Das wahre Leben

Ein Film für die ganze Familie. Ein Familienfilm. Das sollte man nur nicht zu laut sagen. Alain Gsponer gelingt es, den „ganz normalen“ Wahnsinn der gutsituierten Bürgerfamilie im Kuschelstaat Deutschland nachzuzeichnen. Vielleicht gerade, weil er selbst Schweizer ist.

Das wahre Leben

Papa Roland Spatz (Ulrich Noethen) war seit Jahren im Alltagsleben der Familie abwesend, weil schwer beschäftigt, das Geld für Eigenheim und Selbstverwirklichung der Frau und Kinder anzuschaffen – wie auch seiner eigenen. Die Mutter (Katja Riemann) leistet sich eine Galerie und macht in Kunst. Währenddessen kriecht der ältere Sohn (Volker Bruch) beim Bund durch den Schlamm, um das Land im Kampf gegen den Terror zu verteidigen, und entzückt sich ganz nebenbei für schöne Kraftburschen. Der Jüngere (Joseph Mattes) sprengt aus purer Langeweile die Statuen der Nachbargärten in die Luft. Wie schön doch das Leben sein kann im trauten westdeutschen Eigenheim aus Vorwendezeiten.

Das wahre Leben

Alain Gsponer gelingt es, eine Szenerie zu kreieren, die ein Teil von Deutschland ist. Da sind das siebziger Jahre Flachdachhaus mit Glasfront zum Garten, großräumigem Wohn-Ess-Bereich, die Hobbywerkstatt des Sohnes im Keller, die abstrakte Kunst an den Wänden und die grauen Straßen des Neubaugebietes, auf denen viele teure Autos parken, aber nur zu den Büroschlusszeiten mal eines vorbeifährt. Einzig die Tochter der Nachbarn, Florina (Hannah Herzsprung), braust aus Rebellion gegen die Stille mit knatterndem Mofa durch Raum und Zeit. Und rennt abwechselnd mit Provokationsakten und Beruhigungstabletten gegen den Schmerz an, der hinter den Mauern lauert. Die Atmosphäre ist irgendwo zwischen Tennessee Williams, Jörg Immendorf und Christoph Hein angesiedelt, am Ende noch ein bisschen Jackson Pollock und Herman Nitsch, wenn es dann zum Showdown kommt. Und das sind erst die Guten. Das wirkliche Psychodrama spielt sich hinter dem Gartenzaun bei den Nachbarn ab.

Alain Gsponer zeichnet eine Zustandsbeschreibung des „ganz normalen“ Wahnsinns der Familien im Land der Ideen, die es geschafft haben, geschafft hatten. Plötzlich wird Roland Spatz, der Chef, der Unternehmer, arbeitslos, und die Welt gerät aus den Fugen. Nicht nur die materielle, auch die alltägliche. Großartig die Szene, in der er auf dem Sofa sitzt und die Kamera seinen Blicken folgend die Wohnung abtastet, als registriere er die Einrichtung zum ersten Mal, von der abstrakten Malerei – nicht ganz sein Ding – bis zur schief hängenden Fußleiste. Großartig auch, wie er binnen kürzester Zeit in blindem Aktionismus das Haus in eine Baustelle verwandelt: Die Wand da, die muss weg. Sowieso viel zu dunkel hier. Mehr Licht, ganz wie bei Goethe.

Das wahre Leben

Nicht die großen, dramatischen Szenen mit Explosionen und Farbsudeleien sind es, die den Film sehenswert machen, sondern diese Details in der Bildführung, wie auch die Dialoge mit Seitenhieben auf den Journalismus: „Sind Sie ein Globalisierungsopfer oder haben Sie sich selbst wegrationalisiert?“, auf die Jobvermittler: „Haben Sie Erbkrankheiten?“ – „Was soll das?! Sagen Sie mir einfach, was ich tun soll!“ – „Nichts! Überlassen Sie das ganz uns...“ und auf den Kunstmarkt. Es wirkt entlarvend, dass ausgerechnet Roland die metaphysische Deutung einer Performance in der Galerie liefert, bei der ein nackter Künstler durch Mist stapft: „Ich fand das großartig... Dieser Ausdruck von Einsamkeit und Sprachlosigkeit...“, während seine Frau, die Galeristin, ihn anfährt: „Das ist ja wohl der komplette Schwachsinn! Der hat sich leere Zettel an den Arsch getackert!“

Alain Gsponer beobachtet zuverlässig Details der Familienkommunikation und schafft mehr als nur eine deutschsprachige Tragikomödie zwischen Teenieliebe, Elternchaos und Drogenexzessen. Seine Studien des ganz alltäglichen „wahren Lebens“ übertreffen die Showdowns des ausgereizten Plots. Dem Schweizer Regisseur gelingt es, eine Art Genrebild, ein Stück deutscher Gegenwartsgeschichte zu zeichnen.

Kommentare


jaro

Ein wirklich guter Spielfilm, der alltags Situationen aus dem wahren Leben nachzeichnet. Etwas überspitzt treffen gleich mehrere Tragödien und Schicksale aufeinander. Doch einmal mehr wird aufgezeigt was passiert wenn die offene Kommunikation im Alltag fehlt und das zur Schaustellen einer künstlichen Fasssade überhand nimmt. Tragisch und doch am Schluss mit einem Hoffnungsschimmer.


Christoph Anspach

Man konnte gespannt sein und war doch enttäuscht. Es werden so ziemlich alle Klischees bedient, die man sich zum Thema denken kann. Das allerdings auf hohem Niveau. Warum muß es immer eine Galeristin und ein Manager sein? Ginge es nicht eine Nummer kleiner? Sicher gibt es im sog. Mittelstand die gleichen Probleme. Daß Väter (oder auch u. U. Mütter) bei einem vollen Berufsleben wenig Zeit für die Familie haben ist ja nun hinreichend bekannt. Das im Film darzustellen folglich nicht neu.
Bemerkenswert die Darstellung der Kinder Linus und Florina. Hier gibt es sehr gelungene Szenen. Hannah Herzsprung sollte aufpassen, daß sie nicht zum Typ verkommt. Es wäre schade um sie.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.