David Lynch: The Art Life

Ein Dokumentarfilm folgt David Lynch ins Atelier sowie in die Tiefe des Seins und lässt ihn in eigenen Worten Selbstverrätselung betreiben. Meistens im Bild: Zigarettenrauch und Coke auf viel Eis.

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Bis heute betrachtet sich David Lynch eher als Maler denn als Filmregisseur. Folgerichtig bilden seine installativ-makabren Gemälde den visuellen Mittelpunkt des Films, den die drei Ko-Regisseure Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergard-Holm gemeinsam erarbeitet haben. Damit kontrastiert sieht der Zuschauer Lynch himself: Bei der minutiösen Arbeit in seinem großzügigen Atelier, das sich an die sonnenbeschienen Hänge der Hollywood Hills schmiegt. Meistens im Bild: Zigarettenrauch und Coke auf enorm viel Eis. Zumindest dieses Lynch-Klischee scheint zu stimmen. Ab und zu schaut seine jüngste Tochter Lula vorbei und wird vom Papa dezent bespaßt.

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Doch das eigentliche Herz von David Lynch: The Art Life ist das stringent angewandte Voice-over der Lynch’schen Lebenserzählung – mit Recht ließe sich der Film als ein im Nachhinein visualisiertes Interview bezeichnen. Beim Sprechakt indes wird er nicht gezeigt. Das wirkt konsequent, ist das Verborgene, nur innerhalb des Kopfs Sichtbare doch ein zentrales Element in Lynchs Schaffen, und so passt sich der Film gewissermaßen seinem Sujet an und verweigert klar die letzte Synchronisierung und Sinngebung. Ein Art Filmessay zwischen Autobiografie, Reportage und künstlerischer Studie entsteht. Von der frühen Kindheit bis zu den Dreharbeiten zu Eraserhead (1977) rekapituliert Lynch einschneidende Erlebnisse, familiäre Prägungen und den Verlauf seiner Studentenzeit. Es geht also ausschließlich um die – frei formuliert – präkinematografische Phase des Regisseurs.

This was very, very good for me“

David Lynch The Art Life 3

Lynchs Erzählungen sind prägnant: Wie schon oft zuvor betont er auch diesmal, wie harmonisch durchschnittlich sich zunächst seine Kindheit ausnimmt. Niemals hätten sich die Eltern gestritten, beteuert er. Mutter und Vater seien großartige, zugewandte Menschen gewesen, die Geschwister stets in Eintracht vereint. Doch schon bald grient eine unhintergehbare Morbidität durch den Vorhang bürgerlicher Idylle. Lynch belässt es bei der Andeutung ausgewählter Schockmomente: Traumatische Begegnungen mit fremden Menschen in der kleinstädtischen Nachbarschaft werden angesprochen, aber nie ausgebreitet. Letztlich betreibt er hier eine erfolgreiche Selbstverrätselung. Meistens kondensieren lebensverändernde Momente in Formulierungen wie „This was very, very good for me“ oder „It was just terrible.“ Was aber auch seinen Reiz hat, denn vielleicht möchte man Lynch gar nicht noch näher kennenlernen. Der Film wahrt diese Distanz und hinterlässt trotzdem ein bleibendes Bild, das macht seine Finesse aus.

Experimente mit verrottetem Obst und toten Tieren

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Gerade Ko-Regisseurin und Cutterin Olivia Neergard-Holm (Ko-Autorin von Sebastian Schippers Victoria (2015)) gelingt es, in der visuellen Anordnung von Atelierszenen, Archivmaterial und Gemäldestills eine ikonische Spannung zu erzeugen, die Lynchs Sein eine räumliche, aber nicht zu definierende Tiefe verleiht. Als junger nobody an der Kunstakademie schwänzt er Kurse, und als junger Vater stellt er im Keller Experimente mit verrottetem Obst und toten Tieren an. Der Film schließt mit den für ihn und sein Umfeld strapaziösen Dreharbeiten zu Eraserhead. Ein wenig (Selbst-)Beweihräucherung des Regisseurs, der wie kein anderer das kollektive Unbewusste der US-Gesellschaft fühlbar gemacht hat, ist bei alledem nicht von der Hand zu weisen – doch das Genre Künstlerporträt macht hier erfahrungsgemäß häufig befangen, wie sich zum Beispiel an den Malerporträts Neo Rauch: Gefährten und Begleiter (2016) oder Gerhard Richter Painting (2011) beobachten lässt. David Lynch: The Art Life legt Lynchs etabliertem Ruf als Regisseur des Abgründigen und Albtraumhaften am Ende ein – wenn auch bruchstückhaftes – Fundament.

Trailer zu „David Lynch: The Art Life“


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