Deadly Games – Alleine gegen den Weihnachtsmann

Allein daheim am Heiligen Abend: René Manzors Horror-Wundertüte aus den späten 1980ern macht den Weihnachtsmann zum Home Invader und umgarnt den Zuschauer mit seiner Albtraum-Ästhetik.

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Sollte man versuchen, den Weihnachtsmann zu erspähen, wenn er sich ins Haus schleicht, um die Geschenke unter den Baum zu legen, dann verwandle er sich schlagartig in ein Monster. Mit dieser Warnung versucht Thomas’ (Alain Musy) Mutter Julie de Frémont (Brigitte Fossey) den Neunjährigen, der wegen ihrer beruflichen Verpflichtungen Heiligabend alleine mit seinem fast blinden Großvater verbringen muss, davon abzuhalten, die ganze Nacht auf der Lauer zu liegen. Doch das kleine Wunderkind, das bereits eigene Computerprogramme schreibt und im ganzen Haus eine Videoüberwachung installiert hat, lässt sich von solch einem Aberglauben nicht beeindrucken. All seiner Genialität zum Trotz glaubt Thomas immer noch fest an die Existenz des Weihnachtsmannes, es fehlt nur der empirische Beweis, und den zu erbringen hat er sich für diese Nacht vorgenommen.

Der Weihnachtsmann mutiert zum Monster

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Und tatsächlich, unter dem Tisch vor dem Kamin versteckt, darf Thomas beobachten, wie sich Père Noël, so der französische Ausdruck, ins heimische Wohnzimmer hangelt. Leider kann er seinen Hund nicht davon abhalten, auf den Eindringling loszugehen, und so weicht Thomas’ Freude schnell blankem Schrecken, als er mitansehen muss, wie der Weihnachtsmann seinen geliebten Vierbeiner einfach absticht. Aus der Weihnachtszauber, es beginnt der Albtraum. Thomas fährt all sein in spielerischer Simulation erprobtes Überlebens-Know-how auf, um seinen Opi, das Haus und sich gegen das selbstgeschaffene Monster zu verteidigen.

Der Zuschauer weiß natürlich, dass das keineswegs der echte Weihnachtsmann ist, sondern ein zuvor von Julie gefeuerter Kaufhausweihnachtsmann, der sich heimlich in den Lieferwagen mit der Spielzeuglieferung an ihren Sohn eingeschleust hat. Dennoch besteht einer der vielen Reize von René Manzors Werk gerade darin, das Angebot anzunehmen, Thomas’ Perspektive, die er bis zum Schluss beibehalten wird, zu teilen. Denn wie ließe sich Weihnachten schöner ins Horrorgenre verschieben, als aus der Geschichte um den Mann, der des Nachts in fremde Häuser eindringt, eine Home-Invasion-Story zu machen?

Eine vereinnahmende Gemengelage

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Generell verdankt Deadly Games – Allein gegen den Weihnachtsmann (3615 Code Père Noël) viel von seiner Faszination der Perspektivenvielfalt. Weniger deshalb, weil unterschiedliche Lesarten zugelassen werden, sondern weil da einiges zusammentrifft, was sich nicht unbedingt harmonisch vereinbaren lässt. Heraus kommt dabei mitnichten ein an seinen Widersprüchen zerbrechender Film, sondern eine vereinnahmende Gemengelage. Zuallererst drängt sich da die Frage auf, welche Zielgruppe eigentlich angedacht ist. Einerseits gibt es einige Momente, die durchaus für einen Kinderfilm herhalten könnten, allein schon weil die Identifikationsfigur eben ein neunjähriger Junge ist. In der Exposition wird er als äußerst gewitzt und verantwortungsvoll und doch kindlich unbedarft vorgestellt. Im Verteidigungskampf entwirft Thomas dann einige kreative Fallen aus Spielzeug und Haushaltsgerät, ganz genauso wie ein gewisser Kevin ein Jahr später in einem erfolgreichen US-Film das Publikum zum Lachen bringen wird. Andererseits kommt hier ein Lachen jedoch nie so richtig auf, zu irritierend und verstörend ist die Atmosphäre, auch schon bevor der Killerweihnachtsmann im Haus umgeht, denn vieles scheint von Beginn an rätselhaft. Und in manchen Szenen, etwa wenn der Eindringling auf ein Auto, in dem sich Thomas und sein Großvater verschanzt haben, mit der Axt losgeht, hat man es mit astreinem Terrorkino zu tun.

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Auch der Killersanta ist durchaus ambivalent. Es ist keineswegs damit getan, ihm einfach den Stempel „Psychopath“ aufzudrücken. Manzor, der auch das Drehbuch schrieb, verzichtet auf die Backwound Story, in der üblicherweise ein dramatisches Ereignis in der Kindheit für den pathologischen Werdegang herhalten muss. Stattdessen nutzt Patrick Floersheim als wortkarger Bösewicht, der womöglich so bösartig doch gar nicht ist, in pointierten Szenen die Gelegenheit, vor allem mittels der Mimik seinem Charakter eine berührende Tiefe zu verleihen. Gleich mit dem ersten Auftritt ist klar, dass man es hier mit einer sehr tragischen Figur zu tun hat. Thomas, das Genie im Körper eines Kindes, das sich dennoch nicht aus seiner infantilen Vorstellungswelt lossagen will, und der einsame Herr mit Rauschebart, der entgegen aller mörderischen Bedrohlichkeit selbst etwas betörend Kindliches hat, geben ein interessantes Protagonistenduo, dessen Verhältnis sich nicht lediglich im Antagonismus erschöpft.

Ein Traum von 80er-Jahre US-Ästhetik

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Deadly Games – Allein gegen den Weihnachtsmann wurde zwar 1989 in Frankreich produziert, wirkt jedoch sehr amerikanisch. Manzor scheint ein genauer Beobachter der US-Populärkultur der 1980er gewesen zu sein, sein Film mutet teilweise schon fast wie eine Studie an. Referenzen wie Thomas’ Rambo-Imitation oder der Umstand, dass sein Hund JR heißt, sind nur die Oberfläche. Der dunkle, von dampfenden Rohren durchzogene Kellerraum beschwört die Stimmung der Freddy-Krueger-Filme herauf. Allerdings ist diese Referenz selbst wohl nur Teil eines viel wesentlicheren, umfassenderen Bezugspunktes, der Bildgestaltung vieler 1980er-Jahre-Musikvideos, die sich durch eine sogenannte Traumästhetik auszeichnen: Nebel und Dunkelheit, teilweise sehr weiche, konturlose Bilder sowie schräge und verkantete wie auch Größenverhältnisse verzerrende Kameraperspektiven erzeugen allesamt eine Grundatmosphäre, in der realistische Bewertungsmaßstäbe mühelos einer eigengesetzlichen Traumlogik weichen. Vielleicht ist es dieser zu verdanken, dass das eigenartige Gemisch der Plotzutaten so in den Bann zu ziehen vermag. Verstärkt wird dieser formale Surrealismus durch die konkrete Ausgestaltung der Handlungsorte. Die Villa der de Frémonts erinnert in der Außenaufnahme an das unwirkliche Schloss Xanadu aus Citizen Kane (1941), im Inneren ist sie durchzogen von Geheimräumen zwischen den Wänden, die nur Thomas kennt und in denen sich bergeweise altes Spielzeug türmt.

Es verwundert, dass Deadly Games – Allein gegen den Weihnachtsmann trotz seines Kultpotenzials ein heute eher unbekannter Film ist, der in Deutschland nur sehr selten im TV zu sehen war und seit der mittlerweile recht begehrten VHS-Kassette keine weitere Veröffentlichung erfahren hat. Er ist nicht nur ein faszinierendes Genrekuriosum, sondern funktioniert tatsächlich in einem gewissen Modus als Weihnachtsfilm. Nicht nur wegen des Themas, schließlich will er auf dieser Ebene den Weihnachtszauber ja demontieren. Manzors Wundertüte hält eine Stimmung bereit, die einen dazu verführt, sich in ein kindlich-magisches Sich-verwundern-und-mitreißen-lassen zurückzuversetzen, ein Gefühl, das der Qualität kindlicher Weihnachtsfreude nicht unähnlich ist.

Trailer zu „Deadly Games – Alleine gegen den Weihnachtsmann“


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