Death in Sarajevo

Ein fast prophetischer Gag: Death in Sarajevo feiert seine Premiere an dem Tag, an dem Bosnien und Herzegowina ihren EU-Beitritt beantragen, und außerdem war interesselose Lobbymusik noch nie so aufdringlich wie in diesem Film.

Death in Sarajevo 02

Der Direktor des Hotels Europa, der besten Adresse Sarajevos, kann es gar nicht genug betonen: Angelina Jolie war bereits Gast in seinem Haus, Bill Clinton auch. Eigentlich ist es ein Hotel InterContinental, derart angeschlossen ist es an den reichen Teil der Welt und dessen signifikanteste Gesichter. Diese Höhepunkte der Imagegeschichte dienen aber nicht nur als Aushängeschild, sondern bei Bedarf auch als Entschuldigung: Wie könnte in dieser Luxusunterkunft irgendetwas nicht stimmen, Frau Jolie war schließlich äußerst zufrieden. Die Tante von der EU, das betont der Manager mindestens genauso oft wie sein Gäste-Best-of, gehe ihm gewaltig auf die Nerven: Das gerade aufgelegte Besteck fürs Diplomatendinner gehe gar nicht, sagt sie; ihr Chef sei Besseres nicht nur gewohnt, sondern setze es grundsätzlich voraus. Was für eine Anmaßung, Präsident Clinton aß immerhin auch schon damit und stellte keine Ansprüche an die Politur von Messer und Gabel. Während im Erdgeschoss des Hotels also die Grundlagen für ein gesamteuropäisches Zusammenkommen austariert werden, bereiten sich Keller und Küche auf die Revolution vor. Seit zwei Monaten erhielten die Angestellten kein Gehalt, jetzt ist endlich die Presse vor Ort, die sie brauchen, um ihre Transparente in die Kamera zu halten. Und oben, auf dem Dach, veranstaltet das Fernsehen eine Talksendung zum hundertjährigen Jubiläum des Attentats von Sarajevo.

„Alle Menschen werden Brüder“ – auf Bosnisch

An der Rezeption arbeitet Lamija (Snezana Markovic). Ihre Locken hat sie zu einem strengen Dutt nach hinten gebunden, zwei Strähnen fallen mit modischer Absicht ins Gesicht. Als rechte Hand des ökonomisch unkundigen, aber, wie er zu verstehen gibt, studierten Chefs, stakst sie mit stolz trainiertem Schritt und zu gleichgültiger Lobbymusik durch die Etagen des Hotels, vorbei an einem Kinderchor, der, auf Intonation weniger denn auf Artikulation Wert legend, die Europahymne auf Bosnisch tremoliert, und hinunter in die Wäscherei, in der sich ihre eigene Mutter gerade im Amt der Streikführerin zu orientieren sucht. Dem französischen Schauspieler Jacques Weber, der sich hier selbst spielt und in seiner Luxussuite eine Rede über Europa probt, die außerdem mit den euphorischen Worten Schillers/Beethovens „Meine Brüder“ beginnen soll, hängt sie ein frisch gewaschenes Hemd an die Tür.

Eine seltsam unversöhnliche Versöhnung

Death in Sarajevo 01

Im November 2015 fand in München eine Tagung mit dem Titel „Menschen im Hotel. Filmische Begegnungen in begrenzten Räumen“ statt. Death in Sarajevo (Smrt u Sarajevu) hätte dort wunderbar hineingepasst, nicht nur, weil er eben unterschiedliche Menschen im selben Hotel zeigt, sondern weil den Grenzen dieses Hotels hier eine besondere Stellung zukommt. Oben auf dem Dach nämlich werden Fernsehinterviews mit Historikern und anderen Experten geführt. Es geht um Denkmäler, darüber, wann sie aufgestellt und wann sie wieder abgerissen wurden und von wem, zu welchem ideologischen Zweck. Als letzten Gast empfängt die Journalistin einen Mann, der den gleichen Namen trägt wie der Attentäter von 1914: Gavrilo Princip. Dieser Nachfahre im Geiste hat selbst auch eine Waffe dabei, weiß aber noch gar nicht, wen er damit erschießen will. Vor der Kamera eskaliert das Gespräch der beiden, aber nur, um anschließend in zweisamer Atmosphäre auf eine seltsam unversöhnliche Versöhnung hinauszulaufen. Der ausgefallene Fahrstuhl zwingt die beiden, auf dem Dach zu bleiben, ihren Streit zu lösen, während das Hotel Europa, das Hotel der Menschenbrüder den Einlass verwehrt. Vor dem Fahrstuhl kommt es einmal fast zu einem Kuss zwischen ihnen – sehr schön ist das, findet doch solches meistens drinnen statt, im Fahrstuhl.

Eine Veranstaltung vor der Veranstaltung

Im Grunde ist Death in Sarajevo selbst dieses Denkmal zum hundertjährigen Jubiläum der Kriegszündung von 1914. Aber kein Denkmal, wie man es sich in der Regel vorstellt, nichts Steinernes, nichts Schweres, nichts Schicksalsbeladenes. Death in Sarajevo ist eher eine Veranstaltung, auf der sich die Interessen der verschiedenen Teilnehmer noch längst nicht synchronisiert haben, eine Veranstaltung vor der Veranstaltung, noch bevor die hohen Europäer anreisen, noch bevor die Rede gehalten wird, die gerade noch geprobt werden muss und für die immer noch die richtigen Worte fehlen, aber auch eine Veranstaltung, auf der man sich einander annähert, bevor der Fahrstuhl kommt, bevor dieser die Annähernden zurückkutschiert in dieses Hotel mit dem Namen Europa. Während noch für dieses Europa alles hübsch gemacht wird, während die Bühnen poliert werden, auf denen es seine ganze Brüderlichkeit heraustrompeten kann, ist der Chef dieser Veranstaltung noch nicht mal Chef genug, um seine Angestellten richtig ausbeuten zu können, denn auch er hat seit zwei Monaten kein Geld gesehen – wunderbar zynisch. In der letzten Einstellung – das kann man ruhig verraten – sieht man ihn noch einmal durch seine Lobby latschen, im Hintergrund dudelt die aufdringlich unaufdringliche Zufallsmusik, und wahrscheinlich denkt er grade an Angelina Jolie.

Trailer zu „Death in Sarajevo“


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