Das verflixte 3. Jahr

Frédéric Beigbeders Romantic Comedy ist unterhaltsam, charmant und ärgerlich zugleich.

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Bei Billy Wilder wird die bürgerliche Liebe im verflixten 7. Jahr (The Seven Year Itch, USA 1955) auf die Probe gestellt, für Frédéric Beigbeder endet die Ehe in seinem Regiedebüt schon nach drei Jahren. In der Verfilmung seines gleichnamigen Romans L’amour dure trois ans aus dem Jahr 1997 lässt er den Literaturkritiker und Nachtleben-Chronisten Marc Marronnier (Gaspard Proust) das Chaos seines Liebeslebens erzählen: Scheidung von seiner Frau Anne (Elisa Sednaoui), unglückliche Affäre mit der verheirateten Alice (Louise Bourgoin).

Das Drehbuch legt den Figuren passagenweise wörtlich den Text der Romanvorlage in den Mund. In den geschliffenen Aphorismen und Bonmots zeigt sich Beigbeders Talent als ehemaliger Texter. Nicht immer gelingt es ihm jedoch, durch die Adaption einen filmischen Mehrwert zu schaffen, und häufig wiederholt er die Aussage des Off-Kommentars – „eine Hand wie ein Gummihandschuh“ – durch eine analoge Kameraeinstellung. Aber er kann auch anders. In einem der überzeugendsten Momente des Films schreibt Marc zurückgezogen in seiner Wohnung an seinem Roman; den kreativen Rausch des Schreibens übersetzt eine im Kreis taumelnde Kamera. Auf diese Szene legt Beigbeder den Walzer aus Schostakowitschs Suite für Variété-Orchester, der als Leitmotiv zu Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (1999) berühmt geworden ist.

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Unschuldig ist diese Wahl nicht – so wenig wie alle anderen zahlreichen literarischen und filmischen Zitate Beigbeders. Denn wie auch Kubricks Film erzählt Das verflixte 3. Jahr von der Unmöglichkeit der bürgerlichen Liebe. Im Prolog des Films lässt Beigbeder das amerikanische Genie Charles Bukowski in einer alten Interviewaufnahme über die Vergänglichkeit der Liebe sinnieren. Und gegen Ende diskutieren die Philosophen Alain Finkielkraut und Pascal Bruckner, die Ende der 1970er Jahre einen gemeinsamen Essay zur „neuen Liebesunordnung“ verfasst hatten, über Marcs Beziehungspamphlet.

Die permanente Vermischung von Fiktion und (medialer) Realität mit den vielen Auftritten französischer Medienstars aus dem Dunstkreis des Privatsenders Canal Plus, für den auch Beigbeder seit Jahren arbeitet, hätte durchaus satirisches Potenzial. Mehr als ein ironisches Augenzwinkern traut sich der Regisseur jedoch nicht. Dafür ist er doch zu sehr PR-Agent seiner selbst. Das selbstreferenzielle Spiel des Films um Akteure und Produkte des Kulturbetriebs dreht sich auf geradezu narzisstische Weise um eine einzige Figur: den Autor Beigbeder.

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Nicht umsonst ist François Truffauts Doinel-Zyklus eine wesentliche Referenz im Film, wie zum Beispiel das Zitat des lesenden Paares im Ehebett aus Tisch und Bett (Domicile conjugal, 1970): Beigbeder hat den Komiker Gaspard Proust zu seinem Alter Ego gemacht, wie es Truffaut mit Jean-Pierre Léaud vorgemacht hatte. Der offensichtlichste Hinweis auf die gewollte Überlagerung von Protagonist und Autor ist das Pseudonym, das sich Marc Marronnier gibt: „Feodor Belvedere“ wird in einer fiktiven Film-im-Film-Szene von Beigbeder selbst gespielt. Man bemerke auch die lautliche Ähnlichkeit zu „Frédéric Beigbeder“. Marc veröffentlicht wie dieser beim Verlag Grasset, sein Debütroman trägt Beigbeders Filmtitel, die Verlegerin (Valérie Lemercier) findet das Buch eigentlich zum Kotzen – und der Film liefert damit kokett eine Kritik seiner selbst. Mit dieser Selbstironie folgt Beigbeder einer gerissenen Dialektik. Je mehr er sich selbst vermeintlich abwertet, umso mehr wertet er sich auf.

Bei genauem Hinsehen betreibt Das verflixte 3. Jahr ganz unironisch eine geradezu romantische Verklärung des Autors als einsamen männlichen Helden, wie es in der Literatur des 19. Jahrhunderts und vielleicht in den Filmen der Nouvelle Vague geschehen ist. Erst die gescheiterte Liebe löst in Marc den kreativen Schreibprozess aus. Und der Liebe wegen geht er bis zur Verleugnung seiner künstlerischen Arbeit. (Männliches) Schreiben und (fatales) Lieben schließen sich gegenseitig aus; Frauen haben in diesem von Männern dominierten Markt nichts zu melden. Die feministische Literatur wird in der Figur von Marcs Mutter (Anny Duperey) entsprechend desavouiert. Die weiblichen Nebenfiguren, besonders die Rolle von Frédérique Bel, sind auf unerträgliche Klischees reduziert.

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Der Film kann die Machoattitüden seines Protagonisten noch so sehr aufs Korn nehmen, gerade im vermeintlichen Happy End bleibt die latent frauenfeindliche Dimension von Das verflixte 3. Jahr ungebrochen. Kann man Beigbeder damit belastend anklagen? In dandyhafter Gleichgültigkeit distanziert er sich permanent von seinen Provokationen. Und sagt im Endeffekt schelmisch in den Worten seines Alter Ego: „Ich bin es nicht gewesen!“

Trailer zu „Das verflixte 3. Jahr“


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Kommentare


c.

Den Kritikpunkt mit der Verklärung des männlichen Autors und die frauenfeindlichen Implikationen finde ich durchaus nachvollziehbar. Aber dann Bukowski im selben Text als Genie zu bezeichnen kommt mir ein bisschen inkonsequent vor...


Almut Steinlein

Danke für den Hinweis. Mit dem Genie war vor allem Bukowskis Sprachgewalt gemeint.






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