Deep in the Woods

Halb zog er sie, halb sank sie hin. Die weibliche Sexualität ist in Benoît Jacquots Drama ein tiefer, dunkler Wald.

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In M. Night Shyamalans The Village (2004) äußert die Mutter des Protagonisten eine kluge Beobachtung: Alle Männer des Dorfes reichten ihr die Hand, nur einer nicht, also müsse dieser eine in sie verliebt sein. Gerade der Mangel an Körperkontakt mit jenem Menschen, den er am liebsten berühren würde, offenbart also seine Gefühle. Während der Anfangsminuten von Benoît Jacquots Film Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet (Au fond des bois, 2010) sitzen sich zwei junge Menschen beim Essen gegenüber, sie (Isild le Besco) vermeidet den Blickkontakt mit ihm (Nahuel Pérez Biscayart). Doch kurz darauf, als beide in getrennten Betten und unterschiedlichen Zimmern liegen, verbindet ein Match Cut ihre Blicke. Ohne Worte und über soziale Klassen hinweg ist zwischen dem Vagabund Timothée und der Arzttochter Joséphine schon bei der ersten Begegnung ein Band der magischen Anziehung entstanden, das den freien Willen in Frage stellt. Timothée wird Joséphine hypnotisieren, vergewaltigen und entführen – Jacquot aber deckt immer mehr Uneindeutigkeiten im Verhältnis der zwei zueinander auf und fragt, ob Joséphine nicht doch eher mitgekommen ist, als dass sie mitgenommen wurde.

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1865 kommt ein junger Mann mit schwarzen Fingerrändern und schwarzen Zähnen in ein südfranzösisches Dorf. Timothée humpelt, kommuniziert nur mit Zeichensprache und sitzt als Fremder in seinen dreckigen Lumpen vor der örtlichen Kirche, ausgestoßen von der bürgerlichen Gemeinde. Nachdem er der fromm bekopftuchten Joséphine ansichtig geworden ist, infiltriert er ihre heile Familienwelt. Joséphines Vater öffnet dem künftigen Peiniger seiner Tochter Tür und Tor – weniger aus christlicher Nächstenliebe als aus wissenschaftlicher Neugierde.

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Im ersten Teil des Films wirken die Macht- und Schuldverhältnisse noch eindeutig: Timothée vergewaltigt Joséphine auf dem Küchentisch, nachdem er sie in Trance versetzt hat. Doch tatsächlich wird schon hier die vermeintliche Klarheit unterminiert. Des Nachts sehen wir Joséphine auf dem Fenstersims stehen – ob sie schlafwandelt oder einen Suizidversuch unternimmt, bleibt ungewiss. Ist sie wirklich bloß das passive Opfer oder sehnt sie sich nach einem wilden Ausbruch aus der gediegenen Welt ihres Vaters und des für sie auserkorenen, allzu braven Gatten? Benoît Jacquot (Werther, 2010; Villa Amalia, 2009) betritt hier – zumal als Mann – gefährliches Terrain, denn ein Nachdenken über die dunklen, masochistischen Seiten weiblicher Sexualität, wie sie sich in durchaus verbreiteten Vergewaltigungsfantasien manifestieren, kann leicht als Versuch einer Relativierung sexueller Gewalt von Männern gegen Frauen (miss)verstanden werden.

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Auch als Joséphine ihr Dorf verlässt und dem Fremdling Timothée scheinbar freiwillig folgt, hält Jacquot sein Spiel mit der Mehrdeutigkeit aufrecht. Immer wieder versucht Joséphine in klaren Momenten zu fliehen, dann aber küsst sie ihren Vergewaltiger, umarmt ihn beim Sex und spricht von „uns“, wenn sie über sich und ihn redet. Der Film bietet dem Zuschauer keine klaren Antworten zu diesem Rätsel, zielt aber auf eine Darstellung weiblicher Sexualität, die sich von der Mischung aus Verdrängung und Dämonisierung löst, wie sie die christliche Kultur hervor gebracht hat.

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Eben jene weibliche Sexualität wird hier zum düsteren, undurchdringlichen Wald, in dem sich Ungeheuer verbergen – Ungeheuer wie die Lust am Geführt- und Missbrauchtwerden. Insofern könnte Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet durchaus als antifeministisch bezeichnet werden, zumal der Film immer wieder andeutet, dass sich Joséphine einem Mann unterwirft, um diesen durch ihre Liebe zu retten. Gleichzeitig aber legt jene Lesart, die Joséphine als freiwillige Begleiterin Timothées versteht, ein hohes Maß an Unabhängigkeit nahe, das sich in ihrem Handeln zeigt, wenn sie sich nimmt, was sie will, statt das zu akzeptieren, was ihr Vater – als Vertreter einer männlich dominierten Gesellschaft – für sie vorsieht.

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Leider verliert Jacquot diesen Gender-Diskurs zum Ende hin aus den Augen und verfängt sich stattdessen in ausgedehnten Gerichts-Passagen, die maximal den juristischen Aspekt, nicht aber das Zwischenmenschliche klären können. (Dass das Gericht stets ein Ort war, an dem sich das Patriarchat fortsetzte, indem Männer über die strafrechtliche Bedeutung von Vergewaltigungen an Frauen entschieden, bleibt unberücksichtigt.) Wer hier wem hörig war, kann und will der Film nicht erläutern, viel mehr geht es ihm um die Nähe des Kultur- zum Naturzustand, um die Frage, wie übergangslos selbst ein zivilisierter Mensch Marionette seiner Triebe werden kann. Mit dieser provokanten Thematik reiht sich Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet in die kontroverse Bewegung der New French Extremity ein.

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Trotz inhaltlicher Fragwürdigkeiten – und einigen handwerklichen Holprigkeiten wie etwa dem unausgegorenen Einsatz abrupter Zooms und unmotivierter Abblenden – bleibt Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet die gesamte Zeit über spannend. Zu verdanken ist dies vor allem dem geschickten Spiel mit Ambivalenzen: Indem Jacquot thematisch vieles anreißt, jedoch nichts eindeutig definiert oder psychologisch erklärt, erhält sich der Film eine große Offenheit, die jeder Zuschauer selbst füllen muss. Somit regt das Werk einen Diskurs über sexuelle Selbstbestimmung und Unterwerfung an, ohne das Publikum dabei in eine bestimmte Richtung steuern zu wollen. Das Lenken Fremder bleibt hier allein den Figuren überlassen – nur lässt sich eben nie eindeutig sagen, wer wen führt, verführt oder entführt.

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