Das Wilde Leben
Kaum eine Person verkörpert in diesem Maße das Lebensgefühl der 68er Generation wie Uschi Obermaier, ihr Leben bringt Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ein Leben, das förmlich nach einer Verfilmung geschrieen hat. Das Wilde Leben erzählt nun ihre Geschichte.

Gelangweilt von dem spießigen Dasein verlässt die junge Uschi Obermaier (Natalia Avelon) das elterliche Haus und trampt nach Berlin. Nach einer Begegnung mit Rainer Langhans (Matthias Schweighöfer) zieht sie in dessen Kommune 1 ein, merkt aber schnell, dass das Leben der Kommunarden – geprägt von Gruppendiskussionen und politischer Agitation - nichts für sie ist. Sie arbeitet als Topmodel und erreicht mit ihrem prägenden Look schnell Berühmtheit, der auch die Männer der Rolling Stones aufmerksam werden lässt. Mick Jagger (Victor Norén) und Keith Richards (Alexander Scheer) buhlen gleichermaßen um ihre Gunst und der italienische Filmproduzent Carlo Ponti bietet ihr einen Zehnjahresvertrag als Schauspielerin an. Doch Uschis Freiheitsdrang ist größer. Sie lernt den Abenteurer Dieter Bockhorn (David Scheller) kennen, der in St. Pauli ein berüchtigtes Rotlichtetablissement betreibt. Zusammen unternehmen sie eine mehrjährige Weltreise in einem luxuriösen Wohnmobil, die für beide in unterschiedlicher Weise das Ende des „wilden Leben“ markiert.

In der ambitionierten Großproduktion bestimmen weitgehend Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll das Geschehen, gerade ersteres inszeniert Regisseur Achim Bornhak ohne Scheu aber auch ohne Provokation. Die einzelnen Stationen wie die Berliner Kommune 1, die Liaison mit den Rolling Stones und die Begegnung mit dem Hamburger Kiez werden flüssig abgehandelt und miteinander verwoben. Dabei bemüht man sich redlich um adäquates Zeitkolorit. In flotten Zusammenschnitten soll der Zeitgeist beschworen werden: Studentenrevolten in Berlin, wilde Partygelage auf dem Kiez und Fotoshootings mit „der Obermaier“, untermalt mit zeitgemäßem und antreibendem Rock ’n’ Roll als Soundtrack. Mit der Weltreise in Bockhorns Wohnmobil wandelt sich der Film zu einem Road-Movie, das an ungewöhnlichen Schauplätzen imposante Bilder einfangen kann. Allerdings verliert die Geschichte dabei eher an Fahrt und während anfangs die Handlung noch gemächlich und selbsterklärend verlief, muss zum Ende hin Uschi per Voice-Over immer häufiger eingreifen, um dem Dahintreiben einen Sinn zu geben.

Natalia Avelon verkörpert eine praktisch veranlagte und etwas spröde Obermaier, die mit ihrer bayrischen Einsilbigkeit fast schon burschikos daherkommt. Sie besticht – und das wird der Vorlage ja gerecht – hauptsächlich durch ihre körperliche Präsenz, die sie über die gesamte Filmlänge unter Beweis stellt. In ihren häufigen freizügigen Auftritten wird ihre Sogwirkung auf die Männerwelt nachempfunden und dementsprechend wird sie von der Kamera nahezu mit jedem Bild liebkost. Sämtliche Männerfiguren kommen hingegen verhältnismäßig schlecht weg: der zottelige und abgehobene Revolutionär Langhans, der selbst beim Geschlechtsakt noch debattiert, der ständig zugedröhnte Keith Richards und der jähzornige Macho Bockhorn. Alle verlieren im Banne der eigenwilligen Schönen scheinbar ihren Verstand, Uschi hingegen verwehrt sich den Ansprüchen der besitzergreifenden Männer.

Doch das macht die Frau des Films nicht zwangsläufig zu einer starken Figur: auch wenn Das Wilde Leben Obermaiers Freiheitsdrang und ihre Unabhängigkeit kolportiert, so stellt der Film sie doch stets in Abhängigkeit zu Männern dar. Anders ließe sich kaum erklären, dass die Biographie einer Frau allein um ihre Männer kreist. Und so endet der Film, als Obermaier all ihre Männer verloren hat, auch in Melancholie: die Unabhängigkeit der Obermaier entpuppt sich letztendlich als Einsamkeit. In der Schlusssequenz steht sie nackt am Ufer des Ozeans und schaut dem brennenden Floß mit dem Leichnam von Bockhorn hinterher und präsentiert ein letztes Mal das, worin sich ihre Rolle am besten ausdrückt: ihrem Körper.
Filmkritik von Rouben Bathke
Veröffentlicht am 01.02.2007
Kommentare zu Das Wilde Leben
Dr.Andreas Jacke 04.02.2007 14:05
Sehr schön aber leider total Blöd
Eine Unverschämtheit ist es über eine derart platten Film überhaupt noch ernsthaft zu sprechen. Schon die erste Szene - Vater und Mutter und Obermaier in Sendlingen, reines Klische - völlig aufgesetzt und unglaubwürdig und schlicht und ergreifend platt inzeniert und schlecht gespielt.
Was die Deutschen nicht können ist mit Erotik so umgehen - das mehr als eine Lederhosengaudi draus wird und über dieses Niveau ist dieser Film nun leider auch fast nie wirklich hinausgelangt. Alle Figuren sind total eindimensional und auf der Ebene des Kasperltheaters inszeniert. Typen keine Menschen. Jeder Anspuch hier eine Realität nachzubilden oder gar zu verdichten, kann doch nur als der pure Hohn gemeint sein.
Frau Obermaier meistens oben ohne ist rein optisch noch das schönste an diesem Film, der interlektuell niht bietet. Weder die 68ziger noch deren Gegener werden hier irgendwie wiedergeben. Aber war Frau Obermaier denn wirklich so blöd? Zeigt "Rote Sonne" von dem einmal kurz die Rede ist bei der Abschließung eines Darstellervertrags nicht eindeutig doch klüger?
Müssen erotische Frauen dumm sein? Ist so einfach Model zu werden? Ist Einsilbigkeit ein Zeichen von Seele?
Und wo ist das viele Geld geblieben für diese Produktion? In Leuchtfeuerkörpern vor der Partyhochburg der Rolling Stones in London, die es wie Sylvester mal knallen lassen wollen? Wer hat dieses hohle Drehbuch, indem alle Dialoge reiner Schwachsinn sind überhaupt für produktionswürdig erklärt, damit daraus auch noch einen Film entsteht?
Es ist hier bei uns üblich Erotik mit völliger Dummheit zu verkaufen - aber warum müssen gerade die 68ziger dafür herhalten, die doch weiß Gott mehr zu sagen hatten, auch wenn das heute keiner mehr so Recht hören möchte?
Und was ist mit der simplen Filmtechnik? Die Szenen in Berlin sind oft zu dunkel und könne dabei nicht auf eine Ästhetik a la "Berlin Alexanderplatz" verweisen -
- die Deko in London ist nur aufgesetzt und billig, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Reise nach Indien bleibt das einzig was wirklich halbwegs glaubhaft funktioniert. Hier in intiemer Zweisamkeit flackert durch das Licht des Orients gesehen so etwas wie eine erotisches Märchen auf.
Aber dann der Unfall am Ende ebenso wie die Schlägerei oder Brandstifterei von Särgen funktionieren schon rein technisch nicht.
Keith Richards und Jagger als reine Comikfiguren ist auch ziemlich übel.
Wenn der Film eine Parodie sein würde - was vielleicht zu wenig deutlich wird, dann würde er vermutlich ganz gut funktionieren. Aber hier wird ein Anspruch vorgegauckelt, der einfach überhaupt nicht eingelöst wird. Das alles ist sehr Schade, eigentlich.
Was bleibt sind die gelungen Brüste und das Anlitz von Frau Obermaier und ein paar gelungene erotische Phantasien aus dem Orient. Und der Ton war auch immer sehr schön - ihre Stimme hat ja was.
PS: Ach ja und ich wußte das vorher auch gar nicht - das mit Keith Richards. - Warten wir mal ab wann der erste Film kommt mit den Berliner Gespielinnen von David Bowie...
ob die dann auch so hohl inszeniert sein werden?
Dr. Black 18.08.2007 22:43
Werter Herr Jacke, Ihr Artikel ist genau so hohl wie der Film, den sie denken zu beschreiben.
Mir bleiben nur zwei Dinge zu erwähnen: Erstens handelt "Das wilde Leben" nicht von den 68ern und ihrer Philosophie, sondern von der Sex-Ikone Obermeier, die selbst auch nicht viel mit den Ideologien der verqueren Weltverbesserungsrammler anfangen konnte. Und zweitens frage ich mich, wie Sie sich anmaßen können hier als Akademiker mit Titel aufzutreten, wenn Ihnen offenbar sogar die deutsche Grammatik und Rechtschreibung große Schwierigkeiten bereiten?
Mein gutgemeinter Rat: Lassen Sie ab vom Verfassen irgendwelcher Texte und Kritiken und tun Sie etwas, was Sie können und was Ihre Umwelt nicht belästigt.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Das Wilde Leben. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Das Wilde Leben
Deutschland 2007
Laufzeit: 114 Minuten
Regie: Achim Bornhak
Drehbuch: Olaf Kraemer, Achim Bornhak
Produktion: Eberhard Junkersdorf, Dietmar Güntsche
Darsteller: Natalia Avelon, Matthias Schweighöfer, David Scheller, Alexander Scheer, Milan Peschel
Kinostart: 01.02.2007
DVD-Angaben
Titel: Das wilde Leben
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 110 Minuten
Extras: Making Of
Verleih ab: 03.08.2007
Verkauf ab: 03.08.2007
Copyright Das Wilde Leben
Fotos: © Warner Bros.
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Neandertal
Mo 13.02, 09:25 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR
Schläfer
Mi 15.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Yella
Mi 15.02, 22:25 Uhr, 3sat











2 Kommentare