Day is Done

Das Fenster zur Stadt, oder: Der Blick nach draußen, der Blick ins Innere.

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Der Schweizer Filmemacher Thomas Imbach filmt Zürich – aus dem Fenster seines Ateliers – bei Sonnenschein und Schnee, Tag und Nacht. Zwischen Hauptbahnhof und Flughafen, zwischen Büroturm und Schornstein wimmeln die Maschinen der Großstadt, flitzen die Züge hin und weg, hauen Flieger ab in die Wolken. Und unten, entlang der Lagerhallen, der öffentliche Laufsteg: Frauen prozessieren in Stilettos über Schneematsch, zwei Typen bringen Einkaufswagen voller Altmetall vorbei, eine Gruppe adrett gekleideter Studenten radelt durch den Herbst. Lichter, Flächen, Elemente; Sonnenstrahlen, Hagelschauer, rollender Mond; Stillstand, Zeitraffer, rapider Schnitt; Maschinen, Häuser, Menschen.

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In Day is Done schauen wir (von einigen unnötigen Homevideoschnipseln abgesehen)  wirklich für ganze 111 Minuten aus einem Fenster auf das immer gleiche Panorama, den gleichen Ausschnitt Stadt und Alltag. Aber kein einziges Mal sieht man etwas zweimal. Der Fabrikschornstein zum Beispiel: in weiter Ferne wie ein Zacken am Horizont, aus größerer Nähe wie ein ausgestreckter Mittelfinger über den Straßen, von ganz nah wie eine dampfende Wand, die den Himmel zu verdecken droht. Und all das in allen Wetterlagen, zu allen Tageszeiten, in den unterschiedlichsten Montagereihen. Was sich konzeptlastig anhören mag, minimalistisch, ist de facto enorm abwechslungsreich und eklektisch. Proust wusste es und schrieb und schrieb und konnte niemals aufhören: Selbst der kleinste Partikel Welt ist unermesslich in seiner Vielfalt, der Vielfalt der Stimmungen, Blickwinkel und Kontexte. Und nun nehme man eine halbe Stadt.

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Day is Done ist optisch ein Schaulaufen der Apparatur, der Teleobjektive, der Lichtfilter und: des analogen Films. Imbach drehte über einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren auf klassischen 35mm – und man spürt es den Bildern nach. Gerade in den feinen Blauabstufungen am Himmel, dem Spiel aus Weiß und Azur zwischen Quellwolken und Kondensstreifen, im feinen Licht am Morgen, im nebligem Schneegestöber, kurzum: in den Zartheiten glänzt das Material. Imbachs Kamera blickt voll Faszination auf Substanzen im gasförmigem Zustand, und wie von einem Gas, wie von etwas an sich Unsichtbarem sind die Bilder durchzogen von einer Art „organischem“ Hauch. Was heißen soll: Alle Details sind voneinander isolierbar, und doch gehören sie immer zur gleichen Situation, zur gleichen Stimmung, zur gleichen Landschaft.

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So viel zum Visuellen. Auf die Tonspur legt Imbach Anrufbeantworter-Nachrichten, Stimmen (meist im tiefsten Schwyzerdütsch), die ohne Gegenüber reden, aber gerne kommunizieren würden. Doch so gut wie nie nimmt der erfragte „Thomas“ ab, immer ist diesseits des Films (also da, von wo aus wir Zuschauer auf die Stadt starren) nur Stille und Warten. Der ununterbrochenen visuellen Präsenz ist eine nicht minder totale stimmliche Absenz entgegengesetzt, und beides zusammen bildet ein schräges Ensemble: ein stummer voyeuristischer Blick, ein manifest gewordenes schlechtes Gewissen, das den Flugzeugen nachschaut, wie sie sich davonmachen. Bestimmt nach Süden, bestimmt weg von hier.

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Denn die Anrufer sind recht oft verärgert über das Schweigen und teilen in ihrem Ärger so einiges mit über diese charakterliches Leerstelle namens „Thomas“, die der Zuschauer allmählich selbst zu füllen beginnt. Der Tod des Vaters, Erfolge und Tiefschläge im Filmgeschäft, die Streitereien einer getrennten Kindeserziehung usw. Dazwischen erklingen immer wieder Coverversionen männlich-grüblerischer Songs, eingespielt von der „Day is Done-Band“. Da gibt es sarkastisches zeitgenössisches Songwritertum von Bill Calahan und Conor Oberst, ein bisschen Klassisches von Dylan und Barrett, und ein Liedchen auf Schwyzerdütsch. Auch wenn Sänger George Vaine stimmlich meist nicht an die Originale heranreicht, trifft er dennoch so etwas wie eine Mittellage und stellt eine Verbindung her zwischen Jukebox und Album-Homogenität. Dabei verstärkt die Songauswahl noch das Gefühl, dass hier ein melancholischer Bursche am Schmollen und Sich-Verstecken ist, schweigend auf die Stadt starrt und denkt, während er seine Playlist for rainy days auf dem iPod hört.

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Ganz so prosaisch muss der Film selbstverständlich nicht gelesen werden. Denn natürlich bleibt ein derartiger Kunstfilm letztendlich ein assoziatives, ein freies Unterfangen, mehr ein In-Bewegung-Setzen des ästhetischen Empfindens als dessen definitive Ausrichtung. Man kann auf den verschiedenen Pfaden der Ton-Bild-Collagen wandeln, über die Metamorphosen der urbanen Welt sinnieren, sich moralisch zum Voyeurismus positionieren oder in den Ansichten blättern wie in einem Bilderalbum. Was jedoch, und das ist das große Verdienst dieses Filmes, äußerst schwierig wird, ist sich zu langweilen. Imbach setzt auf flotte Schnittfolgen mit dem ein oder anderen hübschen Blendeffekt, er moduliert die Geschwindigkeit und hält auf der Soundebene gut die Balance zwischen Infos zu einer „fiktiven Autobiografie“ (so der Untertitel des Films) und Songs. Das heißt: Day is Done will unterhalten. Dafür gebührt ihm Aufmerksamkeit. Und vielleicht verstehen wir Zuschauer am Ende all die Omas und Opas besser, die auf ihre Kopfkissen gelehnt den lieben langen Tag auf die Straße starren. Denn mehr Kino als direkt vor deiner Nase gibt’s nicht.

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Kommentare


Ciprian

Für mich einer der besten filme der letzten Berlinale, auf jeden Fall der erste, der mir ins Gedächtnis kommt.

Und freue mich immer wieder, was von Dir zu lesen:)






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