Death for Sale – Kritik

Ein marokkanisches Fellini-Remake? Fast.

Death for sale

An Auftragsmörder und B-Movie könnte man bei dem Titel denken. Doch Death for Sale (Mort à vendre) ist ein marokkanisches Generationenporträt, das weniger mit aktuellen Genreproduktionen als mit einem sechzig Jahre alten Film von Federico Fellini gemein hat. Dabei interessiert sich Regisseur Faouzi Bensaïdi durchaus für Gesetzesbrecher und Thrillerelemente, er beginnt mit einer Entlassung aus dem Gefängnis und endet mit einer Verfolgungsjagd. Dazwischen jedoch schildert er den Alltag dreier Kleinganoven in der nordmarokkanischen Kleinstadt Tétouan. Der titelgebende, zu verkaufende Tote, ein gehängter Dieb, ist ein Nebenschauplatz, ermöglicht Bensaïdi aber eine Diskurs-Miniatur zum Islam als Heilsbringer im Leben eines jungen Mannes.

Das Auffälligste an Death for Sale – bevor wir uns dem italienischen Meister widmen – ist die Art, wie Bensaïdi seine Figuren in die Landschaft einschreibt. Denn tatsächlich gelingt es dem Regisseur, der einen Hang zu Vogelperspektiven und Übersichten hat, keine Soziologie aus der Distanz zu betreiben und dennoch das Umfeld samt Panoramen zur Geltung zu bringen. Die Figuren darin sind Typen, trotz jungen Jahren vom Leben gezeichnet, sie sind Drifter, „Hühner-Diebe“ werden sie gerufen, kennen nichts von der Welt außer sich selbst in der Abgrenzung zur Gesellschaft, deren Regeln sie nicht zu scheren scheinen. Es ist ein abgekoppeltes Leben, das sie führen, eine vom Weg abgekommene Jugend, könnte man meinen. Nur sind die Eltern und Verwandten nicht besser.

Death for Sale 1

Death for Sale hat eine mindestens doppelte Agenda: Der Film hat etwas zu sagen und möchte  zugleich erzählen. Immer wieder pendelt er zwischen den beiden Polen des Zeigens und des Erfindens. Es gibt keinen Grund, dass das nicht zusammengehen kann, aber es ist bemerkenswert, mit welchen Mitteln Bensaïdi dies tut. Ganz offensichtlich ist er Ästhet, setzt auf eine starke farbliche Konzentration mit einem winterlich gedeckten Blaugrün wie das Meer, dem Weiß der Häuser und dem Braunorange der Erde. Er hat konzentrierte Plansequenzen an majestätische Panoramen montiert, lässt Raum für die Entfaltung der Szenen, die zu kurzen Milieustudien seiner Protagonisten gereichen, und zieht im richtigen Augenblick den Rhythmus an, sodass er nie der Versuchung des Selbstzweckhaften aufsitzt. Im Gegenteil: Selbst die bombastischsten Aufnahmen werden mit lakonischem Humor gebrochen. So folgt etwa auf einen absurd überhöhten Deal im Inneren eines Wagens – samt minutenlanger blutverschmierter Geldübergabe – die weite Landschaft eines Erdvorsprungs über dem Meer, auf dem das Auto steht; ganz nebenbei und unbekümmert entledigen sich die Männer einer Leiche: Sie fliegt einmal längs durchs Bild. Und Schnitt.

Death for Sale 2

Die Nichtsnutze, hervorgebracht durch eine Gesellschaft im Umbruch, erinnern nicht von ungefähr an Die Müßiggänger (I vitelloni, 1953) von Fellini. Die Parallelen und Zitate in Death for Sale sind so zahlreich, dass man fast verleitet ist, von einem Remake zu sprechen. Bildlich sind es vor allem die schwarz gekleideten, herumstreunenden Männer am kalten Strand, die sichtlich dem Vorbild entlehnt sind, aber auch die Fratze des genormten Außenseitertums in der Figur des Polizisten, der zur süßen Versuchung wird, bis sein wahres Gesicht zum Vorschein kommt, hat seine Entsprechung. Die größten Überschneidungen sind freilich motivischer Natur: angefangen bei der gesellschaftlichen Randstellung der Protagonisten, ihrem angespannten Verhältnis zur sich langsam auflösenden patriarchalen Ordnung im mediterranen Umfeld, den dysfunktionalen Familien, die die jungen Männer auf die Straßen entsenden, und deren eigenem Bewusstsein für ihre Malaise. Auch in Death for Sale gibt es einen jungen Mann, für den die Flucht aus der Kleinstadt besonders verheißungsvoll wirkt. Und der Film endet mit einer ebenso poetischen Geste wie Fellinis nächtliche Zugfahrt und dem dortigen Blick über die unverbesserlichen, ruhenden Drifter. Es ist ein Ende, das den Ausweg zeigt und doch gleichzeitig die Ausweglosigkeit besiegelt.

Trailer zu „Death for Sale“


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