La maschera del demonio

Lamberto Bava begeht mit seinem selten gesehenen Remake des großen Klassikers nicht nur kein Sakrileg, er schafft einen außergewöhnlichen Film, der sich hinter der außerweltlichen Schönheit des Vorbilds nicht verstecken muss.

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Von den vielen beliebten und verehrten Filmen, die Mario Bava während seiner Laufbahn drehte, ist Die Stunde, wenn Dracula kommt (La maschera del demonio, 1960) vielleicht der beliebteste. Die unwirkliche Atmosphäre, die fantasievollen Studiosettings, die poetische Schwarzweißfotografie und natürlich Barbara Steele machten ihn zum instant classic nicht nur des italienischen Horrorfilms und verschafften Mario Bava nicht zuletzt in Übersee, wo La maschera unter dem Titel Black Sunday auch kommerziell überaus erfolgreich war, einen wohlklingenden Namen. Dass sich sein Sohn Lamberto, dem es als Regisseur trotz einiger beachtlicher Filme nie gelang, sich aus dem übermächtigen Schatten des Vaters zu lösen, knapp 30 Jahre später an einem Remake ausgerechnet dieses Werks versuchte, ist sicherlich bemerkenswert. Den im Laufe der Zeit bis zum Bersten sentimental aufgeladenen Klassiker zu übertreffen dürfte nicht wirklich seine Intention gewesen sein, nichtsdestotrotz kann man seine Version als eine Art Liebes-, gleichzeitig aber auch als Unabhängigkeitserklärung an die Adresse des verstorbenen Vaters verstehen. Lamberto Bava biedert sich aber keineswegs mit einer betont nostalgischen Neubearbeitung an, sondern geht konsequent eigene Wege und macht aus dem knarzigen Gothic-Grusler von einst einen rätselhaft-verträumten Besessenheitsfilm mit allen in den 1980er Jahren so beliebten Stilmerkmalen.

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So ist es hier statt eines gutbürgerlichen Doktors und seines treuen Schülers eine achtköpfige Clique junger Leute, die in jugendlichem Leichtsinn einen seit Jahrhunderten ruhenden Fluch reaktivieren und sich anschließend mit einer rachsüchtigen Hexe herumschlagen müssen. Bei einem Skiausflug – Montagesequenzen und Synthie-Drums ab! – fallen sie in eine Gletscherspalte und landen in einer Höhle, in der sie schnell eine im Eis eingefrorene Leiche entdecken, die eine seltsame Eisenmaske trägt. Nachdem einer der Jungs diese entfernt hat, geraten er und seine Freunde – mit Ausnahme des zur Vorsicht mahnenden Davide (Giovanni Giudelli) und der verletzten Sabina (Deborah Caprioglio) – in ihren Bann und benehmen sich zunehmend merkwürdig. Ein versteckter Höhlenausgang führt sie alle gemeinsam in ein verlassenes Bergdorf, in dem nur noch ein Priester (Stanko Molnar) lebt, ein Nachfahre des Mannes, der für die Hinrichtung der Eingefrorenen, einer Hexe namens Anibas, verantwortlich war. Merkwürdiges passiert.

Gothic Horror goes 80s

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Auch wenn der Kern von Mario Bavas Film im Remake seines Sohnes erhalten bleibt – beide Werke berufen sich auf Gogols Erzählung Der Wij –, so beschreitet dieser doch ganz andere Wege. Im Stile der in den 1980ern reüssierenden Slasherfilme reduziert er Figureninventar und Schauplätze radikal und lässt seine Geschichte dann fröhlich in Richtung eines bunt delirierenden Sinnesrauschs mäandern, der ein wenig an eine Kreuzung aus Sam Raimis Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1981), zeitgenössischen italienischen Horrorfilmen vom Schlage eines The Church (La chiesa, 1989; dessen Regisseur Michele Soavi ist hier als Schauspieler an Bord), einem kitschigen Pop-Musical, einer theatralischen Telenovela und einem Softerotikfilm jener Zeit erinnert. (In Italien wurde er auch als Demoni 5 vermarktet.) Was in des Vaters Film nur schamhaft verklausuliert zum Ausdruck kam, bricht im Remake des Sohnes ungehemmt an die Oberfläche: Es geht nicht zuletzt um Verführung, Sex und sündige Fleischeslust. Das beginnt bei der obszönen Wandmalerei, die die Dorfkirche schmückt und in die die Kamera selbst förmlich einzudringen versucht, setzt sich in dem zügellosen Treiben der Besessenen fort, die unter anderem dem Priester zusetzen, und endet natürlich in der Beziehung Davides zu Sabina/Anibas. Kinskis einstige Geliebte Deborah Caprioglio stellt ihre üppigen Reize freigiebig zur Schau und lässt die Kerntemperatur des Films gewaltig ansteigen – ein schöner Kontrast zum eisig-verschneiten Setting. Der Höhepunkt ist denn auch eine Sexszene, bei der sich die rassige Frau in das Hexenweib verwandelt und plötzlich Vogelbeine zeigt: ein hübscher Make-up-Effekt, der seine Wirkung nicht verfehlt. Aber auch der Auftritt der mittlerweile völlig weggetretenen Freunde, die sich mit Masken und theatralischen Gebärden benehmen wie die Tanztruppe eines nie entstandenen Musicals, sei unbedingt erwähnt. Die Überraschungen nehmen in La maschera del demonio kein Ende. Gianfranco Transunto fängt das alles in effektvollen Bildern ein, Simon Boswells Score lässt die Synthesizer dampfen. Fast wie in alten Zeiten.

Das italienische Genrekino der späten 1980er Jahre: Besser als sein Ruf?

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Gemeinhin gilt das italienische Genrekino jener Tage als eher schmerzhafte Veranstaltung: Das Geld war knapp geworden, und mehr noch als zehn Jahre zuvor suchten vormals erfolgreiche Regisseure ihr Heil in Übersee. Produziert wurde der besseren Vermarktbarkeit halber gleich in den USA; statt mit den in den 1970er und frühen 80er Jahren ins Herz geschlossenen Darstellern besetzte man Filme nun dem Zeitgeist entsprechend mit identitätslosen Teenievisagen. Lamberto Bavas Film bietet eine gute Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass dieses Narrativ weit weniger geschlossen ist, als es den Anschein hat. Zwar teilt La maschera del demonio oberflächlich viel mit seinen Zeitgenossen, aber Bava weiß all diese Merkmale zu seinem Vorteil einzusetzen. Da wird dann offenkundig, dass sein Remake dem großen Vorbild aller Differenzen zum Trotz sehr, sehr ähnlich ist. Wie bei diesem taucht man als Zuschauer mit den Protagonisten in eine Traumwelt ein, die von Minute zu Minute fremdartiger, deren Griff immer fester wird. Der unaufhörlich auf die mittelalterlichen Gemäuer fallende Schnee drängt einem die Assoziation, La maschera del demonio spiele in einer Schneekugel, förmlich auf. Überhaupt ein gutes Bild für die Schönheit dieses Films: Nüchtern betrachtet ein Plastikding mit fadenscheiniger Funktionsweise, aber durch Augen gesehen, die die Fähigkeit zu staunen noch nicht verlernt haben, pure Magie.

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