Das Waisenhaus
In seinem Heimatland Spanien gewann das Schauermärchen um das mysteriöse Verschwinden eines kleinen Jungen sieben Goyas – vielleicht weil es auf Emotionen, statt auf blutige Effekte setzt.
Kinderhände reißen Fetzen einer Tapete von der Wand und legen eine ältere Schicht darunter frei. Schon der stimmungsvolle Vorspann macht es deutlich: Dieses Gebäude verbirgt etwas, das irgendwann zum Vorschein kommt – wie es sich für den typischen Schauplatz eines Gruselfilms schließlich gehört. Das Waisenhaus ist außerdem eine Art Nimmerland mit knartschenden Holzdielen und schlecht geölten Türangeln. Hier werden Kinder aus verschiedenen Gründen nicht erwachsen, und man muss an Dinge glauben, damit sie passieren.
Für Laura (Belén Rueda) ist es ein Ort, an dem sie zweimal Abschied nimmt. Das erste Mal als Mädchen von ihren Kameraden, mit denen sie in der Eröffnungssequenz Verstecken spielt, bis ein Telefonanruf ihre Adoption bestätigt und das Ende einer unbeschwerten Kindheit einläutet. Das zweite Mal als Mutter von ihrem ebenfalls adoptierten Sohn Simón (Roger Príncep), mit dem sie Jahre später in das Waisenhaus zurückkehrt, um es als Leiterin wiederzueröffnen. Der Siebenjährige behauptet, seine unsichtbaren Freunde hätten ihm erzählt, er würde nicht alt werden. Laura nimmt zunächst an, dass sich der Junge zu sehr mit seiner Peter Pan-Lektüre identifiziert. Doch dann verschwindet Simón auf einmal spurlos, und die Mutter wird wieder zum Kind, um ihr eigenes zu finden.
Das Kinodebüt des Spaniers Juan Antonio Bayona ist das präzise Psychogramm einer verzweifelnden Frau im Gewand eines altmodisch aufbereiteten Thrillers. Der Regisseur scheut weder davor zurück, melodramatische Töne anzuschlagen, noch Vollmond und Gewitter aufzufahren. Der schaurige Spaß beim Zuschauen liegt größtenteils im Erkennen zahlreicher Referenzen: ein Setting, das an Schloss des Schreckens (The Innocents, 1961) erinnert; eine ähnliche Gartenparty wie in Das Omen (The Omen, 1976); ein maskierter Spielgefährte, der als Bruder von Michael Myers und Leatherface durchgehen könnte; eine Séance, die mit einem abgespeckten Medium in Gestalt von Geraldine Chaplin Poltergeist (1982) zitiert… Inhaltliche und ästhetische Einflüsse von Dario Argento (Suspiria, 1977), Alejandro Amenábar (The Others, 2001) sowie von Produzent Guillermo del Toro (Pans Labyrinth, El Laberinto del Fauno, 2006) sind kaum zu übersehen und sollen es auch nicht sein.
Dass Das Waisenhaus (El Orfanato) mehr als eine clever inszenierte Zitatensammlung ist und für ein Debüt bereits eine bemerkenswerte stilistische Sicherheit besitzt, demonstriert Bayona vor allem in der ersten Hälfte seines Films. Mit einer Kamera, die langsam durch die dunkel gehaltenen Räumlichkeiten schleicht oder sich von hinten an die zunehmend nervöse Protagonistin heranpirscht und den geschickt eingesetzten, äußerst beunruhigenden Toneffekten entwirft der Regisseur eine straffe bedrohliche Atmosphäre. Leider verliert sich diese im Mittelteil an bedeutungsarmen Nebenschauplätzen und legt erst zum Finale wieder an Dichte zu.
Sowohl Bayona als auch sein Mentor del Toro nennen Der Geist des Bienenstocks (El Espíritu de la Colmena, 1973) als prägendes Werk für ihr Schaffen. In Víctor Erices Klassiker verarbeitet ein kleines Mädchen ihre erste Konfrontation mit dem Tod zur Zeit des Franco-Regimes, indem sie sich eine Begegnung mit Boris Karloffs Monster aus James Whales Frankenstein (1931) vorstellt. Auch die Kinder in del Toros The Devil’s Backbone (El Espinazo del Diablo, 2001) und Pans Labyrinth reagieren auf die konkreten Gefahren und Grausamkeiten der spanischen Diktatur mit der Imagination von Geistern und fantastischen Wesen. Der Junge in Das Waisenhaus ist HIV-positiv und ruft sich möglicherweise einen Freund aus dem Jenseits zur Seite, um sich mit seiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Oder seine Mutter tut es für ihn, um so ihre Verlustängste zu bewältigen.
Lassen sich Erices und del Toros Filme unter anderem als politische Allegorien verstehen, ist Bayonas Spukmärchen dagegen eher eine sehr frei interpretierte Peter Pan-Variante über das Erwachsenwerden, Abschiedsschmerz und Realitätsflucht. Anders als seine Vorgänger erzählt Bayona eine rein persönliche und zeitlich losgelöste Geschichte, diesmal nicht aus der Sicht der Kinder, sondern aus der Perspektive der Mutter – wobei man darüber streiten kann, ob Laura nicht ebenfalls Kind geblieben ist, da sie außer Stande scheint, ihre Vergangenheit abzustreifen. Simóns Vater ist zwar präsent, er bleibt aber lediglich eine Randfigur, die den rationalen Part übernimmt und damit bei seiner Frau auf taube Ohren stößt.
Die Protagonisten in Der Geist des Bienenstocks, The Devil’s Backbone, Pans Labyrinth und Das Waisenhaus sind im Grunde alle Halb- oder Vollwaisen. Entweder Vater oder Eltern sind tatsächlich tot, oder diejenigen, die sich eigentlich um sie kümmern sollten, sind überwiegend mit sich selbst beschäftigt und geistig abwesend. Schutz und Geborgenheit finden sich vielmehr im Spiel, in der Fiktion oder in einer jenseitigen Welt. Bei Juan Antonio Bayona wirkt das weniger traurig als tröstend.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 07.02.2008
Kommentare zu Das Waisenhaus
jeannie19 06.10.2008 22:35
"Das Waisenhaus" war ein Film, der mich eher nachdenklich als befriedigt zurückließ. Das Ende, der Anfang, die Mitte- alles etwas ist unklar! Ich hab mir sogar den Film auf Spanisch mit deutschen Untertiteln angesehen, um das spanische Feeling besser nachvollziehen zu können und es half vielleicht meinen Sprachkenntnissen, aber insgesamt war irgendwie alles nur ein hoch und runter mit der Spannung. Eine Geschichte die stundenlang um ein eher seltsames Thema kreist, dass in keinem Teil der Story genau begründet wird. Auch der Ausgang der Geschichte hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen, denn ich denke nicht, dass der Zuschauer erkennt, (nicht weiterlesen, wenn man den Film noch nicht gesehen hat) weshalb das Kind letzten Endes getötet wurde bzw. tot ist. Wie kam es in den Keller? Warum trug es die Kapuze? Bildete sich die Mutter die anderen Kinder nur ein, nachdem sie die Tabletten nahm oder sollte die Geschichte doch eher einen magischen Charakter haben und es waren die Geister der Verstorbenen? Weshalb tötete diese Frau die Kinder? Ich finde das der Film wenig selbstständige Ideen aufweist, weil er mich doch allzu stark an „The Others“ erinnerte. Wer Filme dieser mysteriösen Art mag( denn die Effekte sind gut und eindrucksvoll gesetzt), wird ihn wahrscheinlich mögen, wem aber die Hintergründe in solche Geschichten auch von Bedeutung sind, wird die Mankos nicht sonderlich gut heißen, denn sie geben der Story Lücken, welche eigentlich nicht unbedingt sein müssen. Gruselig jedoch nicht überzeugend.
d 05.01.2010 01:21
da geb ich jeannie ganz recht, warum wurden die Kinder verbrannt im ofen und warum fsk 16 für ein bißchen Blut an der geklemmten Hand. Sehr mies und zum löschen bereit.
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Film-Angaben
Titel: Das Waisenhaus
Originaltitel: El Orfanato
Mexiko, Spanien 2007
Laufzeit: 102 Minuten
Regie: Juan Antonio Bayona
Drehbuch: Sergio G. Sánchez
Produktion: Guillermo del Toro, Mar Targarona, Álvaro Áugustín
Darsteller: Belén Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep, Geraldine Chaplin, Edgar Vivar, Andrés Gertrúdix, Montserrat Carulla
Kinostart: 14.02.2008
DVD-Angaben
Titel: Das Waisenhaus
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 101 Minuten
Extras: Kinotrailer
Verleih ab: 03.09.2008
Verkauf ab: 29.09.2008
Copyright Das Waisenhaus
Fotos: © Senator
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