Der Architekt

Familiendrama in den Tiroler Bergen: Nachdem der Architekt Georg in sein Heimatdorf zurückkehrt, um seine Mutter zu beerdigen, wird er von den Geistern der Vergangenheit eingeholt.

Der Architekt

In den letzten zehn Jahren ist es Josef Bierbichler zunehmend gelungen, sich trotz seiner stets hörbaren bayrischen Herkunft bei der Rollenauswahl nicht regional beschränken zu lassen. Mit Engagements bei renommierten Regisseuren wie Tom Tykwer und Michael Haneke konnte sich Bierbichler sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene behaupten. Gerade in letzter Zeit sind seine meist wortkargen und launischen Charaktere im deutschen Kino auffällig präsent. Als wäre sein Name automatisch mit der kalten Jahreszeit und dysfunktionalen Familien verknüpft, ist Bierbichler nun nach Winterreise (2006) und Im Winter ein Jahr (2008) mit Ina Weisses Regiedebüt Der Architekt erneut in einem Drama vor verschneiter Kulisse zu sehen.

Zur Beerdigung seiner Mutter kehrt der Architekt Georg Winter (Bierbichler) gemeinsam mit Frau (Hilde von Mieghem) und Kindern (Sandra Hüller, Matthias Schweighöfer) nach langer Zeit in sein Heimatdorf zurück. Während der Beerdigung geht er der mysteriösen Hannah (Sophie Rois) und ihrem Sohn Alex (Lucas Zolgar) auffällig aus dem Weg und sträubt sich auch ansonsten beharrlich gegen den unfreiwilligen Aufenthalt. Als ein Schneesturm die Familie in dem Dorf festhält, wird Georg mit Verdrängtem aus seiner Vergangenheit konfrontiert.

Der Architekt

Die Winters sind eine gutbürgerliche Familie, wie sie im Buche steht. Zwar verfügen sie über materiellen Wohlstand, emotional sind sie aber voneinander entfremdet. Während Tochter Reh als angehende Konzertviolinistin der ganze Stolz des Vaters ist, hat dieser für den nichtsnutzigen Sohn nur wenig übrig. Mutter Anna ertränkt ihren sexuellen Frust und die mangelnde Aufmerksamkeit ihres Gatten mit reichlich Alkohol. Obwohl die Figuren durchaus stereotype Züge tragen, gelingen Weisse und ihren Schauspielern immer wieder emotional dichte Augenblicke, die angenehm unkonstruiert wirken. Besonders unauffällige Szenen wie der Leichenschmaus oder der Besuch im Haus der Mutter erzählen geradezu beiläufig von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Familienmitglieder. Dementsprechend sind auch die leisen Dialoge, wie etwa zwischen Rois und Bierbichler, am intensivsten, während die theatralischen Gefühlsausbrüche von Hüller und Mieghem zu gewollt wirken.

Neben dem abgeschiedenen Schauplatz verdeutlicht Weisse die Isolation und Verlorenheit der Figuren auch mehrmals, indem sie ihre Darsteller alleine und unter großer Anstrengung durch den hohen Schnee stapfen lässt. Im Gegensatz zu solchen beschwerlichen Bildern gelingen der Regisseurin andererseits immer wieder Augenblicke voller subtilen Humors. Im besten Fall wird daraus eine kabarettistische Höchstleistung wie die Essensbestellung im örtlichen Wirtshaus. Mit einer grandios unterkühlten und zickigen Maria Hofstätter als Bedienung entspinnt sich hier ein absurder Dialog über Speisekartenbürokratie.

Der Architekt

Mit einer Familie in einer Extremsituation verfügt Der Architekt über die besten Voraussetzungen für ein wirkungsvolles Kammerspiel. Im Verlauf des Films lässt Weisse ihre Figuren jedoch zunehmend mit ihrem Schmerz allein, anstatt sie miteinander zu konfrontieren. Hier entgeht dem Film reichlich Konfliktpotenzial, was sich vor allem darin zeigt, dass die Handlung gegen Ende erheblich an Dynamik verliert.

Wenn man nach der Hälfte des Films Georgs dunkles Geheimnis erfährt, wirkt die Offensichtlichkeit und Banalität dieser Enthüllung zunächst etwas enttäuschend. Dennoch hätte Weisse auf die Einfachheit ihrer Geschichte vertrauen sollen. Stattdessen überfrachtet sie ihren Film symbolisch, indem sie Georg aus dem Nichts heraus auch noch an einer unheilbaren Krankheit leiden lässt. Dabei hätte der Film so ein abgehobenes Erlösungsmotiv gar nicht nötig gehabt. So macht die Ambition, der Geschichte mehr Größe zu verleihen, mehr kaputt, als sie rettet.

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