Das Zimmermädchen Lynn

In Ingo Haebs bemerkenswertem Film wird ein dunkles, enges Fleckchen für eine junge Frau zum Ort des Glücks – und der Kinosaal für den Zuschauer.

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Welches Möbelstück könnte intimer und geheimnisvoller sein als ein Bett? Das Zimmermädchen Lynn zeigt uns sehr viele davon, in all ihren Facetten. Als Regenerationsort des Ich, als ein paar wenige Quadratzentimeter Intimität, doch nicht immer als Ort der Behaglichkeit. Lynns Mutter (Christine Schorn) erleidet im Laufe des Films eine Herzattacke und liegt im Krankenhaus, einer fahl-mintgrünen Tristesse aus Stoff, Metall und Hartplastik. Ein anderes Mal rollt Lynn (Vicky Krieps) in einer Traumsequenz ihrer Liebschaft Chiara (Lena Lauzemis) entgegen und mit ihr in die Glückseligkeit. So oder so, das Bett ist immer ein verletzlicher Ort. Wie bösartig also derjenige, der sich in diesen kokonartigen Zustand einzuschleichen wagt. Oder etwa nicht? Lynn hat gerade eine Therapie hinter sich und versucht ihren Wiedereinstieg ins Alltagsleben. Ihre Arbeit in einem Hotel erfüllt sie plötzlich mit allergrößter Freude, als sie sich während einer Erkundungstour in einem Zimmer unter eines der Betten flüchten muss. Fortan wiederholt sie diesen merkwürdigen Akt und spioniert in den Privatsphären der Gäste.

Das Unbekannte über dem Bett

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Da tun sich wieder Fragen auf zur schönen Schaulust, zum Grundprinzip des Kinos und seiner Rezeption. Aber darum geht es hier gar nicht. Das Zimmermädchen Lynn ist zwar ein Film über Intimität und deren Störung und über Störungen und deren Intimität, aber einer, der nicht urteilt, nicht fragt, nicht antwortet, sich nicht wichtig nimmt, nicht Rechenschaft ablegt über irgendetwas oder irgendwen. Auch wenn uns Lynn ein Rätsel bleibt, werden wir als Zuschauer an sie gekoppelt und zum Komplizen gemacht. Das unter dem Bett Verborgene gibt damit weniger zu denken als das sich im Raum Abspielende. Die Art und Weise, wie Lynn an den Vorkommnissen im Hotelzimmer teilhat, ist eine seltsame Wunscherfüllung in vielerlei Hinsicht. Aus den Fragmenten, die sich ihr aus ihrer Position bieten, ergibt sich eine Lust am Imaginieren, und die nimmt Lynn geduldig und aufmerksam in sich auf, als müsse sie jemandem darüber Bericht erstatten. Ausschnitte von tanzenden Füßen sind zu sehen oder es ertönen lustvolle sexuelle Handlungen aus dem Off, die von einem unvollständigen Spiegelbild vage illustriert werden. Ein Pars pro toto des alltäglichen Treibens, dem Lynn aus ihrem Versteck ein verschmitztes Lächeln oder fragende Blicke schenkt.

Berlin ist weit weg

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Jede Einstellung ist dabei genauestens kadriert, jeder Farbklecks wohlüberlegt gesetzt, jede der durchgehend nachsynchronisierten Dialogzeilen ausgesprochen unnatürlich. Ein wenig ist man gewillt, die Filme der Berliner Schule als Referenz heranzuziehen, denn auch Das Zimmermädchen Lynn ist durchzogen von einer gewissen Trägheit, einer dramaturgischen Reduziertheit, die sich mit Rudimenten des Genrekinos ausstattet. Die eigenwillige Sprache oder der radikal artifizielle Stil mögen etwa an Angela Schanelec denken lassen, doch während letztere auch immer auf einen irgendwie gearteten Realismus hinarbeitet, ist Haeb nicht im Geringsten daran gelegen. Er hat in erster Linie etwas sehr Eigenständiges geschaffen, bei dem besonders die formstrenge Ästhetik hervorsticht. Manches Mal kann man gar nicht fassen, wie unsagbar hässlich die Außenfassaden dieser nicht näher erläuterten deutschen Stadt sind. Die Innenräume bewegen sich oft fließend zwischen biederer Heimeligkeit, lichterfülltem Kitsch und standardisiertem Gästezimmerkomfort.

Einmal gibt es einen kurzen Einblick in das Haus von Lynns Chef, mit dem sie eine erschreckend lustlose Affäre unterhält. Nichts in dem unscheinbaren Bild sticht hervor, nichts drängt sich in den Vordergrund, schon gar nicht der überaus stumpfe Sexualakt, der darin begangen wird. Irgendwo in der Ecke steht eine Angelausrüstung neben einem Aquarium, ein ausgestopfter Fisch hängt an der Wand der kleinbürgerlich wirkenden Wohnung. Das alles ist willkürlich, doch gibt es dem Geschehen einen unkommentierten Rahmen, eine Überinformation, die diese Erzählwelt öffnet, welche andernfalls einfach nur hermetisch und ermüdend sein könnte. Ein anderes Mal kommt man etwa nicht umhin, damit anzufangen, die vielen Putzmittel in Lynns Schränken zu erkunden, würde einen der nebenher auf dem Tisch laufende Laptop mit dem französischen Schwarz-Weiß-Film nicht ständig davon abhalten. Das besonders Schöne an Haebs Ästhetik ist, dass diese oftmals angereicherten Bilder niemals überladen wirken.

Harmonische Dissonanzen

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Noch schöner ist, dass sich all das zu einem stimmigen Ganzen verwebt. Das Zimmermädchen Lynn vereint vieles, was nicht zusammenzugehören scheint. Wie Haeb in nicht einmal anderthalb Stunden Voyeurismus, Sexualität, Neurosen und Identitätsfragen verschränkt, ohne sich daran abzuarbeiten wie an einer Liste von Tagesordnungspunkten, sie vielmehr eher lose verbindet wie einen Flickenteppich; wie er all diese Themen ohne Stigma und Stereotyp in eine konsequente äußere Form bringt, ist wunderbar anzusehen. In einer großartigen Szene des Films wird Lynn auf ihrem Bett von Chiara zu einem sadomasochistischen Liebesakt verführt, der so stark zwischen behutsamer Zärtlichkeit und abrupter Härte changiert, zwischen Entschleunigung und Beschleunigung, dass man erschrecken mag. Haebs Film ist gezügelt und doch eruptiv, karg und doch vollgepfercht, distanziert und doch unmittelbar nah, melancholisch und doch voller Wärme. Und vor allen Dingen ein Glücksfall für das deutsche Kino.

Trailer zu „Das Zimmermädchen Lynn“


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