Decasia

DOK Leipzig 2016: Mein Nebenmann beschimpft den besten Film, den ich seit langem gesehen habe. Warum vielleicht erst ein wüstes Streitgespräch das Geheimnis von Bill Morrisons grandiosem Experimentalfilm enthüllt.

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Es ist, wie es immer ist: Hätte ich mich zu gegebenem Zeitpunkt schon sortiert gehabt und ein halbwegs rundes Argument ins Englische hinübergedacht, dann hätte ich mich dazwischengeworfen. Später ärgert man sich, dass man es nicht gemacht hat, aber es hilft eben nichts. Nach der Vorstellung von Bill Morrisons Decasia (2002) – ein Film, der schon 15 Jahre auf dem Buckel hat, der unverrückbar zum Kanon der Experimentalfilme gehört, und der vor allem vollends großartig ist – ist der Regisseur, der eigentlich versprochen hatte, für ein Gespräch im Anschluss zur Verfügung zu stehen, nicht aufzufinden. In der Regel habe ich Q&As am liebsten schon verlassen bevor sie anfangen, jetzt bin ich aber sehr enttäuscht, und das obwohl ich ahne, dass ich am Ende sowieso wieder nichts gesagt hätte. Mit zähen Bewegungen schieben sich die paar Leute und ich aus dem Saal, hoffend, dass Morrison doch noch von irgendwoher auftaucht. Und tatsächlich kommt er dahergeeilt, und wir wenigen Übriggebliebenen der ohnehin schon Wenigen, die diesen Film gerade gesehen haben, watscheln wieder zurück ins Kino.

Der Herr in Tracht

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Ein paar Plätze neben mir sitzt ein älterer Herr in Tracht. Er sitzt nicht im Sessel, sondern lehnt leger gegen den eingeklappten Sitz, ganz so als sei er ohnehin schon wieder auf dem Sprung. Der Mann ist wütend. Er ist so wütend, dass seine Stimme bricht. Er sagt, dass ihn der Film beleidigt hätte, dass er schockiert sei, dass so eine „stupidity“ auf einem anerkannten Festival gezeigt würde, dass Decasia ein billiger Musikclip sei, dass der Film von keinerlei Idee getragen sei. Dann geht es auch noch ums Geld: Von der Stadt Basel wurden Fördermittel bereitgestellt, die Morrison quasi verbrannt haben soll. Ich verstehe überhaupt nichts, bin selbst noch völlig geflasht von dem Film. Dass er aber wirklich, wirklich, wirklich stinkig ist, nehme ich ihm ab. Morrison hört der Tirade eine Weile zu, dann schlägt er zurück. Er fragt den Herrn, was er denn arbeiten würde, und als dieser antwortet, er sei Autor und würde Synchronisationen für amerikanische Komödien anfertigen, fragt Morrison irgendwie ähnlich präpotent nach, ob ihn dieser Job denn erfüllen würde. Ja, sagt der Herr; okay, sagt Morrison, meint es natürlich aber nicht so. Das Ganze geht eine Weile lang so weiter, die Herren schweigen wieder, dann schimpft wieder einer der beiden los, und irgendwann mischt sich eine Dame ein und schlägt vor, dass man nun entweder über den Film sprechen könnte, oder aber dass die Streithähne ihre Angelegenheit draußen klären sollten, das heißt in Form einer Prügelei. Ich sitze da, sage freilich nichts, fühle mich – das gebe ich zu – prächtig unterhalten und staune noch immer ganz verdattert: So eine Testosteronshow nach so einem Film?

Verwesendes Material in der Reinkarnationsmaschine

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Es hilft ja nichts: Unter diesen Vorzeichen muss Decasia nun offensichtlich verstanden werden, zumindest mir bleibt vorerst gar nichts anderes übrig. Decasia ist knapp 70 Minuten lang und ein Projekt, das gemeinsam mit dem Komponisten Michael Gordon entstanden ist. Gordon hat eine Symphonie komponiert, die Morrison verfilmt hat – und zwar ausschließlich mit Archivfilmmaterial, auf dem über die Jahre chemische Zersetzungsprozesse stattfanden. Oft sieht man gar nichts mehr auf dem projizierten Streifen außer eines kristallinen Fleckenhaufens in rasender Bewegung. Sterbendes, eher verwesenden Material wird durch den Projektor gejagt wie durch eine Reinkarnationsmaschine. Film wird neugeboren, ihm wird neue Lebendigkeit eingehaucht, eine radikal andere Lebendigkeit aber. An dieser Stelle wäre der Zeitpunkt, über das Digitale und das Analoge zu sprechen. In Leipzig wird der Film von einer DCP gezeigt – Morrison findet das, glaube ich, nicht gut, aber irgendwie ist es ihm auch wurscht. (Eine ganze Reihe der Kopien dieses Films ist einem Hurrikan zum Opfer gefallen. Ich frage mich, wie diese Filme nun aussehen würden, würde man sie jetzt in einen Projektor legen.) Die Frage nach dem Vorführformat kann aber nun gar nicht mehr interessieren, nachdem der Film diesen primitiven Schwanzvergleich provoziert hat – nachdem er ihn provozieren konnte.

Boxen gegen den chemischen Verfall

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Das Grandiose an Decasia ist der Horror, den er verströmt. Er wird genährt durch eine Interpenetration zweier Schichten des Lebendigen. Da gibt es einmal das Bewegungsbild, oder das, was von ihm übrigblieb, und einmal die organische Lebendigkeit, den chemischen Zerfall, der sich des Bewegungsbilds ermächtigt hat. Einmal sehen wir einen Boxer, der gegen den Verfall ankämpft, er drischt gegen einen Streifen, der von der Bildmitte her angefangen hat, das Bild zu fressen. Der Boxer drischt um sein Überleben! Ein Existenzkampf, kein Boxkampf mehr. Ein anderes Mal zeigt uns das noch einigermaßen intakte Bild eine brennende Hütte. Zunächst stürzen Balken ein, dann ganze Wände und am Ende das ganze Gebäude. Erst jetzt dringen die Materialschäden wieder ins Bild. Mit der vollends eingestürzten Hütte stürzt auch das Material vollends ein, zeigt nur noch ein graues Kriseln – wie eine gigantische Rauchwolke. Es spukt in diesem Film. Es gibt eine Einflussnahme der einen Lebendigkeit auf eine andere und umgekehrt. Eine Geistergeschichte. Der Boxer kämpft gegen Geister, die er nicht sieht, aber dessen Zeugen wir sind. Die Geister bringen das Haus zum Einsturz und tanzen. Hat der Herr in Tracht das alles nicht gesehen? Hatte er keine Geistererfahrung? Ich glaube das nicht.

Schwanzvergleich nach Geistererfahrung

Ich erinnere mich, dass er nicht einsehen wollte, dass Decasia auf einem Dokumentarfilmfest gezeigt würde. Ich glaube, das ist der springende Punkt. Decasia ist das Dokument einer Geistergeschichte, einer Parapsychologie, einer Übernatürlichkeit. Ich war vermutlich deshalb geflasht, weil dieser Film mich zwang, an Geister zu glauben. Er inszeniert keine Geister, er behauptet sie nicht, er dokumentiert sie – es gibt Geister! Vielleicht war das das Problem, das zwischen Morrison und dem Mann bestand. Ist es unmännlich, über Geister zu streiten? Knallen sie deshalb, quasi als Kompensation, ihre Schwänze auf den Tisch? Jetzt, zwei Tage zu spät, so ist es ja immer, weiß ich, mit welcher Frage ich mich gerne dazwischengeworfen hätte.

Nachtrag: In Filmen, in denen es um Geister geht, werden diejenigen, die nicht an sie glauben, früher oder später eines Besseren belehrt.

Zu unserer Berichterstattung des DOK Leipzig 2016 geht es hier: www.critic.de/special/filmen-als-letzte-intervention-sehtagebuch-dok-leipzig-4069/

Trailer zu „Decasia“


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Kommentare


Urs Bender

In Anbetracht der Diskussion zur Rettung des Filmerbes, ist der Film doch auch als ein Dokument des Zerfalls zu sehen. Gleichzeitig ermahnend und faszinierend.






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