Das weiße Band
Das Böse ist unter uns: In seinem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film Das weiße Band begibt sich Michael Haneke auf die Suche nach der Wurzel des Bösen. Sein Ausgangspunkt ist dabei ein Dorf im protestantischen Mecklenburg am Vorabend des Ersten Weltkriegs.
Der Dorfarzt stürzt von seinem Pferd. Der Sohn des Barons wird misshandelt aufgefunden. Die Scheune des Guts brennt über Nacht nieder. Dem behinderten Kind der Hebamme werden die Augen ausgestochen. Dies sind die mysteriösen Zwischenfälle, die Michael Haneke in seinem jüngsten Film mit dem Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ in der faktischen Nüchternheit präsentiert, die seine Zuschauer von ihm gewohnt sind. Es sind jene Ereignisse die den entworfenen Mikrokosmos eines kleinen mecklenburgischen Dorfes am Vorabend des ersten Weltkriegs erschüttern, noch bevor er vollends etabliert werden kann und der Zuschauer die überschaubaren Beziehungen kennen gelernt hat, die sich zwischen dem Gutshof und dem Baron (Ulrich Tukur), dem Schulhaus und seinem Dorflehrer (Christian Friedel), der Dorfkirche und dem Pfarrer (Burghart Klaußner), dem Arzt (Rainer Bock), der Hebamme (Susanne Lothar) und der Familie um den Bauern (Branko Samarovski) entspannen.
Da nicht klar ist, wer hinter den Übeltaten steckt, wird gleich zu Beginn des Films die zentrale Frage gestellt – die Frage nach der Schuld. In dem kleinen Dorf mit seinen geordneten Strukturen und den guten, protestantischen Kirchgängern kann jedoch so schnell kein Sündenbock gefunden werden. Der Verdacht beginnt alsbald von Figur zu Figur zu wandern, um sich schließlich in die unschuldigen Gesichter der Kinder des Dorfes zu verlieben. So bindet der Pfarrer seinen Kindern ein weißes Seidenband um ihren Arm, um sie an ein sündenfreies Leben zu erinnern und sie auf ihre Konfirmation vorzubereiten.
Obwohl die weißen Seidenbinden den Verdacht von den Kindern schließlich kaum abwenden können, ist Das weiße Band weit davon entfernt, eindeutig zu klären, wer an den Verbrechen im Dorf die Schuld trägt. Die Frage nach einem Täter erscheint am Ende des Films viel eher trivial, denn sie ist retrospektiv und ihre Beantwortung könnte ohnehin nur zu einer Verurteilung des Schuldigen führen. Michael Haneke kommt es in seiner fast zweieinhalbstündigen Analyse eines kleinen Dorfes und seiner Bewohner ganz offensichtlich auf etwas anderes an. Anstatt Antworten auf die gestellten Fragen zu suchen und dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, die geschilderte Welt mit kathartisch reinem Gewissen zu verlassen, wendet er am Ende des Films mit einem Mal den Blick auf die Vorgänge im ganzen Land, von denen schon kurz im Prolog des Films die Rede war.
So stellt der Filmemacher im Weißen Band eine vermeintliche Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen den unerklärlichen und düsteren Geschehnissen in einem kleinen, spätfeudalen Dorf und dem Bösen in der Welt auf, wenn er seinen Film mit der Verkündigung vom Ausbruch des ersten Weltkriegs enden lässt. Zweifelsohne ist es jener Kunstgriff, der Das weiße Band zu einem so formvollendeten Filmwerk von universeller Gültigkeit macht, das weit über die präzise komponierte und in seismographischer Manier erfasste filmische Welt hinausweist. Aus den fragmentarischen, aber sensiblen Momentaufnahmen in der hermetischen Realität des Dorfes setzt sich in dem streng chronologisch erzählten Film allmählich das Sittengemälde einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft zusammen. Vielleicht verdankt der Film seinen Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ dem Umstand, dass die Kinder eben jener Gesellschaft zwei Kriege erleben und einige von ihnen zu den größten Verbrechern des zwanzigsten Jahrhunderts werden sollten. Dabei greift es jedoch zu kurz, Das weiße Band lediglich als eine Analyse des Ursprungs vom Nationalsozialismus zu begreifen.
Der Erzähler des Films (Stimme: Ernst Jacobi), der die Ereignisse aus der Perspektive des inzwischen gealterten Dorflehrers schildert und das Geschehene immer wieder in literarisch anmutenden Tiraden kommentiert, beginnt seinen Bericht mit den folgenden Worten: „Ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, in allen Details der Wahrheit entspricht.“ Am Ende des Films scheint es fast irrelevant, ob die geschilderten Umstände der Wahrheit entsprechen. Denn Haneke stellt sie in den Dienst seiner Suche nach der Wahrheit – in diesem Fall ist das eine Suche nach der bitteren Wahrheit des Bösen. Und es wird deutlich, dass eben diese Wahrheit nicht so abstrakt ist, wie wir sie gerne hätten. Sie beginnt im Kleinen, im Alltag. Dort, wo Böswilligkeit, Neid, Stumpfsinn und Brutalität – um mit der aufgeklärten Baronin zu sprechen – die Menschen ihres Humanismus berauben.
Die im Film enthaltene Idee, dass die Verblendung, die in dem von Haneke skizzierten Mikrokosmos wohl in erster Linie in den Moralvorstellungen der protestantischen Kirche und des untergehenden Herrschafts- und Wertesystems des Spätfeudalismus begründet liegt, theoretisch auch in jedem anderen fundamentalistischen religiösen und politischen System entstehen kann, ist in Zeiten des internationalen Terrorismus eine nicht unbedeutende Überlegung. Solange die im Weißen Band aktualisierte Frage nach der Wurzel des Bösen im Raum steht, erscheint die inquisitorisch anmutende Suche nach einem Sündenbock und die Frage nach der Schuld des Einzelnen nicht nur kurzsichtig und ohne Interesse sondern auch gefährlich.
Kritik von Felix von Boehm
Veröffentlicht am 15.09.2009
Kommentare zu Das weiße Band
Houbl 19.10.2009 14:26
Der Kritiker hat anscheinend Angst vor seiner eigenen Kindheit, weil er nicht auf den Punkt kommt. Er schreibt zwar etwas über Ursache und Wirkung, aber ohne zu erwähnen, daß die Auswirkungen der Taten die wir als Erwachsener vollbringen ihre Ursache in der Kindheit haben. Denn die dort über die Sinne aufgenommenen Eindrücke werden neuronal abgespeichert und prägen für das weitere Leben.
ingo_e 16.05.2010 21:19
Ohje, hier hat sich einer von der Neuro-Welle überrollen lassen. Aber das ist leider eher Unsinn; gerade die Neurowissenschaften belegen lebenslanges Lernen und die Komplexität von Entscheidungen, und dabei muss man (eher mit Gerald Hüther und Thomas Fuchs als mit Wolf Singer) auf menschliche Freiheit bezüglich Entscheidungen nicht verzichten (Achtung: Libet-Missverständnis-Falle). Zum Film: Er wirkt wohl v.a. verstörend und man bleibt unzufrieden, will man doch wissen, wer´s nun war, weil solche Gemeinheiten und Brutalitäten nach Erklärung suchen, will man ihre Existenz ertragen können (Frankl, Antonovsky).
Aber genau dieses Störende, das Unbeantwortetbleiben, rückt eine mögliche Pointe inden Blick: Schuldsuche und billige Kausalitäten nutzen nichts gegen diese Brutalitäten, gebieren eher neue. Was aber tun damit, mit der Unbeantwortbarkeit von solchen Fragen, die man einfach stellen muss, wenn man ein Mensch mit Menschlichkeit ist?
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Film-Angaben
Titel: Das weiße Band
Alternativer Titel: Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte
Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien 2009
Laufzeit: 144 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Produktion: Stefan Arndt, Veit Heiduschka, Margaret Menegoz, Andrea Occhipinti
Bildgestaltung: Christian Berger
Montage: Monika Willi
Darsteller: Christian Friedel, Ernst Jacobi, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Fion Mutert, Michael Kranz, Burghart Klaussner, Steffi Kühnert
Kinostart: 15.10.2009
DVD-Angaben
Titel: Das weiße Band
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,78:1
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 135
Verleih ab: 05.03.2010
Verkauf ab: 05.03.2010
Copyright Das weiße Band
Fotos: © x-verleih
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