Das zweite Leben des Monsieur Manesquier

Jean Rochefort und Johnny Hallyday spielen in diesem philosophischen Stück zwei scheinbar total gegensätzliche Männer, welche sich aber wundersam ergänzen und so endlich eine andere Richtung in ihrem Leben einschlagen können.

Das zweite Leben des Monsieur Manesquier

Es ist zwar nicht Liebe auf den ersten Blick, zumindest jedoch eine gewisse Sympathie, welche gleich bei der ersten Begegnung zwischen Milan (Johnny Hallyday) und Monsieur Manesquier (Jean Rochefort) zu spüren ist, oder besser: ein bestimmtes Grundvertrauen – obwohl die beiden Männer so verschieden scheinen. Ohne ihn zu kennen lädt der alte Manesquier den etwas jüngeren Milan ein, seine soeben in der Apotheke gekauften Kopfschmerztabletten bei ihm zu Hause in einem Glas Wasser aufzulösen. Gerade mit dem Zug in einem kleinen Dorf irgendwo in Frankreich angekommen, willigt dieser ein. Wie selbstverständlich laufen die beiden zusammen zu der kleinen feudalen Villa des freundlichen Gentleman. Da das Hotel im Ort im Herbst – und eigentlich auch im Sommer – geschlossen hat, wird der Fremde einige Tage bei dem Einwohner verbringen, genauer gesagt bis Samstag. Denn an diesem Tag hat er etwas Besonderes vor, genauso wie sein Gastgeber: Während dieser dann am Herzen operiert werden muss, plant Milan einen Banküberfall.

Der Plot von Das zweite Leben des Monsieur Manesquier (L’homme du train, 2002) ist schnell erzählt. Viel wichtiger ist in dem Film jedoch das, was sich zwischen den Aktionen abspielt: Es ist die Freundschaft, die sich ohne große Worte zwischen den beiden Männern entwickelt. Aufgrund äußerer Umstände – oder einer inneren Logik – leben die beiden für eine kurze Zeit recht eng zusammen unter einem Dach. Anfangs trotz des ungewöhnlichen stillschweigenden Einvernehmens noch ein wenig argwöhnisch, lassen sie sich von Tag zu Tag immer mehr aufeinander ein. Sie beobachten einander genau und übernehmen sogar manch Eigenart des anderen. Milan bittet den Hausherrn um eben solche Pantoffeln wie er sie trägt; dieser wiederum verzichtet auf seinen adretten Scheitel und legt sich einen modernen Haarschnitt zu.

Das zweite Leben des Monsieur Manesquier

Die Gegensätze der beiden heben sich mehr und mehr auf, oder eher: Bald wird klar, dass sie so verschieden gar nicht sind; bloß die sich widersprechenden Seiten sind beim anderen jeweils besonders stark zum Ausdruck gekommen, die gesittete Bodenständigkeit beim pensionierten Literatur-Lehrer und die unstete Rastlosigkeit beim ehemaligen Zirkusartisten. Heimlich sehnen sie sich jedoch nach ganz anderen Dingen, Manesquier nach Risiko und Abenteuern – gerne würde er beim Banküberfall dabei sein – und Milan nach Häuslichkeit und Heimat – spontan vertritt er den Lehrer beim Poesie-Nachhilfeunterricht.

Ihre Beziehung ähnelt der eines Liebespaars: Es ist, als hätten sie ihr Leben lang aufeinander gewartet, auf ihre jeweils andere Hälfte, mit der sie endlich das Gefühl von Vollständigkeit erhalten, die ihnen das notwendige Gleichgewicht gibt. Erst durch ihr Aufeinandertreffen bekommen sie die Kraft und den Glauben, mit denen sie den alltäglichen Dingen des Lebens mit Gelassenheit begegnen können. Nicht nur Freunde werden die beiden, vielmehr von Seelenverwandtschaft ist zu sprechen, die hier auf zärtlich-einfühlsame Weise inszeniert wird.

Das zweite Leben des Monsieur Manesquier

Patrice Leconte konzentriert sich auf die beiden Schauspieler Jean Rochefort und Johnny Hallyday, ohne die der Film in dieser Eindrücklichkeit nicht vorzustellen wäre. Die Umgebung steht im Hintergrund; die Stadt wird nur skizziert, Straßen und Häuser sind kaum zu erkennen. Raum und Zeit lösen sich auf, genauso wie manche Gegenstände, die wortwörtlich einfach von der Bildfläche verschwinden. Weniger spielt der Film auf einer psychologischen Ebene als vielmehr auf einer philosophischen, welche voraussetzt, dass im Grunde alles im Leben irgendwie miteinander verbunden ist und sich erst im Zusammenspiel zu einem großen Ganzen zusammenfügt.

Das Prinzip des Zusammenspiels von scheinbar Gegensätzlichem zieht sich durch den gesamten Film, auf der narrativen Ebene wie auch auf der akustischen und der optischen. Gleich zu Beginn mischen sich die teils experimentelle Musik und die Geräusche des Zuges, das Rattern auf den Eisenbahnschienen, und ergänzen sich zu einem harmonischen Tonbild; die Bilder sind abwechselnd in ein kühles Blau und in ein altmodisches Bronze getaucht - als stünden sie für die jeweils verschiedenen Welten der beiden Männer - und bilden ein ausgewogenes Farbbild.

Trotz seiner symbolhaften Ästhetik und der Ursprünglichkeit der Geschichte bewegt sich der Film jenseits von falschem Pathos. Er ist weder sentimental noch kitschig. Auch nicht das Ende, der Moment der Erkenntnis, welches die Weichen für das zukünftige Leben der beiden stellt. Einzig mit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ist L’homme du train zu beschreiben – Qualitäten, die dem Kino manchmal abhanden gekommen zu sein scheinen.

Kommentare


Bürgerliche Langeweile versus kriminelle Vitalität

Zwei Männer, zwei Lebenstile. Beide haben keine richtige Perspektive- aber dadurch dasss sie sich für eine Weile ergänzen - gewinnt ein jeder eine Lebensqualität zurück, die er schon verloren hat.
Der Gangster wird etwas seßhafter und mag die bürgerlichen Pantoffeln, die er geschenkt bekommen hat. Der Bürgerliche entkommt siner Isolation und bekommt einen vitalen männlichen Ruck, der ihm sehr gefehlt hatte. Ein kleiner netter gelungener Film -über Lebensstile.


Martin Z.

Der Film lebt aus der Spannung der beiden gegensätzlichen Typen heraus. Jean Rochefort, der Grandseigneur des französischen Films, hier als pensionierter Lehrer und Johnny Hallyday, der (eigentlich Altrocker) nicht viele Filmrollen übernommen hat, aber wenn, dann meistens mit sehr eindrucksvoller Wirkung, hier als Bankräuber. Jeder der beiden möchte in die Rolle des anderen schlüpfen.
Es gelingt Patrice Leconte bravourös diese Transformation glaubhaft darzustellen. Vor allem der mehrdeutige Schluss, der, obwohl eigentlich klar, doch verschiedene Interpretationen zulässt. Es sind zwei Männer, denen die Suche nach dem eigenen, wahren Ich gelingt, und zwar über die Notwendigkeit zur absoluten Ehrlichkeit.
Damit das intellektuelle Problem nicht zu trocken präsentiert wird, gibt es aber auch taschenphilosophische Aphorismen zum Schmunzeln, wie z.B. „Rache ist die Gerechtigkeit des Unglücks“ oder „Nichts vergisst man so schnell wie den Gärtner“.
Ein leiser Film, mit sanfter Musik und von Volker Lechtenbrink die sonorste Stimme des deutschen Fernsehens.


Snaporaz

Ein wunderbarer Film, gemessen am Hollywoodkram à la Tarantino oder Cohen-brüder.






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