Das Zimmer im Spiegel

Mit seinem Erstling über eine Jüdin im „Dritten Reich“ verfolgt Rudi Gaul ehrgeizige Ziele und erfindet trotz großer Ambitionen das Rad nicht neu.

Das Zimmer im Spiegel

Der Regisseur, Autor und Produzent Rudi Gaul und sein 30-köpfiges Team haben sich mit dem Fantastischen Melodrama Das Zimmer im Spiegel hohe Ziele gesteckt. Denn um in Zeiten von Avatar-3D-Spektakeln mit einem Budget von 50.000 Euro überhaupt noch einen Kinofilm   zu  realisieren, bedarf es einiges an Idealismus. Für die Umsetzung des ehrgeizigen Vorhabens wurde 2006 von Studenten der Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Schattengewächs Filmproduktion gegründet. Wie das so ist bei studentischen Produktionen, durften auch beim Umbau eines Raumes in einer einsturzgefährdeten Villa zum Filmset sämtliche Departements mit anpacken.

Das Zimmer im Spiegel

So entstand die Wohnung, in der sich die Jüdin Luisa im München des „Dritten Reichs“ vor den Nationalsozialisten versteckt hält. In den vier Wänden ist ihr eintöniger Alltag von Langeweile und der gleichzeitigen Angst, entdeckt zu werden, bestimmt. Lichtblicke bieten allein die Musik, die aus dem Grammophon in der Wohnung unter ihr tönt, sowie die Besuche ihres deutschen Mannes Karl (Klaus Münster). Durch die dünnen Wände lauscht Luisa den gedämmten Gesprächen der Nachbarn, die sich zwischen Familienglück und Antisemitismus bewegen. Sie selbst ist gezwungen, ein Leben in der Geräuschlosigkeit zu führen. Jeder Laut könnte Misstrauen bei den Nachbarn erregen, und so wird das Tropfen eines Wasserhahns zum lebensgefährlichen Dröhnen.
Als von einem Tag auf den anderen die Besuche Karls ausbleiben, zieht sich das Korsett um Luisa mehr und mehr zu, und sie flüchtet sich in die Fantasiewelt ihrer Bücher. Auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung öffnet sich die Tür der Wohnung und Judith (Eva Wittenzellner), eine Schauspielerin und Mitglied des Widerstandes, tritt in Luisas Leben. Aus anfänglicher Distanz entwickelt sich ein Wechselspiel zwischen Dominanz und Abhängigkeit, voller Leidenschaft und ausgelebter Sehnsüchte.

Das Zimmer im Spiegel

Es anders zu machen als die anderen ist offensichtlich eines der Anliegen des Schattengewächs-Teams. Bei der Konstruktion von auditiven Räumen ist ihnen das ganz gut gelungen: Völlig ohne explizit etwas zu zeigen, vermag es Rudi Gaul nur durch die Tonebene Luisas Gefühlswelt zwischen Naziterror und Musik als Stimulanz der Fantasie zu veranschaulichen. Diese Ghost sounds – Michel Chion beschrieb sie als ein Geräusch „that is heard without a cause or source being seen“ – bestimmen was der Zuschauer von Luisa erfährt. Die Gespräche der Nachbarn oder der Mord an einem Juden, den Luisa, für den Zuschauer unsichtbar, beobachtet, transportieren ein Gefühl des Terrors, das auch Bilder nicht besser vermitteln könnten.
Eine andere Hörebene eröffnet in Das Zimmer im Spiegel die Musik. Sie ist neben Literatur für Luisa die einzige Möglichkeit, aus der realen in eine Welt der Fantasie zu flüchten. So wandeln sich die Klänge aus dem Grammophon des Nachbarn von Beethoven zu Jazz, von der Schwere der Gefangenschaft zu einem Ruf nach Freiheit. Wandlung oder vielmehr Transformation und die Frage nach dem Dominanzverhältnis zwischen Fantasie und Wirklichkeit, die den ganzen Film durchzieht, werden hier in mehrere Richtungen bearbeitet. Von den Veränderungen im akustischen Raum, über die Beziehung der beiden Frauen, bis hin zu dem sich parallel zu Luisas Psyche wandelnden Zimmer hält das Drehbuch viele Ideen bereit, mit denen der Zuschauer jedoch geradezu überhäuft wird.

Das Zimmer im Spiegel

Was im Film hörbar gemacht wird, versucht gleichsam Christian Hartmanns Kamera festzuhalten. Oft konzentriert sich hier der Blick auf die Protagonistin und deren Innensicht. Außerdem werden viele Perspektiven bemüht, die zwar vorgeben, Lynch oder Buñuel zu zitieren, den Film aber zur bloßen Technikschau degradieren. Zu unzusammenhängend sind die Bilder aneinandergereiht, als dass hier auf Basis großer Vorbilder Neues entstehen könnte. Zu oft fühlt man sich als Zuschauer auf dem Balanceakt zwischen Realität und Traum ungewollt an die Hand genommen. Wie in einem Kaufhaus der Emotionen möchte der Film für jedes Gefühl das passende Bild anbieten.

Das Zimmer im Spiegel

Dass dabei das Drehbuch Szenen wie jene vorschreibt, in der Luisa ihre Notdurft auf dem Nazipropagandablatt „Der Stürmer“ verrichtet, irritiert und schießt ebenso über das Ziel hinaus, wie die zahlreichen technischen Spielereien. Eine animierte Kamerafahrt durch das Zahnradwerk einer Uhr ist zwar handwerklich solide ausgeführt, es fehlt jedoch der Anschluss an das ohnehin undurchsichtige ästhetische Konzept. Leider wir auch hier die Umsetzung dem Vorhaben nicht gerecht.

Was als Denkschrift vielversprechend klingt, weckt Erwartungen, die der Film am Ende nur enttäuschen kann. Der unbescheidene Anspruch, den deutschen Film zu revolutionieren, lastet letztlich zu schwer auf dem zerbrechlichen Gerüst von Das Zimmer im Spiegel.

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