritz Bleibtreus als Andreas Baader und Nadja Uhls als Brigitte Mohnhaupt verzerrt der Film die historischen Figuren ins Lächerliche. Edel und Eichinger zeigen Baader vor allem als Witzfigur. In einer Italien-Szene wird das ganz deutlich. An deren Ende flucht Bleibtreu, wie man es von Baader kennt. So lächerlich Baaders Auftreten zum Teil auch gewesen sein mag, das Derbe, Brutale seines Charakters kann Bleibtreu nur behaupten. Bei der holzschnittartigen Präsentation der Figur Mohnhaupt mit ihrer abgründigen Menschenverachtung verhält es sich ähnlich.

Der Baader Meinhof Komplex

Nur Johanna Wokalek vermag diesen Behauptungen etwas Eigenes entgegenzusetzen. Ihre Ensslin ist so resolut, reuelos, kalt und rücksichtslos, wie alle historischen Quellen belegen. Wokalek sucht in ihrem Spiel gar nicht erst nach Erklärungen für dieses Verhalten. Wie, und vor allem, wo auch – bietet Eichinger anders als Aust für solch ausschweifende Tiefenbetrachtung doch keinen Raum. Den betritt Baader erst sehr spät, und als die Tür auffliegt, weiß man, dass er es sein muss. Er kommt aus dem Nichts, und bis zum selbstgewählten Ende in der eigenen Blutlache wird die Figur auch nicht angereichert.

Wie kann man sich heute zur RAF und ihrer, unserer deutschen Geschichte, verhalten? Eichingers Baader Meinhof Komplex bietet für diese Frage keine Anknüpfungspunkte. Wer jemals Christian Klar im Gespräch mit Günter Gaus gesehen hat, der kann nachvollziehen, wie sehr wohlgemerkt beide Parteien einen Riss durch die Nation gezogen haben, der bis heute schmerzt und der nicht vernarben will.

Bei Eichinger, dem penetranten Alles-Zeiger, der seinem Publikum weder Abstraktions- noch Phantasie-Raum lässt, läuft anfangs Janis Joplin und am Ende Bob Dylan. Das sagt eigentlich alles.

Trailer zu „Der Baader Meinhof Komplex“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Dirk Pages

Schade, mit dem Film wurde eine Chance vertan, ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte sachlich aufzuarbeiten. Die in dem Film angesprochene "Rasterfahndung" hat große Teile einer Generation zu spüren bekommen, teilweise sogar durch Denunzierungen aus der Nachbarschaft. Das war neben den Morden der RAF das andere traurige Kapitel dieser Epoche. Dennoch: wenn die jüngere Generation durch diesen Film angeregt werden sollte, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen, hat der Film seine Berechtigung.


nils

Meiner Meinung nach ein Film der überzeugt, aber zu viel Spielraum für Interpretation lässt. Vorallem finde ich es erschreckend wie hoch der Coolness - Faktor der Terrorgruppe dargestellt wird. Gerade Jugendliche und Erwachsene bis 25 könnten diesen Film falsch auffassen. Wenn man nicht dabei gewesen ist, wirken die Aktionen fast gerechtfertigt und nachvollziehbar. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich vorallem gegen Anfang des Filmes in mir ein Gewaltpotenzial gespürt habe, dass vom Staat ausgelöst wurde. Dies hat sich zu meinem Erschrecken nicht gelegt, da die Terroristen, nicht als Terroristen sondern als Helden untergingen.
Ein Fazit oder ein abschließendes Resumee über Opferzahlen etc., hätte dem Film die richtige INtention verliehen. So hoffe ich, dass grade die Jugend, die nicht genügend Hintergrundwissen besitzt diesen Film richitg einordnet und sich nicht durch die "coolen" Terroristen beeinflussen lässt. Gerade Schülergruppen, die diesen Film besuchen, sollten sich mit ihren Lehrern ausführlichst darüber unterhalten, da dieses Thema erst in der Oberstufe angesprochen wird, und demzufolge Schüler der Real- oder Hauptschule keinerlei Chance haben zu vertstehen was da damals abging. Ich bin selber noch SChüler und habe selten einen Film gesehen, der so bedrohlich wirkt und die Menschen spaltet: Bsp. Kopfschütteln der älteren Generation und immer wieder Schmuntzler und Lacher auf Jugendlicher Seite.


Romy Straßenburg

Während die deutschen Filmkritiker eher zweifelnd auf den Streifen über ein weiteres Kapitel deutscher Geschichte sehen, ist Paris geradezu gepflaster mit Plakaten für "La Bande à Baader" - so bereits der Titel des Buches von S. Aust. Nun ist es in Frankreich relativ ungewöhnlich, dass ein Film mit fast 150 Filmrollen in die Kinos geht. Nicht zuletzt die heftige Promotion hat dafür gesorgt, dass der Film hier von sich Reden macht. Der ehemalige Deutschlandkorrespondent von Le Monde, Daniel Vernet, schaffte es mit seiner Besprechung des Film auf Seite drei, was dafür spricht, dass einmal mehr gilt "german history sells". Bei Festival des deutschen Film in Paris in diesem Oktober besuchten viele Franzosen jene Filme, die entweder einen Osttouch aufboten oder aber einmal mehr das Kapitel "Hitlerdeutschland" ins Visier nehmen. Wenn ARTE seine höchste Einschaltquote ever mit dem Film "Good bye Lenin" erzielt, dann zeigt das ebenso wie sehr die Nachbarn westlich des Rheins auf deutsche Geschichte versessen sind. Vielleicht auch, weil sie sich selbst so schwer damit tun, auch die dunklen Kapitel ihrer eigenen Historie auf die Leinwand zu bringen. Bis auf den Film "Indigènes" gab es in den letzten Jahren kaum französische Geschichtsstunden im Kino, oder irre ich mich? Vielleicht sollte an diesem Montag im deutsch-französischen Ministerrat einmal darüber geredet werden, warum die Deutschen nicht auch mal ein bisschen mehr Autorenkino zu bieten hätten (ohne dabei gleich in die Tristesse der Berliner Schule zu verfallen) eher in Richtung "So ist Paris" (Klapisch)
oder gerne in den Fußstapfen Claudels, poetischer und tiefgründiger, ohne die Spannung aufzugeben, wie es so oft bei deutschen pseudo-melodramen der Fall ist. Im Gegenzug könnten sich die Franzosen einen Ausflug nach Vichy erlauben, um das Cliché der Nation von Resistance Kämpfern ein wenig zu begradigen, aber auch das Kapitel Algerien hielte noch so einigen filmischen Stoff bereit. In jedem Fall scheint mir Baader ein gutes Beispiel, wie die Qualität eines deutschen Film in den Hintergrund rückt, wenn es doch vornehmlich um den historischen Inhalt geht. Allerdings könnte man sich in diesem Fall eher eine der gut gemachten Dokumentationen der letzten Jahre anschauen...
Einziges Trostpflaster in der Baader-Welle: der Film läuft in Frankreich auf deutsch, so geht die Authentizität der Terror-Jahre, die anscheinend beim Regisseur an erster Stelle steht, nicht verloren.
Gruss aus Paris
Romy


Lukas Foerster

Hm, der letzte französische Film, der halbwegs in diese Sparte passt und den ich gesehen habe war "Un long dimanche de fiançailles" und danach war ich eigentlich froh, dass die Franzosen so etwas eher selten fabrizieren... Was deutsche Autorenfilme jenseits der Berliner Schule (die ich im Allgemeinen sehr schätze) angeht, hat mir neulich auf DVD "Mein Herz ist ein dunkler Wald" seht zugesagt, vielleicht geht das in die Richtung, die Dir vorschwebt.


Frédéric

Wenn diese filmischen Geschichtsstunden dann wie "Les Amants réguliers" von Philippe Garrel aussehen würden, dann wäre ich auch dafür, Romy. Jeunets Film sollte jedenfalls kein Vorbild sein...






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