Day Night Day Night

Zwei Tage und Nächte im Leben einer Selbstmordattentäterin: Day Night Day Night, Julia Loktevs Independent-Beitrag zur Terrorismusdebatte, überrascht in seinen besten Momenten mit einer argumentativen und formalen Enthaltsamkeit.

Day Night Day Night

Bereits zu Beginn hüllt Julia Loktev die Protagonistin ihres ersten Spielfilms in Dunkelheit. Das Gesicht der jungen Frau, die an der Scheibe eines Busses ins meditative Zwiegespräch vertieft ist, lässt sich ob der extremen Nahaufnahme und einiger Schattenbildung lediglich erahnen. Im Anschluss irrt sie hektisch durch eine Station, die Handkamera jagt ihr nach, erhascht im Fokus jedoch nur ihren Hinterkopf. Innerhalb der ersten Minuten von Day Night Day Night wird das Bedürfnis, endlich das Antlitz unseres filmischen Gegenübers zu sehen, nahezu unerträglich. Wenn sie sich schließlich umdreht, erwartet man beinahe, ihr Blick müsste auf uns, auf die Kamera fallen. Er tut es nicht, und das nicht nur, weil der direkte Blick in die Kamera keine Konvention ist.

In gewisser Weise ist Day Night Day Night die Geschichte einer Komplizenschaft. Ein Verhältnis, in das wir zur Hauptfigur nicht geraten. Die junge Frau (Luisa Williams), deren ständiger Begleiter wir nun sind, bleibt anonym, der Abspann betitelt sie bündig mit „She“. Auch ihr leichter Akzent im Englischen verrät die Herkunft nicht weiter. Sie wird in ein Hotel gebracht und dort auf das Attentat vorbereitet. Die Komplizenschaft mit den maskierten Männern, die sie hier instruieren, ist wiederum eine zweckmäßige. Die eigentliche verbindet sie zu der höheren Instanz, die sie immer wieder im Quasi-Gebet anruft: Der Adressat, das „You“ ihrer Sätze, bleibt ebenfalls anonym, auch das „They“, die Menschen, von denen sie sich abgrenzt. Julia Loktev hat einen Film über Terrorismus gemacht, der die Hintergründe des Phänomens resolut ausklammert.

Day Night Day Night

Ebenso wenig dringt sie in die Psychologie der Attentäterin vor, Loktev privilegiert das sichtbare Physische. Das eingangs so herbeigesehnte Gesicht regiert schließlich die Leinwand, auf ihm konzentriert sich die Handlung in Reaktionen. Nicht nur im Kino zählt man das Gesicht eines Menschen herkömmlich zu den Hauptindikatoren von Empfindungen, die Nahaufnahme wurde vielleicht nur erfunden, um deren Eindrücklichkeit zu verstärken. Gefühle sind so einige ablesbar auf dem Gesicht der Protagonistin: Verunsicherung, Panik, dann wieder große Entschlossenheit. Es sind subjektive Momentaufnahmen, weiter nichts, so wie Day Night Day Night eine einzige Momentaufnahme ist, die von zwei Tagen und zwei Nächten. Einen mehr als flüchtigen Zugang zum jeweiligen Gegenüber können Gesicht und Nahaufnahme nicht versprechen, hierfür benötigt man einen übergreifenderen Kontext. Der fehlt.

Day Night Day Night

So lässt sich vieles auf den Körper der jungen Frau einschreiben. Und das ist es, was Day Night Day Night so irritierend und gleichzeitig interessant macht. Die Hauptfigur wird zur Projektionsfläche für unsere Annahmen über Terroristen, als Täter, als Menschen – bestätigt wird kaum etwas, widerlegt aber auch nicht. Hinzu kommt, dass der Körper ein weiblicher ist: Wie eine Prostituierte wird die Protagonistin im Hotel empfangen, modelt Tarnkleidung vor den Männern wie ein unfreiwilliges Mannequin. Zudem lässt sie sich in einer Videobotschaft für Propagandazwecke instrumentalisieren, die sie im Gegensatz zur hierfür benötigten Kosmetik nicht interessieren. Die Rolle eines passiven Opfers von Ideologien, welchen auch immer, wird ihr dennoch nicht eindeutig einverleibt. Sie selbst mag sich als Märtyrerin sehen, die formale Konzentration auf ihr Gesicht ruft Dreyers Die Passion der Jeanne d’Arc (La Passion de Jeanne d’Arc, 1928) ins Gedächtnis.

Day Night Day Night

In der ersten Hälfte von Day Night Day Night ist es zweifellos die Banalität, die erschüttert. Die Vorbereitung der Protagonistin verläuft akribisch, höflich lässt sie die Rituale über sich ergehen, Kontakt wird verwehrt. Wie im Film selbst ist hier alles auf die Inszenierung der Attentäterin reduziert. Dabei sieht Loktev erfreulicherweise von einer aufdringlichen, leeren Symbolik eines Films wie [filmid: 290]Paradise Now (2004) ab. Nimmt dort der Protagonist an einer Tafel Platz, die das Bild des Letzten Abendmahls zitiert, so gibt es bei Loktev einsam Pizza. Mit dem Gestus des Alltäglichen wird auch der Aufbruch zum Attentat geschildert: Man sieht ein junges Mädchen, das mit dem Rucksack den Schulbus besteigt.

Fährten legt Day Night Day Night viele, über deren Treffsicherheit oder teils gar Relevanz erlangt man keine Gewissheit. Die Rigorosität, mit der Loktev an ihr Sujet herangeht, imponiert durchaus. Wer eindeutige Erklärungsmuster erwartet, die einem Biographie und Motivation des Selbstmordattentäters nahe bringen, der schaue lieber Paradise Now. Der scheiterte jedoch eben an der Formelhaftigkeit seiner Ausführungen. Day Night Day Night droht in der letzten Hälfte an etwas anderem zu scheitern, sobald er das Kammerspiel verlässt: Loktev wechselt die Perspektive in einem Annäherungsverfahren an die Attentäterin. Mit Mitteln der formalen Überstimulation erlebt man jetzt physisch die Anspannung, mit der sie am Times Square den Finger auf den Bombenauslöser legt. Zu lange dreht sich alles nur noch um die Frage, ob sie die Tat ausführen kann oder nicht.

Day Night Day Night

Man mag es subversiv finden, dass man schließlich mit der Attentäterin bangt, nicht mit den Menschen um sie herum. Das allein ist aber nicht wirklich aussagekräftig, hier verkommt Day Night Day Night beinahe zu einem Stilexperiment, das aufzeigt, wie effektiv filmische Manipulations- und Identifikationsstrategien doch sein können. Gegen Ende erstickt die Distanzlosigkeit zur Hauptfigur bedauerlicherweise jede Möglichkeit zur Reflektion, eine, für die uns Loktev doch zuvor soviel Raum und Nahrung gegeben hatte.

Trailer zu „Day Night Day Night“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.