Dealer

Benedek Fliegaufs Dealer ist kein bunter, ekstatischer Drogenfilm mit schnellen Schnitten und lauter Musik, sondern die intensive und minimalistische Inszenierung einer spirituellen Erfahrung von Leere und Depression.

Dealer

Der Dealer ohne Namen (Felícián Keresztes) hat raue Bartstoppeln, kurzes Haar und einen schön geschwungenen Mund, aber nie ein Lächeln im kantigen Gesicht. Erst mit der Zeit wirkt seine regungslose Visage immer verletzlicher, fallen die dunklen Augenringe und die in die Stirn gegrabenen Sorgenfalten auf. Die Kamera kriecht häufig dicht heran, zwängt seinen Kopf in den Bildrand, schneidet ihn an, aber damit kommt sie dem Mann ebensowenig nah wie den anderen Getriebenen und Gebrochenen der anti-utopischen Geisterstadt, durch die der Dealer mit seinem weißen Fahrrad kreist, um seiner Arbeit nachzugehen und allen, die es verlangen und ihn bezahlen, Gift zu liefern. Diese Nekropole wird zwar von einem menschenleeren Budapest dargestellt, lässt sich aber universell lesen: als zeit- und ortloser innerer Zustand von Verlorenheit und Kälte.

Die Handlung setzt sich aus mehreren Episoden zusammen, die häufig fast in Echtzeit ablaufen: Der Dealer leistet einem bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Bekannten mit dem goldenen Schuss Sterbehilfe, er bringt einem Sekten-Guru mit lebensgefährlicher Verstopfung Kokain, beliefert eine ehemalige Geliebte mit Heroin und erfährt, dass er vielleicht eine Tochter hat. Er besucht seinen in der Vergangenheit eingeschlossenen Vater, trifft Süchtige verschiedenster Stoffe in diversen Stufen der Paranoia und des Wahns, er wird zusammengeschlagen, endgültig fertig macht er sich selbst. Es gibt keinen gnädigen Erzählbogen, nur einen Kreis des Verderbens, der sich am Ende zwingend schließt. Dabei ist der Dealer kein schlechter Kerl – er will aus dem elenden Handel aussteigen, nur fehlt ihm die Kraft. Er würde sogar für sein vermeintliches Kind sorgen, aber die Leere, die das Heroin in ihm hinterlassen hat, ist zu groß. Gemeint ist damit auch die Leere der gesamten Welt.

Dealer

Regisseur Benedek Fliegauf ist es ernst mit der zwischenmenschlichen Apokalypse. Er betreibt kein dancefloor-kompatibles Trainspotting (1996), keinen schwarzhumorigen psychedelischen Bilderrausch (Fear and Loathing in Las Vegas, 1998), ebensowenig erzählt er ein realistisches Sozialdrama (Christiane F. , 1981) – um an drei Klassiker des Drogenfilms zu erinnern. Er inszeniert auch kein Geschrei und Gekotze, sein Film geht nicht nah – zumindest nicht auf schauspielerischer Ebene. Aber auf atmosphärischer. Denn Dealer entwickelt durch stark verlangsamte Kamerabewegungen und eine empfindlich herauspräparierte Tonspur einen unangenehmen und gleichzeitig faszinierenden Sog. Ein beständiges Hintergrund-Brummen, beliebtes Stilmittel von David Lynch, liegt unter den Bildern. Die Geräusch-Wahrnehmung des Dealers ist besonders geschärft: Ob ein asthmatisches Katzenschnurren, das rasselnde Atemholen eines Schwerkranken, das Saugen an der brennenden Zigarette – alle Töne klingen bedrohlich laut und wie abgetrennt von der Umwelt. Der blassfarbige Film imitiert damit auch die Wahrnehmung unter Drogen, die Tunnelhaftigkeit und Konzentration auf Details.

Zum verlangsamten Sprechen – häufig ist es ein Röcheln – passt das träge Sehen. Die Kameraapparatur erhält eine Präsenz wie im Experimentalfilm, wenn sie zeitlupenhaft um die Figuren kreist und sich immer wieder selbständig macht, um über die Tapete davonzukriechen oder sich an einem streifigen Videobild festzusaugen. Sie verweigert große Panoramen genauso wie Intimität, und am Schluß verlässt sie den Dealer und den letzten Streifen flackernden Lichts, indem sie sich unendlich langsam wieder ins Schwarz zurückzieht.

Dealer

Um den in Cinemascope gedrehten Dealer würdigen zu können, sollte man allerdings eine gewisse Empfänglichkeit für die subtile Schönheit von negativer Transzendenz mitbringen. Der Regisseur, der im Abspann als Inspirationsquellen unter anderem Béla Tarr, David Lynch und Brett Easton Ellis angibt, richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, Gefühle von Lebensmüdigkeit und spiritueller Obdachlosigkeit auch im Kino zu ertragen. Doch die Episodenstruktur und die Länge des Films nagen nach einer Weile an seiner atmosphärischen Dichte. Besonders, als nach einer symbolischen Begegnung mit einem märchenerzählenden Tod die Weichen Richtung Kapitulation dem Leben gegenüber endgültig gestellt sind. Da ertappt man sich bei dem Gedanken, auch die Kamera möge bei ihren Schienenfahrten ein wenig schneller ins Ziel rollen.

 

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