Death Sentence

Kevin Bacon sieht rot. Und Saw-Regisseur James Wan schickt ihn kahl geschoren auf einen schmalen Exekutionspfad.

Death Sentence

Zwei Männer lassen sich nach einem gegenseitigen Schusswechsel auf kürzeste Distanz schwer verwundet auf die nächstgelegene Bank fallen. Sie plaudern eine Weile miteinander. Dann spannt der eine von beiden den Abzug seiner Waffe – offensichtlich hat er noch eine Kugel in der Kammer – und unterbricht seinen Gesprächspartner abrupt mit einem einzigen Wort: „Ready?“.

Vor 25 Jahren war es Charles Bronson alias Paul Kersey, der seinem Opfer auf die Kette mit Kreuz schaute und ihn fragte, ob er an Gott glaube. Die Worte: „Du wirst ihn gleich treffen“, so ungefähr der Wortlaut der deutschen Übersetzung, versetzte er ihm noch vor dem Todesschuss. Eine Szene von kaum zu überbietendem Zynismus und ein unübersehbarer Konnex zwischen diesen beiden Filmen. Paul Kersey, seines Zeichens Vigilante-Übervater, ist der Held der Death-Wish-Reihe, die 1974 mit Ein Mann sieht rot begann, 1982 im zitierten Ein Mann ohne Gnade seine Fortsetzung, und erst 1994 mit dem fünften Teil ein Ende fand. Sein Schöpfer heißt Brian Garfield - gleichsam Autor des Romans Death Sentence (1975).

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Und doch kann man in den bereits beschriebenen Szenen, vor allem aber in ihrer Inszenierung, gewaltige Unterschiede feststellen. Denn wenn man Charles Bronson in seinen ikonografischen Rächerrollen eines nicht nachsagen kann, dann ist es ironische Distanz. Gleiches gilt für Michael Winner, Regisseur der ersten drei Death-Wish-Episoden, der insgesamt für sechs Bronson-Vehikel verantwortlich zeichnet. Die Monstrosität dieser Werke liegt in ihrem Ernst. Die von Bronsons Figuren propagierte und exerzierte Gewalt ist immer eine kühle, die für sich in Anspruch nimmt, im weitesten Sinne ein ethisch, moralisch und politisch probates Mittel zu sein. Der Zynismus ist das Erkennungsmerkmal dieser zutiefst inhumanen, menschenverachtenden Filme.

James Wans Ansatz ist da ein anderer – und das Zauberwort Reflexion. Schon sein Saw (2004) unterscheidet sich merklich von dessen Nachfolgern. Dieses Horrorstück ist ein Film über Serienmörderfilme, dessen Kalkül ganz auf das Spiel mit Zuschauererwartungen abzielt. Es ist ein Film, der seine Vorbilder wie Sieben (Seven, 1995) gewissermaßen ernster nimmt als sich selbst. Ähnlich verhält es sich mit Death Sentence, der sich ganz an ein genreaffines Publikum wendet und seinen Reiz gerade am Abarbeiten von Vorgängern wie eben Ein Mann sieht rot bezieht.

Death Sentence

 Mit einem Mann wie Bronson an der Spitze, praktisch als Eigenpersiflage, wie sie Robert De Niro seit einigen Jahren betreibt, wäre das Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. So ist Wans gelungenster Clou vermutlich die Verpflichtung von Kevin Bacon, einem der versiertesten Darsteller unserer Zeit. Bacon ist dazu in der Lage, die Facetten eines Charakters auszuloten und diesen gleichzeitig mit einem Abgrund zu versehen, wie es ihm etwa in Mystic River (2003), The Woodsman (2004) und Wahre Lügen (Where the Truth lies, 2005) gelang.

Bacon spielt den Familienvater Nick Hume, der sich nach dem Mord an seinem Sohn im Gartenhäuschen nach mordgerechtem Werkzeug umschaut. Was folgt ist keine Moralmär, sondern ein zielgerichtetes Actionspektakel, in dem auch die obligatorische Kopfrasur vor dem Showdown nicht fehlen darf.

Death Sentence

Eine Besonderheit an Death Sentence ist dessen Konstruktion, die sich als ironische Auseinandersetzung mit der Frage nach moralischer und politischer Positionierung entpuppt. Nach eineinhalb testosterongeladenen Stunden erreicht dieser Film einen Punkt, an dem man ihm tatsächlich ein plötzliches Ende zutraut, dass die Logik eines Rächerfilms geradezu auf den Kopf stellt.

Dieser Moment ist jedoch nur kurz und als Zuschauer muss man sich angesichts des folgenden Massakers schon fragen, wieso einen das Gefühl beschleicht, man hätte ohne die letzte halbe Stunde und das brutale Schlachtfest tatsächlich etwas verpasst.

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