Das wahre Leben ist anderswo

Unterwegs, mitten im Leben: Der Schweizer Regisseur Frédéric Choffat lässt drei Züge von Genf aus ins Ungewisse fahren. Und beobachtet, was geschieht.

Das wahre Leben ist anderswo

Zwei junge, ineinander verschlungene Nackte in einer Betonlagerhalle bei Dortmund, eine Forscherin, die am Hafen von Marseille nach einem Fremden sucht, und ein Schweizer Käsefonduetopf, der am Bahnsteig von Neapel von einer Passagierin an den Schaffner verschenkt wird. Diese Momentaufnahmen sind das, was übrig geblieben ist von jener Nacht, von der Frédéric Choffat in seinem 2006 in Locarno uraufgeführten Film erzählen will. Eine Nacht, drei Reisende, drei Geschichten.

Gleich in der ersten Einstellung des Films, einer Plansequenz, in der sich die Kamera elegant ihren Weg durch die Gänge und unterschiedlichen Ebenen des Genfer Hauptbahnhofs bahnt, lernen wir die drei Protagonisten kennen, deren Geschichten hier ihren Lauf nehmen werden: Ein junger Mann (Dorian Rossel), der auf dem Weg zur Geburt seines Sohnes nach Berlin ist, wird in Dortmund stecken bleiben und sich dort für eine Nacht in eine Unbekannte (Jasna Kohoutova) verlieben. Eine Wissenschaftlerin (Sandra Amodio), die nach Marseille aufgebrochen ist, um dort den Prototyp für ein Forschungsmodell vorzustellen, wird einem blinden Passagier (Vincent Bonillo) ein Zugticket schenken und mit ihm die Nacht verbringen. Und eine junge Studentin (Antonella Vitali) wird mit Sack und Pack nach Neapel ziehen, auch wenn sie der Schaffner (Roberto Molo) davon abhalten will.

Das wahre Leben ist anderswo

Drei voneinander unabhängige Geschichten, die aber dennoch nur Variationen ein und desselben Themas sind: Das wahre Leben ist anderswo handelt vom Reisen und seiner Schwerelosigkeit, von der vorübergehenden Freiheit des Transits, der Unabhängigkeit von üblich geltenden Zeit- und Raumstrukturen. Die atmende Handkamera von Sévernine Barde und die Musik von Pierre Audétat spiegeln jenes Gefühl des Unterwegsseins wider, während die fein angelegte Montage Cécile Dubois’ die unterschiedlichen Parcours der drei Protagonisten des Films geschickt miteinander verwebt. Wo andere Episodenfilme sich allzu oft in peinlicher Konstruiertheit verstricken, um dem Gebot von Ursache und Wirkung gerecht zu werden, gelingt dem Ensemble um Choffat eine elegante Komposition mit harmonischem Rhythmus. Ein kleines Hotelzimmer in Marseille, der nächtliche leergefegte Bahnhof in Dortmund und ein Liegewagenabteil eines italienischen Nachtzuges werden zu den hermetischen Schauplätzen jenes Films und zu den Orten, an denen die Figuren auf ihrer Reise zu sich finden.

Ein Besuch, eine Geschäftsreise, ein Umzug – die Motive, die Choffat interessieren, sind nicht sehr überraschend. Aber genau in ihrer Alltäglichkeit liegt die Stärke von Das wahre Leben ist anderswo: Indem Choffat seine drei Reisegeschichten erzählt, gelingt ihm ein sehr treffendes Porträt einer Gesellschaft, die sich im permanenten Transit befindet. Die Welt, die jener Film schildert, ist eine Welt, in der es kein Ankommen mehr, sondern nur noch ein Aufbrechen gibt. Die Figuren sind unterwegs, mitten im Leben.

Das wahre Leben ist anderswo

Umso mehr sehnen sich alle drei nach einem Ort, an dem sie verweilen können, nach Heimat, Liebe und Wärme. Choffat, der das Projekt ohne ein festes Drehbuch realisierte, suchte gemeinsam mit seiner Kamerafrau und seinen Schauspielern nach jenen kleinen Momenten und Gesten, um sie dann in dokumentarischer Manier einzufangen. Und er erlaubte seinen Figuren, ihre Reisen als Kapseln außerhalb des wahren Lebens zu begreifen. So wagt der Film zu zeigen, wonach sich der junge Vater, die erfolgreiche Wissenschaftlerin und die eben bei ihren Eltern ausgezogene Studentin wirklich sehnen, ohne dabei in Aussicht zu stellen, dass jene Sehnsüchte auf Dauer befriedigt werden können. „In jeder der drei Geschichten habe ich die Hauptfigur mit einer Verkörperung der eigenen Schwäche konfrontiert“, kommentiert der Regisseur. Und so steht beim Morgengrauen zwar fest, dass sich die Figuren wieder in die Bahnen ihres Lebens werden einfügen müssen, aber dennoch hat sie das Reisen alle ein wenig verändert. Von jenem Rest, der bleibt, erzählt Frédéric Choffats Film.

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