Denk ich an Deutschland in der Nacht

Astronaut werden oder doch lieber DJ? Romuald Karmakar findet in der aktuellen elektronischen Tanzmusik die Romantiker des 21. Jahrhunderts.

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Es gehört vermutlich zu den größten Missverständnissen der jüngeren Musikgeschichte, dass Techno leicht zu verstehen sei. Tatsächlich wirkt der Sound erst mal sehr zugänglich, weil er so aufs Wesentliche reduziert ist – die Bassdrum bleibt meist gerade, und so etwas wie eine Songstruktur findet man nur in Ansätzen. Doch gerade wegen des minimalistischen Grundgerüstes sind auch die Unterschiede feiner. Um als Hörer an einen Punkt zu kommen, an dem man kein austauschbares Geklöppel mehr hört, sondern unterschiedliche Rhythmen, Stile und Handschriften, kann eine ganze Weile vergehen. Der Frankfurter DJ Ata vergleicht die heutige elektronische Tanzmusik – vor deren Vielfalt selbst ein Profi wie er kapitulieren muss – mit einem großen Teppich. Jeder kann diesen Teppich anschauen und bewundern. Will man aber seine Struktur verstehen, muss man eine Menge Zeit und Arbeit investieren.

Forscher in einer Welt der kosmischen Klänge

Denk ich an Deutschland in der Nacht 3

Romuald Karmakars schöner Dokumentarfilm Denk ich an Deutschland in der Nacht will seinen Zuschauern diese Arbeit zwar nicht abnehmen, aber er gibt einen guten Eindruck von der Komplexität seines Sujets. Wenn er DJs bei der Arbeit zeigt, lässt er die Einstellungen einfach so lange stehen, bis man die Unterschiede selbst zu sehen und zu hören beginnt. Wie der Sound mal lässiger, reduzierter und mehr auf den Beat konzentriert ist und sich dann wieder in fast symphonische Höhen schraubt. Oder wie jeder Club seine eigene Atmosphäre und sein eigenes Publikum hat – das manchmal nur ratschend in der Gegend rumsteht und sich noch zu keiner homogenen Feiermenge geformt hat und manchmal auch schon ziemlich derangiert aussieht, dafür aber ganz bei sich ist. Das alles sehen wir aus sicherer Entfernung; in luftigen Bildern, die zwar ein Hauptaugenmerk haben, aber eben auch Platz für anderes. Karmakar versucht nicht zu systematisieren oder allgemeingültige Aussagen zu treffen. Vielmehr schafft er eine nicht lineare und doch zusammenhängende Erzählweise, die zwar Schwerpunkte zur Orientierung setzt, dabei aber auch nicht vergisst, dass ein Film nur ein Ausschnitt bleiben kann.

Denk ich an Deutschland in der Nacht 2

Dass die elektronische Musik etwas Unergründliches ist, wie eine Wissenschaft sogar, ist einer der Hauptgedanken, die sich durch den Film ziehen. Wir sehen wuchtige, aufeinandergestapelte Plattenkisten, scheinbar endlos ausfaltbare Re-Issues von verloren gegangenen Musikschätzen, blinkende, wild verkabelte Türme aus analogen Geräten oder auch die cleanen, digitalen Apparaturen, die mittlerweile ihren Platz eingenommen haben. Die vier Vertreter dieser Musik, denen sich Karmakar widmet, sind zwar dementsprechend auch Musik-Nerds und ein bisschen Hipster, vor allem sind sie aber Forscher in einer Welt der kosmischen Klänge. Mit den Qualitäten eines bekifften Stand-up-Comedians erklärt David Moufang aka Move D. auf einem Hügel seiner Heimatstadt Heidelberg, wie er eigentlich Astronaut werden wollte, ihn die Liebe zur Science-Fiction aber zur House-Musik gebracht hat. Mehr noch als jede andere Strömung in der populären Musik kennt Techno zwar Trends, hat aber eigentlich kein Zeitgefühl. Dass sich Ästhetiken abwechseln, aber auch wiederholen, hat etwa den Effekt, dass eine 20 Jahre alte Platte wie neu klingen kann.

Sich ständig verformende oral histories

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Denk ich an Deutschland in der Nacht erzählt von einer virtuellen Welt der Musik, aber auch vom Club als konkretem Ort, der wie ein Parallelkosmos funktioniert. Hier können die Menschen loslassen, sich ausprobieren, sich vergessen, einfach mal bescheuert sein. Die Clubs, die Karmakar wie geheimnisvolle, bunt blinkende und wummernde Tempel in Szene setzt, sind ein geschützter Raum. Ricardo Villalobos – dem Karmakar 2009 schon einen eigenen Film gewidmet hat – meint einmal, dass sich hier Menschen mit Wertesystemen versammeln, die nur einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner haben. Und der DJ ist gewissermaßen der Betreuer, der die heterogene Masse gemeinsam durch die Nacht bringt. Wie er das tut, das ist vor allem eine Frage des Handwerks. Immer wieder blendet der Film die Geräusche des Publikums aus, um möglichst präzise verfolgen zu können, was der DJ da macht, wie etwa die zum Klischee gewordene Geste des Knöpfchendrehens plötzlich zur Ursache einer hörbaren Frequenzverschiebung wird. Während einer Party sieht man, wie Roman Flügel sorgfältig jenen entscheidenden Moment vorbereitet, an dem die Hände der Tanzenden nach oben gehen. Doch dann gibt es auch die Impro-Gigs von Ricardo Villalobos, die das genaue Gegenteil davon sind: unkontrollierbar und mit ungewissem Ausgang.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Gesprächen, die Karmakar führt. Oft fängt es mit einer unbekümmert naiven Frage an, kreist dann eine Weile um vermeintlich Banales und dringt schließlich zu einer philosophischeren Ebene vor. Da wird manchmal auch Quatsch geredet, aber das ist erstens unterhaltsam, und zweitens finden sich gerade im Quatsch auch sehr interessante Gedanken. Denk ich an Deutschland in der Nacht greift nicht auf vorgefertigte Meinungen zurück, die vor der Kamera aufgesagt wurden, sondern interessiert sich für Techno als eine Reihe sich ständig verformender oral histories. Meist wirken die Gespräche, als hätten sie sich ganz aus der Situation entwickelt, als wäre ein Gedanke genau in dem Augenblick, in dem die Kamera an ist, zum ersten Mal ausgesprochen worden. Zum Titel, einem Heine-Zitat, passt dieses Suchende ganz gut. Denn mit ihrem unsteten Lebensstil, ihrem Hang zu gesellschaftlichen Utopien und einer schon beruflich bedingten Spontanität wirken die Künstler hier wie die Romantiker des 21. Jahrhunderts.

Trailer zu „Denk ich an Deutschland in der Nacht“


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