Deepwater Horizon – Kritik

Beim Sinken der Bohrinsel ordnet sich jede menschliche Regung der Technik unter: 20 Jahre nach Titanic findet Peter Berg einen neuen filmischen Zugang zur Katastrophe.

Deepwater Horizon 08

Bald ist es zwanzig Jahre her: James Camerons Titanic wuchtete sich auf die Leinwände, um dort mit nie dagewesenem Attraktionswert vor gestirntem Himmel zu bersten und zu sinken. Sieht man heute Deepwater Horizon, wird man unmittelbar zum Sprung ins Jahr 1997 animiert; zu einer Komparatistik des Katastrophenkinos. Der Sprung ist weit, aber auf den ersten Blick nicht unbedingt gewagt. Hier wie dort kommt es zur Tragödie auf offener See – beide Male gründend auf historischen Ereignissen. Menschen springen ins Wasser, andere sterben, die, die Glück haben, sitzen am Ende gerettet auf dem Deck eines (anderen) Schiffs. Dennoch könnten die Filme verschiedener kaum sein – und damit ist nicht nur die fehlende oder an die Peripherie (ins Wohnhaus der zu Hause wartenden Ehefrau) gedrängte Liebesgeschichte gemeint. Worauf Deepwater Horizon verzichtet oder, sagen wir es vorsichtiger: lange Zeit verzichten will, ist das melodramatische Gehäuse. Und das heißt nicht, dass hier einfach etwas wegfällt, das dort noch existierte. Es heißt, dass hier eine grundverschiedene Katastrophe inszeniert wird. Von Titanic aus gesehen ist der Katastrophenfilm mit Deepwater Horizon ein völlig anderer geworden.

Eine ölverklebte Möwe flattert ums Überleben

Deepwater Horizon 10

Beinahe dreist und unangebracht enthält uns Peter Berg die Bilder vor, die zeigen, wie Millionen Tonnen Öl ins Meer strömen. Genau das passierte nämlich nach jenem Unglück, das sich 2010 auf der titelgebenden und vom britischen Ölkonzern BP betriebenen Bohrinsel im Golf von Mexiko zutrug. Dass Berg den kompletten ökologischen Kontext einer der größten Umweltkatastrophen der USA in eine einzige Einstellung quetscht, in der eine ölverklebte Möwe um ihr Überleben flattert, ist eine Entscheidung, die man wertschätzen darf. Nicht weil uns damit viel Wichtigtuerei und umweltbewusstes Pseudo-Engagement erspart bleiben, auch nicht, weil sich hier ein Filmemacher selbst zügelt, indem er auf solche Bilder verzichtet, die – mindestens seiner Logik gemäß – so wunderschön hätten werden können, sondern weil ihm hier viel Zeit für etwas anderes bleibt, für einen in gewisser Hinsicht neuen kinematografischen Zugang zur Katastrophe. Und das ist äußerst spannend, auch wenn das Finale des Films zwanghaft versucht, viel davon wieder zurückzunehmen und in genormte Größen umzuformatieren. Dass Berg am Ende so dreist nicht ist, wie es zunächst den Anschein hatte, weil es ihm zunehmend um eine Art pastorale Konzentration auf die menschliche Tragödie geht, in die das Umweltthema hineinpatzen würde wie ein falscher Trompetenton in ein Requiem, ist schade, aber vielleicht auch nicht so wichtig. Natürlich gibt es auch die obligatorische Einstellung auf die amerikanische Flagge – sogar zweimal; halb zerfetzt und trotzdem intakt. Der Abspann zeigt uns Fotos der damals ums Leben Gekommenen. Berg kommt nicht aus ohne diesen dämlichen, weil letztlich völlig anonymen und vorproduzierten amerikanischen Heldenquatsch. Aber zu seiner Verteidigung hat der Film selbst nicht die schlechtesten Argumente. Es lohnt sich der Blick auf das katastrophische Moment.

Die Kamera kreist um das stählerne Monster

Deepwater Horizon 11

Den BP-Funktionären kann es nicht schnell genug gehen – sie wollen endlich Öl gefördert und entsprechend Geld sehen. Der Techniker Mike (Mark Wahlberg) und sein Chef Jimmy (Kurt Russell) warnen vor schweren Folgen, wenn im Vorfeld der Bohrungen bei den Kontrolltests technisch gepfuscht wird. Zur Prämisse muss man nicht mehr sagen, denn wie das alles ausging, wissen wir. Lange nimmt sich der Film Zeit, den kompakten und dennoch unglaublich verästelten Raum der Bohrinsel in seinen vielen kumpelhaften Bezügen auszufalten. Die Kamera kreist einmal von außen um das stählerne Monster; später sehen wir Mike durch die Anlage marschieren, Handschläge verteilen, Insider bedienen. Im Freien wird viel rumgeschraubt, die Arbeiter haben Öl und Schlamm im Gesicht und an den Fingern. Im Kontrollraum blinken Lämpchen, auf Bildschirmen sieht man Druckanzeigen und 3D-Animationen der Förderanlage. Zweimal sehen wir die Kamera das Bohrrohr entlang in die endlose Tiefe des Ozeans gleiten. Und später, wenn der Film auf dem Höhepunkt der Katastrophe kaum noch Genaues zu erkennen gibt, wenn Feuer und Explosionen fast alle räumlichen Bezüge schlucken, sehen wir nur noch ein Gemenge, in dem ein menschlicher Körper kein wesentlicheres Element mehr bildet als der glühende Stahl, der brennende Kran, die opake Rauchmasse.

Deepwater Horizon 17

Das war in Titanic völlig anders – so anders, dass man von gänzlich unterschiedlichen filmischen Katastrophen sprechen muss. Bei Cameron waren es die Bewegungen der Liebenden, die die Katastrophe orchestrierten; bei Berg ist es das Bewegungsgesetz der Technik selbst. Und jede menschliche Regung ist ihm untergeordnet. Wenn Deepwater Horizon jenseits der Chronologisierung des Desasters von 2010 etwas leistet, dann dass er für einen beträchtlichen Teil seiner Dauer und ohne klagende Kommentierung die Konfiszierung des Menschen durch die Technik erfahrbar macht. Und gerade weil er so gut darin ist, wirken das Menscheln am Ende, die Ehrenmahl-Logik des Abspanns so deplatziert.

Trailer zu „Deepwater Horizon“


Trailer ansehen (2)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.