Das Summen der Insekten

Bevor das Licht kommt, schrumpelt der Penis. Der Schweizer Regisseur Peter Liechti hat den freiwilligen Hungertod eines anonymen Mannes in einen Experimentalfilm verwandelt, der das Sterben zum Erlebnis macht.

Das Summen der Insekten

Der Prozess dieses langsamen Verhungerns dauert genau 62 Tage, länger als es der Selbstmörder erwartet hat. Nach einer gewissen Zeit ohne Nahrungsaufnahme verkündet der Mann im Voice-over, er ahne jetzt, wie sich Magersüchtige fühlen müssen: Sei das Hungergefühl erst einmal überwunden, könne man sich nicht vorstellen, je wieder etwas zu essen. Der Verzicht auf Nahrung als körperlicher Entzug aus der Konsumgesellschaft, als Protest gegen Zwänge und Leistungsdruck. Gleichzeitig spürt sich der Essensverweigerer sehr bewusst und scheint im Sterben eine „Sättigung“ zu erfahren, die er im Leben wohl nicht gefunden hat.

Das Summen der Insekten

Das Summen der Insekten basiert auf der Novelle Miira ni naru made (1990) des japanischen Autors und Theaterregisseurs Masahiko Shimada, die sich wiederum auf einen wahren Fall stützt. In einer Hütte im Norden Japans fand ein Hasenjäger die Leiche eines 40-jährigen Mannes, mumifiziert und – als Rücksichtnahme auf die Nachwelt – parfümiert. Niemand hat ihn vermisst, doch er hinterließ ein Tagebuch, in dem er seine körperlichen und geistigen Veränderungen im Detail aufzeichnete. Es diente Shimada als Grundlage für seine literarische Verarbeitung, die seit ihrer Veröffentlichung schon mehrfach adaptiert wurde, unter anderem als Hörspiel, Theaterstück und Tanzsolo. Als „eindringliches Porträt einer letalen Ich-AG“ – so ein Internetkommentar zu dem Text – ist die Geschichte des radikalen Rückzugs aus der Gesellschaft heute mindestens so aktuell wie in den 1990er Jahren.

Das Summen der Insekten

In Liechtis Essayfilm, den der Autor und Regisseur als „Textinszenierung“ bezeichnet, werden die Tagebucheinträge von einem Sprecher vorgetragen. Anders als etwa in Steve McQueens explizitem Drama Hunger (2008) über den politischen Protesthungerer Bobby Sands bekommen wir den ausgezehrten Körper des Protagonisten nie zu Gesicht, nur den Abtransport seiner verhüllten Leiche inszeniert Liechti im Prolog. Nach der letzten Mahlzeit in einem Fast-Food-Restaurant zieht sich der Unbekannte mit Schmerzmittel, Radio, Kerzen und einer Plastikplane ausgestattet in einen Wald zurück. Aus seiner Perspektive blicken wir wiederholt auf das immer selbe Waldstück und die schützende Plane, auf der sich im Verlauf Tannennadeln, Laub und Insekten ansammeln. Das Bild einer Bremse, die von Ameisen attackiert wird, symbolisiert die schwindenden Kräfte des Mannes.

Das Summen der Insekten

Der beschreibt Pinkelprobleme und schrumpelndes Geschlechtsteil ebenso unverblümt wie nüchtern, die Hintergründe für seine Tat lässt er dagegen im Unklaren. Selbstironie und Galgenhumor bewahrt er sich bis zum Schluss: Wie verzweifelt muss eine Mücke sein, wenn sie sich an eine derart blutleere Person wie ihn heranmache? Als das Radio versagt, offenbart er aber auch seine Angst vor der Einsamkeit, vor dem beunruhigenden Blick nach innen, wenn das Außen auf ein Minimum reduziert ist. Das Alleinsein in der Natur kontrastiert Liechti (Hans im Glück – 3 Versuche, das Rauchen loszuwerden, 2003) mit monochromen Aufnahmen städtischer Anonymität, mit Passantenströmen oder einer leeren Autobahn. Während hinter der Plastikplane die Beweglichkeit nachlässt und die Körperfunktionen aussetzen, ist die Geschäftigkeit dort draußen unaufhaltsam.

Das Summen der Insekten

Je mehr der Mann sich dem Tod nähert, umso albtraumhafter und halluzinatorischer wirken seine Assoziationen und Visionen: nasse Plüschtiere auf einer Wäscheleine, der Schattenriss des Sensenmannes, eine gesichtslose Ermordete, die vom Fährmann nicht im Jenseits abgesetzt wird, da dies gar nicht existiere, und die zum ewigen Rudern auf dem Totenfluss Styx verbannt scheint – die letzte Lektüre des Mannes ist Dantes Göttliche Komödie. Manche der Erinnerungsfetzen und Bewusstseinsströme setzen allzu offensichtlich auf den schönen Effekt oder überdeutlichen Kontrast. Andere Szenen besitzen vor allem in Verbindung mit den dominanten Naturgeräuschen und den eindringlichen Soundeffekten des Schweizer Improvisationsmusikers Norbert Möslang eine große Sinnlich- und Schauderhaftigkeit. Bereits in Liechtis früheren Dokumentarexperimenten, darunter der Kurzfilm Ausflug ins Gebirge (1986) und das Künstlerporträt Signers Koffer – Unterwegs mit Roman Signer (1995), waren Töne und Musik oft stärker als Texte und Bilder.

Das Summen der Insekten betört mit einigen wunderbaren Collagen und Eindrücken, zum Beispiel mit dem Bild einer Katze, die von ihrem Besitzer in einem Korb über die Straße getragen wird und deren Schaukeln wie ein Pendeln zwischen den Welten, zwischen Zivilisation und Natur, Diesseits und Jenseits wirkt. Als Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Einsamkeit und Tod zerfällt der mehrfach preisgekrönte Film aber in einzelne Impressionen und bleibt im Ganzen eher aussageschwach und wirkungsarm. Wenn am Ende das Licht kommt, ist man weniger berührt als enttäuscht. Wenn schon subjektive Sterbeinszenierung, dann bitte ohne Klischee und mit kreativem Finale.

Trailer zu „Das Summen der Insekten“


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