Das Spiel der Macht
Steven Zaillian verfilmte die an realen Begebenheiten orientierte Geschichte vom Aufstieg und Fall des Südstaaten-Gouverneurs Willie Stark. Sein Werk wird zu einem Dokument des Scheiterns – für Stark und dessen Darsteller Sean Penn.

Robert Penn Warrens mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Roman Das Spiel der Macht (All the King’s Men) kann zweifellos zu den Klassikern der amerikanischen Literatur gezählt werden. Bereits 1949 verfilmte Robert Rossen unter dem Titel Der Mann, der herrschen wollte (All the King’s Men) mit Broderick Crawford in der Hauptrolle Warrens zeitlose Auseinandersetzung mit den Mechanismen des politischen Machtapparats, der Korruption und des Verrats. Crawford wurde für seine Darstellung des populistischen Gouverneurs Willie Stark mit dem Oscar geehrt, der Film erhielt die Auszeichnung als „Best Picture“. Fast sechs Jahrzehnte später kam es nun auf Initiative des in den USA sehr bekannten politischen Beraters und TV-Moderators James Carville zu einer Neuadaption des Stoffs. Steven Zaillian, der bereits das Drehbuch zu Spielbergs Schindlers Liste (Schindler’s List, 1993) lieferte und einige Male Regie führte (Zivilprozess; A Civil Action, 1998), nahm sich der schwierigen Aufgabe an, den komplexen Roman adäquat zu verfilmen.

Film wie Buch beschreiben, wie aus einem couragierten Politiker, der antrat, um mit allen Mitteln die Korruption zu bekämpfen, ein Mann wurde, der letztlich auch den Verführungen der Macht erlegen ist. Willie Stark (Sean Penn) kommt aus einfachen Verhältnissen. Auf „die da oben“ ist er nicht gut zu sprechen, wirft er ihnen doch vor, für einen tragischen Unfall an einer schlampig gebauten Schule verantwortlich zu sein, bei dem drei Kinder ums Leben kamen. Angetrieben durch den Zeitungsjournalisten Jack Burden (Jude Law), der Starks Sinn für Gerechtigkeit und dessen Kampfesmut bewundert, lässt er sich zur Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Mason City überreden. Doch das kann nur eine Zwischenstation sein. Als die einflussreiche Lokalgröße Tiny Duffy (James Gandolfini) Stark die Unterstützung für die Wahl zum Gouverneur des Staates Louisiana zusichert, wittert dieser seine große Chance. Dabei weiß Stark nur zu gut, dass man ihn als Marionette anderer Interessen missbraucht.
Seinen Aufstieg und Fall beleuchtet Zaillians Film aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Während zunächst Stark im Mittelpunkt steht, seine politischen Geh- und Lernversuche bis in das Amt des Gouverneurs, folgt der Plot in der zweiten Hälfte Burden und dessen Nachforschungen im Milieu der Südstaaten-High-Society. In der Vergangenheit seines Pflegevaters, des einflussreichen Richters Irwin (Anthony Hopkins), der die Opposition bei einem Amtsenthebungsverfahren gegen den Gouverneur unterstützt, spürt er in Starks Auftrag Ungereimtheiten nach.

In seiner Dramaturgie krankt der Film an einer viel zu schnellen und daher unglaubwürdigen Abfolge von Szenen, die Starks Weg an die Macht nachzeichnen sollen. In wenigen einfallslos aneinander geschnittenen Reden versucht Zaillian dieses Kapitel zügig abzuarbeiten. Als nächstes widmet er sich umso ausgiebiger Burdens späteren Schnüffelaktionen, die weg von Stark führen und Spiel der Macht eher den Charakter einer gediegenen, überraschungsarmen John Grisham-Verfilmung verleihen. Auch thematisch wendet sich Zaillian zunehmend von der Sezierung politischer Macht-Mechanismen und gesellschaftlicher Ränkespiele ab. Dafür verliert sich die Handlung in einer nur angedeuteten leidenschaftslosen Liebesgeschichte um Burdens Jugendschwarm Anne (Kate Winslet) und der dunklen Vergangenheit des Irwin’schen Clans. Dass sich Burdens Motivation, für Stark die Drecksarbeit zu erledigen, nie nachvollziehbar aus der Handlung ergibt, stellt einen weiteren Schwachpunkt des Drehbuchs dar.
Die eigentlich in den 30er Jahren und in Anlehnung an den in den Südstaaten besonders populären früheren Gouverneur von Louisiana Huey P. Long situierte Geschichte verlegte Zaillian kurzerhand in die 50er Jahre. Filme, die vor dem Zweiten Weltkrieg spielen, wirken heute nach Zaillians Auffassung eher nostalgisch, was den zeitlosen Charakter der Vorlage konterkarieren würde. Gemessen an diesen Ansprüchen dürfte Das Spiel der Macht jedoch in seiner Wirkung den Intentionen der Macher zuwiderlaufen. Zaillian und seine Crew um Produktions-Designerin Patrizia von Brandenstein und Kameramann Pawel Edelman erschufen ein Period Piece, das sich an den Stil des Film Noir anlehnt und dementsprechend nostalgisch erscheint. Das spiegelt sich sowohl in den harten Lichtkontrasten und der verwendeten düsteren Farbpalette als auch bis in kleinsten Ausstattungsdetails wider. Es sind in erster Linie die Schauwerte, die in Erinnerung bleiben.

Gerade diese Erkenntnis verwundert angesichts einer derart hochkarätigen Besetzung. Namen wie Hopkins, Clarkson, Winslet, Ruffalo und Gandolfini bürgen normalerweise für Qualität, doch unter Zaillians Regie gelingt es ihnen nicht, im Rahmen ihrer begrenzten Leinwandpräsenz einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Gegen die übermächtige Kulisse kommen sie nicht an. Und Sean Penn? Das ist die eigentliche Enttäuschung an Spiel der Macht. Sein wildes Gestikulieren, seine aufgesetzten Manierismen und überdrehten Ansprachen degradieren den selbsternannten Gouverneur der kleinen Leute zu einer Karikatur. Penn gibt seinen Charakter der Lächerlichkeit preis, weil er jegliches Gefühl für die Dosierung vermissen lässt. Man könnte ihm zu Gute halten, dass sein Overacting nur die Antwort auf das überstilisierte Film Noir-Dekor darstellt. Auch James Horners aufdringlicher Soundbrei kleistert jede kleinste Subtilität im Ansatz zu. Allerdings sollte es Penn nicht genügen, dass sich offensichtlich jemand anderes noch deutlicher im Ton vergriffen hat.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 22.11.2006
Kommentare zu Das Spiel der Macht
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Das Spiel der Macht. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Das Spiel der Macht
Originaltitel: All the King’s Men
USA 2006
Laufzeit: 128 Minuten
Regie: Steven Zaillian
Drehbuch: Steven Zaillian
Produktion: Steven Zaillian, Mike Medavoy, Arnold W. Messer, Ken Lemberger
Darsteller: Sean Penn, Jude Law, James Gandolfini, Patricia Clarkson, Kate Winslet, Mark Ruffalo
Kinostart: 04.01.2007
DVD-Angaben
Titel: Das Spiel der Macht
Vertrieb: Sony Home Entertainment
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Hindi, Türkisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 123 Minuten
Extras: Entfallene Szenen; Dokumentationen: Making of, Ein amerikanischer Buchklassiker, LA Confidential: An den Drehorten, Handschlag mit dem Teufel, Der legendäre Huey Long
Verleih ab: 05.06.2007
Verkauf ab: 03.07.2007
Copyright Das Spiel der Macht
Fotos: © Sony Pictures
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Barbara
R: Christian Petzold
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR












