Deadlock

Mit seinem zweiten Spielfilm verscharrt Roland Klick „Papas Kino“ auf sehr eigene Weise unter dem glühenden Wüstensand eines Western-Szenarios.

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Roland Klick gilt als eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Filmgeschichte. Allerdings nicht, weil er eine besonders stilprägende Rolle für eine bestimmte Bewegung innehat, sondern weil er in Bezug zu einer solchen - dem Neuen Deutschen Film – gerade eine bemerkenswerte Außenseiterrolle einnimmt. Eine entscheidene Weichenstellung für diese Entwicklung dürfte sein zweiter Spielfilm Deadlock sein. Entstanden war er in einer Zeit, in der junge Filmemacher in die damals von seichten Genreproduktionen dominierte deutsche Filmlandschaft mit politischen und gesellschaftskritischen, sich dem Unterhaltungsprimat konsequent verweigernden Autorenwerken frischen Wind bringen wollten. Klicks Langfilmdebüt Bübchen (1968) stand dieser Bewegung noch nahe, doch tatsächlich einfügen wollte er sich darin nie, hielt sie doch für zu hermetisch, zu ignorant dem Publikum gegenüber. Mit Deadlock näherte er sich dem Genrefilm an. Die Handlung variiert Elemente des Gangsterfilms, das Setting ist das eines Spät- oder Italo-Westerns.

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Von einigen Kollegen und Kritikern wurde das als eine Art Verrat am Weg, den der Neue Deutsche Film einschlagen wollte, empfunden. Doch mit „Papas Kino“ à la Edgar Wallace oder Karl May hat Deadlock freilich herzlich wenig zu tun. Seine Landschaftsbilder orientieren sich kein Stück an den erhabenen und romantisierten Aufnahmen der Winnetou-Filme, sondern zeigen stets dieselbe verlassene und verfallene Siedlung inmitten einer trostlosen und unwirtlichen Steinwüste. Der Name von Mario Adorfs Figur, die sich als deren Verwalter ausgibt, lautet wohl nicht zufällig Charles Dump.

Der zentrale Vorwurf der Aktionsorientiertheit gegen Deadlock ist schwer nachzuvollziehen, vor allem aus heutiger Sicht. Bereits die Eröffnungsszene macht deutlich, dass im Folgenden kein ausgefeilter Plot zu erwarten ist, sondern Klick seine Erzählung äußerst gemächlich voranschiebt. In einer eineinhalb Minuten lang gleichbleibenden Totalen ist nichts weiter zu sehen als eine Figur (Marquard Bohm, aufgrund des jungen Alters wie im Western typisch einfach nur als Kid benannt), die sich im Zickzack torkelnd aus der Tiefe der glühenden Wüste in den Vordergrund vorarbeitet, bis nur noch die Füße den Kader ausfüllen. Während des weiteren Verlaufs geben viele weitere, ähnlich ruhige Einstellungen dem Zuschauer Gelegenheit, den Blick im Bildraum umher- und die Gedanken abschweifen zu lassen.

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Insgesamt kommt man mit dem Versuch, den Film über die Handlung zu begreifen, nicht besonders weit. Ausgangspunkt ist der vielleicht am meisten verwendete MacGuffin der Filmgeschichte: ein Koffer, in dem sich ein Haufen Geld befindet. Dieses so typische Genrekinoelement versieht Klick mit einer spezifischen Eigenheit, indem er noch eine Vinylsingle mit drauflegt. Im Streit um das Geld erwächst der Konflikt zwischen Dump, Kid und dem etwas später hinzukommenden Altgangster Sunshine (Anthony Dawson). Immer wieder gibt es Katz- und Mausspielchen, die sich meist darauf belaufen, dem anderen die Waffe zu entwenden und darüber im Unklaren zu lassen, ob und wann man ihn töten werde. Am Rande gibt es noch zwei Frauen und - in seiner Präsenz einer Figur nahekommend – Dumps Lastwagen.

Über die Hintergründe der Figuren erfährt man so gut wie gar nichts, zumindest nicht im konventionellen Sinne. Die Essenz von Deadlock liegt in seinen oft statisch wirkenden Momentaufnahmen, denen Klick sehr viel Platz einräumt und die vielleicht mehr, zumindest aber eindringlicher etwas über die Protagonisten erzählen, als umfangreiche Dialog- oder Handlungsszenen es könnten: Die von Staub besetzten, in Großaufnahme präsentierten Gesichter der Protagonisten; Dumps von kindlicher Überforderung zeugende, häufig weit aufgerissene Augen, Kids meist stoische Mine und Sunshines sadistisches, selbstgefälliges Grinsen; die dreckige und zerschlissene Kleidung; die Positionierung der Figuren innerhalb des maroden und desolaten, jedoch sehr sorgfältig arrangierten Umfeldes. All das verleiht Deadlock gerade unabhängig von konkreten Aktionen seinen eigentlichen Reiz, seine ganz eigene Atmosphäre.

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Hinzu kommen weitere abstrakte Elemente. Gelegentliche Kamerablicke direkt in die Sonne und daraufhin verschwimmende Bildflächen, unterstützt vom Soundtrack der Band Can (in den Anfangscredits als The Can angekündigt), bringen eine psychedelische Note mit ein. Andere Szenen sind pure Groteske, etwa wenn die alternde Hure den jungen Kid mit ihren Brüsten unversehens in die Flucht schlägt. Und auch wenn nicht viel geredet wird, als leise kann man Deadlock nicht bezeichnen. Die (synthetisch erzeugte) Tonspur nimmt jedes noch so kleine Geräusch auf und unterlegt den Film mit einer permanenten Soundcollage aus im Stein und Sand knarzenden Schritten, klappernden und quietschenden Gegenständen, Motorrattern oder dem Rauschen des Windes.

Der Vorwurf der Aktionsorientierung wird schließlich auch dadurch entkräftet, dass das vermeintliche Ziel der ohnehin nur rudimentären Handlung, die Verfügung über das Geld, ins Leere zu laufen scheint. Man kann sich nur schwer vorstellen, was diese Gestalten damit eigentlich anfangen sollen. Der komplette Film spielt ausschließlich in der Geisterstadt mit dem bezeichnenden Namen Deadlock. Ähnlich dem Gefangensein in einer Art Limbus scheint es für die der wirklichen Welt entzogenen Figuren gar keinen Ausweg mehr aus dieser Einöde zu geben.

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Deadlock sollte Klicks an der Kinokasse erfolgreichste Produktion werden. Dass dies die Ablehnung des Regisseurs seitens des Neuen Deutschen Films noch verschärfte, führt um so mehr Klicks Sonderstellung in der deutschen Filmgeschichte vor Augen. Was auch immer die Gründe für den Anklang gewesen sein mögen, es lag jedenfalls nicht daran, dass sich der Streifen in irgendeiner Weise angebiedert hätte. Klick ist mit Deadlock das Kunststück gelungen, einen Film zu schaffen, der imstande war, ein größeres Publikum anzusprechen und dennoch ein durch und durch eigensinniges Werk zu bleiben.

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