Dear Wendy

„Black Steel“, „Lee & Grant“ oder „Wendy“ – auch Waffen können Namen tragen. Thomas Vinterberg und Lars von Trier untersuchen in einem westernartigen Moralstück über die amerikanische Gesellschaft das Mysterium von Revolvern und Gewehren.

Dear Wendy

Waffen sorgen für einen Zwiespalt in der Gesellschaft: Von den einen werden sie verachtet, von den anderen geliebt, von manchen beides zugleich. In Dear Wendy wird selbst der Pazifist geradezu besessen von Revolverlängen und Gewehrsalven.

Alles beginnt mit einer vermeintlichen Spielzeugpistole, die der „gute Junge“ Dick, so das Hausmädchen Clarabelle und Sheriff Krugsby, verschenken will und dann doch selbst behält – sie könnte dem Geburtstagskind zu sehr gefallen. Als ihn Stevie, sein Kollege aus der Drogerie, von der Echtheit des Damencolts überzeugt, spürt der bis dahin eher verschüchterte Junge, wunderbar gespielt von Jamie Bell, dass ihm das Eisen in der Tasche ungewohntes Selbstvertrauen verleiht. Sich plötzlich dessen Wirkungskraft bewusst, entwickelt er eine immer größer werdende Leidenschaft zu Schussfeuerwaffen.

Dear Wendy

Zusammen mit Stevie gründet er einen Club, in dem er andere Verlierertypen von dem Wundermittel überzeugen will, Susan, die keine Brüste „so wie die anderen Mädchen“ hat, Huey mit den Krücken und seinen jüngeren Bruder, der ständig verprügelt wird, und Sebastian, der Schwarze, der aus Notwehr jemanden erschoss. Die wichtigste Regel im „Dandy-Club“ ist für den bekennenden Pazifisten: Die Waffen dürfen keine Menschen „lieben“ – um ihre Friedfertigkeit zu beschwören, vermeiden die Mitglieder das Wort „töten“ –; nur in ihrem Versteck, einer stillgelegten Zeche, darf geballert werden. Mit besonderen Sitten und Ritualen zelebrieren die Jugendlichen hier ihren Waffenkult. Ihre „Partner“ erhalten sogar Namen: „Black Steel“, „Lee & Grant“ oder „Wendy“.

Was anfangs bloß eine fixe Idee von Dick war, entwickelt sich – klassisch – mehr und mehr zur Lebensphilosophie: Freiheit und Frieden durch Kugel und Lauf. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschieben sich und lösen sich schließlich völlig auf. Die Leidenschaft der Schießwütigen nimmt Ausmaße an, die nicht mehr viel mit Pazifismus zu tun haben. Anfangs inszeniert Thomas Vinterberg vor allem die Faszination von 6- und 7mm-Kalibern, doch bereits dann schwebt ein ungutes Gefühl im Raum. Momente, in denen die Kamera von Anthony Dod Mantle (Dogville, 2003) auf den Damencolt zoomt oder die Magazinrolle in Großaufnahme schnurrt, lassen vermuten, dass bald die dunkle Seite der Schmuckstücke zum Vorschein kommt. Die Bilder sind meist in einem schummrigen Licht aufgenommen; der Großteil der Geschichte spielt in der Zeche.

Dear Wendy

Es ist klar zu erkennen, dass die kleine Bergarbeiterstadt, die irgendwo im Süden der USA liegen soll, aus Kulisse besteht. Obwohl bei weitem nicht so abstrakt, erinnert das Produktionsdesign in seiner Künstlichkeit stark an das von Dogville. Oder vielmehr der gesamte Stil – für Dear Wendy hat Lars von Trier das Drehbuch geschrieben. Dick eröffnet als Erzähler den Film und beendet ihn; Geräusche und Nebentöne sind manchmal nur schwach zu hören, als lägen sie in weiter Ferne; die Musik wiederum drängt sich in den Vordergrund – die Lieder von The Zombies sind Teil der Handlung. Neben den besonderen akustischen Mitteln findet sich hier auch das für von Trier typische Spiel mit verschiedenen Bildarten, mit Zeitlupe, Standbildern, Fotos und Zeichnungen. Und schließlich erinnert der Umgang mit Moral an seinen verstörenden Film: Sympathiegefühle werden durcheinander gebracht oder können erst gar nicht entstehen. Stets möchte man sich auf die Seite der Pazifisten schlagen, doch dann leuchtet ein Warnsignal. Selbst beim dramatischen Finale entsteht kein Mitgefühl, genauso wenig wie beim Inferno in dem Dorf in den Rocky Mountains.

Vinterberg und von Trier haben mit Dear Wendy ein kritisches Stück über die Rolle von Waffen in der amerikanischen Gesellschaft geschaffen. Überall herrscht Angst – wie schon Michael Moore in Bowling for Columbine (2002) verkündete. Der Ladenbesitzer fürchtet sich vor Gangstergruppen, Clarabelle gar vor dem Nachbarn. Auch das dänische Duo arbeitet mit offensichtlichen Symbolen und Bildern. Der junge Killer ist ein Schwarzer, Kulisse und Showdown sind an einen Western angelehnt, an eine Zeit, in der es noch legitim war, Probleme mit dem Colt zu lösen. Bei Moore sind die Waffen eindeutig die Bösen, bei Vinterberg und von Trier werden sie differenziert dargestellt. „Dear Wendy“, schreibt Dick seiner Liebe am Ende, „sollte ich einen gewaltsamen Tod erfahren, so möchte ich durch Deine Kugel sterben.“

Kommentare


andreas jacke

"Dear Wendy"
"Schüsse pressen die Luft" (Bowie - Heroes)

Lars von Trier schrieb das Drehbuch zu diesem modernen Anti-western, der das hochgradig mystifizierte Genre versucht zu entmystifizieren und sich dabei völlig auf die Schußwaffen konzentriert. So gesehe könnte dies schon der zweite Teil von Triers Anti-Amerikatriologie sein, was er aber nicht ist. Was dafür sofort auffällt sind aber die zahlreichen Parallen zu
"Dogville", die vor allem in der Topographie und dem kleinen Bergwerk völlig offensichtlich zutage treten. Aber anders als "Dogville" verwandelt sich dieser Ort nur auf einer Landkarte in einen abstrakten Ort und ist sonst von weit mehr Realismus durchdrungen, der allerdings auch ein wenig stilsiert ist. Ebenso erinnert der Tonfall der Erzählerstimme doch sehr an "Dogville" wenngleich es hier die Stimme des Hauptprotagonisten selbst ist und eben gerade kein aussenstehender Kommentator. Und auch dieser Film nimmt einmal mehr die Form eine sozialen Experiments an, wenngleich auch in einer sehr absurden Form.

In "Dear Wendy" geht es um die große Liebe zu Revolvern aller Art. Doch
nicht wie im eigentlichen Western ist deren Gebrauch sondern weit mehr Funktion der Waffen von Interesse. Ein kleiner Gruppe "Loser" holt sich ein gestärktes Selbstbewußtsein durch ihre Beschäftigung mit Revolvern. Von ganz besonderem Interesse ist dabei neben den Schießübungen, die Funktion, Technologie und Wirkung der Waffen. Der Regiesseur Thomas Vinterberg (Das Fest -1997) zeigt am Ende häufiger nachgestellte klinische Bilder über Einschußlöcher oder den Berechnungswinkel der
Kugeln, um den faszinierten Blick der Jugendlichen auf ihre Waffen
wiederzugeben. Der ganze Mythos beginnt aber schon damit, dass jeder seiner
Waffe eine Namen gibt, der sich immer auf das andere Geschlecht bezieht.
Wendy ist ein kleiner Frauenrevolver, indem Dick (Jamie Bell) der
Haupdarsteller, tatsächlich so etwas wie seine weibliche Freundin sieht. Die Waffe wird wie uns Kubrick schon in "Full Metal Jacket" gezeigt hat, tatsächlich zum Liebessibstitut.

"Dear Wendy" zieht so geschickt die Konsequenzen aus Michal Moores Film
"Bowling For Columbine" und versucht aber auf seine ganz eigene Art und
Weise dem amerikanischen Waffenfanatismus beizukommen. Das einzige etwas
nervende und unpassende an diesem Film scheint mir neben ein paar Längen am
Anfang, die etwas zu popige Musik der "Zombies" zu sein, die sich nicht so
richtig gut mit den Bildern zu vereinen mag und daher öfter aufgesetzt
wirkt. Ein wichtiger Film, der eine Ebene betrachtet, die zum Filmen dazugehört: das Shooting! Und Lars von Trier wäre nicht der intelligente europäische Regiessuer, der er ist, wüßte er nicht das diese oftmals tödtliche Symboliserung von Männlichkeit, ihn selbst auch fasziniert.


Artmosfear

Hallo,
hab den Film grad in der Sneak Preview gesehen, und ich muss sagen, er ist einfach nur genial! Ziemlich durchgeknallt, am Anfang noch recht nachvollziehbar, aber zum Schluss hin wird die Handlung immer fantastischer und durchgeknallter...
Aber ein sehr schönes Stück Zelluloid das man gesehen haben sollte, und das ich mir mit Sicherheit in meine Silberling-Sammlung aufnehmen werde.






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