Dead Man Down

Gescheiterte Existenzen mit Migrationshintergrund geistern durch ein düster artifizielles New York.

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Stille Wasser sind tief. Zumindest im Genrekino, wo sich hinter der Fassade eines stillen Killers nicht selten eine traumatische Vergangenheit verbirgt, die je nach Film mal mehr, mal weniger ergründet wird. Colin Farrell spielt in Dead Man Down so eine Figur. Sie hört auf den Namen Victor und arbeitet als Handlanger eines Gangsterbosses (Terrence Howard), der seit einiger Zeit von einem Unbekannten mit kryptisch bedrohlichen Botschaften und einem Fotopuzzle terrorisiert wird. Wenn Victor im kugelreichen Prolog des Films seinen ersten Auftritt hat, bemerkt man ihn kaum. Stumm und unscheinbar hält er sich im Hintergrund, agiert aber zuverlässig als Schatten und Beschützer seines Vorgesetzten. Wie sich dieser Sohn ungarischer Einwanderer am Rande des Geschehens aufhält und dabei doch mit seiner Präsenz alles andere überstrahlt, lässt schon ahnen, dass Dead Man Down die Narben, die sich auf der Seele dieses einsamen Wolfs befinden, genau unter die Lupe nehmen wird.

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Nachdem sich der Däne Niels Arden Oplev mit diversen Dramen in der Heimat einen Namen gemacht hat, mit der Stieg-Larsson-Adaption Verblendung (Män som hatar kvinnor, 2009) dann einem größeren Publikum bekannt wurde und als Regisseur der amerikanischen Fernsehserie Unforgettable (2011) auch in den USA sein Revier markierte, war die Zeit für ein Hollywooddebüt gekommen. Mit Dead Man Down hat Oplev nun auf den ersten Blick einen klassischen Thriller mit Racheplot und Liebesgeschichte gedreht, der vor allem wie ein Zugeständnis an sein Gastland wirkt. Doch der Schein trügt, denn bei genauerem Hinsehen erweist sich der Film als eine eigenartige Obskurität, in der amerikanisches Genrekino, ein düsterer skandinavischer Krimi und ein tränenreiches Melodram miteinander kollidieren.

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Auffällig ist zunächst, wie Oplev seine Handlung emotional auflädt. Victor ist nicht der Einzige, den seine schmerzhafte Vergangenheit einholt. Wenn er aus dem Fenster blickt, zum Hochhaus auf der anderen Seite, lächelt ihm Beatrice (Noomi Rapace) schüchtern zu. Nach einem Autounfall wurde das Gesicht der jungen Frau entstellt. Zumindest möchte uns der Film das anhand der roten Linien, die ihr Gesicht eher dekorativ rahmen als verunstalten, weismachen. Die beiden sind gleich in mehrfacher Hinsicht Seelenverwandte: Außenseiter mit Migrationshintergrund, die nur noch in der Rache Erlösung finden können. Als Beatrice Victor dazu erpresst, den Fahrer des Unfallwagens zu töten, und auch er selbst noch eine Rechnung von früher begleichen muss, nimmt das Geschehen über abenteuerliche Wege seinen Lauf.

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Das Drehbuch von J.H. Wyman hat eine Menge schicksalsträchtiger Verstrickungen und überraschender Wendungen in petto. So viele, dass die Handlung selbst für Genreverhältnisse ausgesprochen tollkühn wirkt. Während dieser dramaturgischen Achterbahnfahrt verweilt der Film allerdings auch immer wieder bei Sequenzen, die handwerklich souverän in Szene gesetzt sind und mitunter einen einnehmenden Look haben. Mit frappierender Künstlichkeit beschwört Dead Man Down etwa ein düsteres, in unnatürliche Farben getauchtes New York, das sich als eine permanent bewölkte Insel verlorener Subjekte erweist. In Lagerhallen und leer stehenden Häusern treffen sich die gefährlich dreinblickenden Gangster und bewegen sich als Silhouetten zwischen den strengen Linien der ruinengleichen Architektur. Doch so überzeugend mitunter das ästhetische Konzept des Films ist, so unvereinbar wirken die verschiedenen Handlungsbausteine.

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Heterogenität kann als filmisches Konzept durchaus funktionieren, auch im weitgehend geradlinigen Genrekino. Dead Man Down wirkt jedoch an manchen Stellen haarsträubend krude zusammengeschustert. Angetrieben von einem wild gewordenen Plottwist-Ungeheuer wird alles, was eigentlich nicht passt, doch passend gemacht, verschiedene Erzählstränge wenig elegant zusammengeführt und ruhige, auf Realismus getrimmte Passagen mit brachialer Haudrauf-Action kombiniert. Über die richtige Basis verfügt der Film zweifellos, nur an Ordnungssinn und gutem Geschmack fehlt es ihm. So läuft selbst die ansonsten recht stimmige Ästhetik manchmal ordentlich aus dem Ruder, etwa, wenn ein CGI-animiertes Heer an Glühwürmchen über einem Friedhof schwebt und man das Gefühl bekommt, man habe sich in ein Fantasyabenteuer verirrt. Der wahrscheinlich seltsamste Moment ist aber, wenn Isabelle Huppert als Beatrices Mutter auftaucht, um ein bisschen Kuppelarbeit zu leisten und jenen schnippisch arroganten Charme zu versprühen, für den man sie normalerweise besetzt. Gerade in einem Film, in dem sich die einzelnen Teile eben nicht ineinanderfügen wie bei dem Fotopuzzle, das im Zentrum der Handlung steht, sollte man mit allem rechnen. Der Auftritt der ansonsten auf Autorenfilme spezialisierten und in diesem Kontext reichlich deplatziert wirkenden Huppert bleibt aber dann doch die größte Sonderbarkeit von Dead Man Down.

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