Deadly Weapons / Double Agent 73

Sexploitation à la Wishman - Teil 2: Zwei Brüste für ein Halleluja – mit den beiden Chesty-Morgan-Filmen Deadly Weapons und Double Agent 73 sprengt Doris Wishman jede Leinwand und Schaulust.

Deadly Weapons 01

Süßer Exploitation-Irrsinn: Eine Stripperin mit einer Oberweite, die alles, was Russ Meyer diesbezüglich zu seinen wildesten Zeiten auf die Leinwand gebracht hat, als gescheiterten Versuch eines verhaltenen Amateurs dastehen lässt, rächt unter tödlichem Einsatz ihrer Brüste den Mord an ihrem Lover (Deadly Weapons, Ein superheißes Ding, 1974). Eine Geheimagentin dünnt die Personaldecke eines Drogenhändler-Rings empfindlich aus, nicht ohne die Leichen mit einer in ihrer Brust einoperierten, durch Anheben derselben ausgelösten Fotokamera zu dokumentieren (Double Agent 73, Teuflische Brüste, 1974). Effektiv in Szene gesetzte Attraktion und werbewirksames Spektakel beider Räuberpistolen: Chesty Morgan. Regie: Doris Wishman, die kleinste Grande Dame des Kinos, wenn vielleicht auch nur des Exploitationkinos. Gedreht wurden beide Filme back-to-back – auch weil beide Filme teils auf identisches Archivmaterial zurückgreifen, wirken sie wie siamesische Zwillinge.

Gelüste im Zerrspiegel

Deadly Weapons 02

Für „anwidernd und langweilig“ befand der für die ganz eigene Poesie des exploitativen Filmemachens notorisch unsensible katholische Film-Dienst seinerzeit dieses „Abnormitätenkabinett“, das geradezu manisch um den Oberkörper seines Stars strukturiert ist: Sehr ungeniert geriert sich die Kamera (C. Davis Smith) als übergriffig, filmt Chesty Morgans Ausschnitt oder verharrt vor dem entblößten Busen wie eine Katze vor der Maus kurz vor dem Sprung (oder vielleicht doch eher wie ein vor herannahenden Lichtkegeln gebannter Igel?). Dass Morgans Brüste dabei mitunter viel eher wie ein in die Kamera gestreckter Hintern erscheinen, mag eine versteckte Botschaft der Regisseurin sein: „So, you think you're in for some tits? Well, kiss my ass!“

Double Agent 73 02

Kino als Zerrspiegel: Als gelte es, die ohnehin schon groteske Ausgangslage noch zu toppen, streckt einem Deadly Weapons Morgans Brüste zunächst einmal vermittelt über Bande gefilmt entgegen und definiert damit sogleich den ästhetischen Modus des Morgan-Diptychons: Wenn das Exploitation-Kino ein Kino unverstellter Diskurse, ein Kino ganz primärer, ungefiltert benannter Bedürfnisse ist (dass ihm die finanziellen Mittel zur adäquaten Umsetzung selten zur Verfügung stehen, ist eine andere Geschichte), so spiegeln Deadly Weapons und Double Agent 73 diese Seh(n)süchte des – mutmaßlich männlichen – historischen Publikums in monströs potenzierter, entstellter Gestalt zurück in den Kinosaal, wo sie geradezu krisenhaft wirken: Lässt sich das Hollywood-Kino von Mulvey her als ein Modus ästhetischer Geschlossenheit begreifen, der sich aus dem Bedürfnis heraus strukturiert, die Krise, die mit dem Auftritt der Frau für das männliche Subjekt einhergeht, zu bändigen und den Frauenkörper skopophilen Neigungen als Objekt zu erschließen, so zelebrieren Wishmans – im Übrigen ein Jahr vor Mulveys wegweisendem Essay über visuelle Lust und narratives Kino entstandene – Filme geradezu den permanenten Regelverstoß gegen diese Methode. Dass Morgans Busen in Double Agent 73 qua eingebauter Kamera – eine bloße, als solche aber entzückende Behauptung, der visuell keinerlei Beleg folgt – selbst ein schauendes Subjekt ist, dessen Blick den Tod bedeutet, bildet dabei noch einen schönen filmtheoretischen Treppenwitz.

Freiheit und Subversion im Exploitationkino

Double Agent 73 01

Erfolgreich ist ein Exploitation-Film, wenn die Leute der grellen Werbung auf den Leim gegangen sind und am Einlass Tickets gelöst haben. Jedes kulturelle Kapital, das für den Hollywood-Betrieb im Folgenden noch von Belang sein könnte – künstlerisches Renommee, darstellerische Leistung, karriereförderliche Publicity, technische Präzision oder gar Pionierleistung, Auszeichnungen, Blurbs und Kundenbindung – , interessiert das Exploitation-Kino mit sympathischer Nonchalance kein Stück. Unter diesen Bedingungen entsteht einerseits der einzigartige Schundcharme der Billigprodukt-Filmerei einstiger Tage, andererseits aber auch ein gesondertes Maß an Freiheit innerhalb eines Systems rigider ökonomischer Begrenzungen: Deadly Weapons und Double Agent 73 sind von vornherein nicht als immersive Filme angelegt, sondern stellen ihre Mittel und inszenatorischen Begrenztheiten offen aus – oder anders gesagt: Diese Filme zelebrieren ein Kino ständiger Regelverletzungen. Die mal behände, mal schlicht auch nur nervös zitternde Kamera dynamisiert das Geschehen, Dialogauflösungen ignorieren jeden guten Handbuch-Ratschlag, Inserts trennen das Geschehen mal sinnig, mal unsinnig; was das Bild an Story schließlich nicht vermittelt, liefern innere Dialoge nach: Dadurch entstehen anrührend aufgesagte Puppenhaus-Filme im Polyester-Chic zwischen Billig-Make-up-Glanz, Blumen-Tapete und trüber Badezimmer-Fließen-Ernüchterung, gewebt aus nichts als reiner Künstlichkeit. Es mangelt an jedem Anspruch, mehr zu sein als bloße ästhetische Zurichtung einer allein in sich bestehenden Welt, die zur äußeren Wirklichkeit ein lediglich über Genre-Posen und -Formeln vermitteltes Verhältnis unterhält.

Deadly Weapons 03

Nicht zuletzt sind beide Filme in der steten Abfolge in äußerlicher Behauptung erstarrender, wechselhafter Gemütszustände nahezu modern nervös: Auf Melancholie-Camp am Fenster inklusive dick aufgetragener Tränen folgt womöglich im Nu ein Bewerbungsgespräch in einer Strip-Kaschemme, bei der Chesty Morgans körperliche Qualifikationen wieder schön manisch ins Bild gesetzt sind.

Kino also als monströse Kunst wider alle Regeln – gegen die des Filmemachens, noch mehr aber gegen die des elend guten Geschmacks. Kino als Kunst, die aus allen Rohren schießt und noch im Moment des Scheiterns zu wahrer Größe findet. Oder kurz: Das Kino der Doris Wishman – figuriert in zwei überirdischen Brüsten, die einem über die proletarische Massenkunst des 20. Jahrhunderts mitunter mehr zu erzählen haben als manches abstrakte Seminar.

Trailer zu „Deadly Weapons / Double Agent 73“


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