Das Reichsorchester

Nach Rhythm Is It! nähert sich Enrique Sánchez Lansch bereits zum zweiten Mal den Berliner Philharmonikern und beschäftigt sich diesmal mit deren Rolle als Reichsorchester unter Hitler.

Das Reichsorchester

Die Berliner Philharmoniker zählen zu den renommiertesten Orchestern der Welt und standen unter der Leitung von Stardirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache und Herbert von Karajan. Dass die Philharmoniker nach Hitlers „Machtergreifung“ und nachdem sie Goebbels‘ Propagandaministerium unterstellt wurden als Reichsorchester auf Parteitagen, den Olympischen Spielen 1936 und bei Tourneen im Ausland gezielt zur nationalen Repräsentation eingesetzt wurden, ist dagegen weitgehend unbekannt.

Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Orchesters erscheint mit Das Reichsorchester eine Dokumentation, die sich mit diesem Thema näher beschäftigt und auf dem gleichnamigen, im Sommer diesen Jahres erschienen Buch von Misha Aster basiert. Sieht man sich die Filmografie des Regisseurs Enrique Sànchez Lansch an, überrascht es wenig, dass der Spanier vor seiner filmischen Laufbahn in Deutschland eine musikalische Ausbildung genoss, denn fast alle Filme von Lansch, die filmische Umsetzung von Stücken György Ligetis (Ligeti, 2003) ebenso wie eine Dokumentation über einen Gesangswettbewerb (Sing, wenn du kannst, 2004), handeln im weiteren Sinne von Musik. Interessanterweise widmet er sich nach dem mehrfach preisgekrönten Rhythm Is It! (2004), dem Dokumentarfilm über ein gemeinsames Projekt zwischen Jugendlichen und den Berliner Philharmonikern, dem Orchester diesmal auf völlig andere Weise. Der dynamischen Wirkung, die Rhythm Is It! entfaltete, setzt Lansch nun einen sehr statischen Film entgegen.

Das Reichsorchester

Mithilfe von Interviews und Archivmaterial zeichnet Das Reichsorchester den Weg der Philharmoniker vom Beginn der Diktatur Hitlers bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs chronologisch nach. Dabei zeigt der Film, wie die antisemitische Gesinnung der Nazis zunehmend Einzug in den Kulturbetrieb fand, weshalb Komponisten wie Mendelssohn aus dem Repertoire verbannt wurden und die wenigen jüdischen Musiker dem Ausschluss zuvor kamen und aus Eigeninitiative das Orchester oder wie im Fall von Joseph Schuster sogar das Land verließen. Die anderen Mitglieder missbilligten solche Entscheidungen nach eigener Aussage zwar, schwiegen aber, weil sie ihre angesehene Position nicht verlieren wollten. Im Laufe des Films kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass die Philharmoniker wie unter einer künstlerischen Glasglocke gelebt haben und, abgesehen von einigen Parteimitgliedern, in deren Gegenwart man sich nur vorsichtig äußerte, politisch in jeder Hinsicht desinteressiert waren.

Das Reichsorchester

Lansch hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Stück Geschichte anhand von persönlichen Erfahrungsberichten zu erzählen. Das Problem dabei ist, dass es mit dem Geiger Heiner Bastiaan, dem Kontrabassisten Erich Hartmann und dem Bratscher Dietrich Gerhard nur drei überlebende Orchestermitglieder gibt. Die übrigen Gesprächspartner sind Kinder der Verstorbenen, die mithilfe von Briefen und Fotoalben stellvertretend für ihre Eltern reden. Als historisch fundierter Film lässt sich Das Reichsorchester somit nur bedingt ernst nehmen. Schließlich wirkt es an einigen Stellen so, als würden die Zeitzeugen den Film als Plattform nutzen, um sich vom Nazi-Regime zu distanzieren, und die Kinder versuchen, ihre Eltern mit Erklärungen von den Anschuldigungen des Opportunismus oder der Parteizugehörigkeit zu befreien. Dass historische Fakten durch subjektive Wahrnehmung gefiltert werden, macht Lansch allerdings nur sehr kurz deutlich, indem er etwa die unterschiedlichen Auffassungen zweier Gesprächspartner über die Gründe für die Auswanderung Joseph Schusters nach Amerika gegenüberstellt.

Bei der Masse an TV-Dokumentationen über das „Dritte Reich“, wie den Filmen von Guido Knopp, den Spiegel TV-Reportagen und den Sendungen der BBC, in denen schon zahlreiche Aspekte des Nazi-Regimes aufgegriffen wurden, sticht Das Reichsorchester zwar durch die Wahl seines „unverbrauchteren“ Themas heraus, mit seiner Mischung aus Interviews und Archivmaterial unterscheidet er sich formal und ästhetisch jedoch kaum von diesen Fernsehformaten. Gründe, warum man sich Das Reichsorchester im Kino anschauen sollte, anstatt auf eine DVD-Veröffentlichung oder Fernsehausstrahlung zu warten, bietet der Film jedenfalls nicht genügend.

Kommentare


gerd lindlar

"Das Reichsorchester" ist einmal mehr ein bewegendes Dokument darüber, wie Künstler in einer Diktatur die Augen vor den Gräueln derselben verschließen, sofern sie sich einer privilegierten Position im Staatsapparat erfreuen können.

Allerdings ist diese Dokumentation doch auch etwas einseitig: kein Orchester ohne Chef! Furtwängler fungiert hier lediglich als
Hampelmann der ewig selben Kompositionen ("Meistersinger"-Vorspiel, Schlusschor der Beethoven´schen neunten Sinfonie). Dass er sich auch für seine (jüdischen) Orchestermitglieder sowie für modernere Musik eingesetzt hat, kommt nich zur Sprache, warum er schließlich Deutschland im Februar ´45 verließ, wird nicht weiter erläutert. - Auch bei einigen Orchestermitgliedern dürfte es dementsprechend ambivalentere Einstellungen die tumbe, verschämten und apolitisch-spießige attitüde
gegeben haben, als hier dokumentiert wird. - Manche
Musikmitschnitte sind außerdem doch nur viel zu knapp eingeblendet
(celibidache, kleiber).


Musikliebhaberin

Habe "Das Reichsorchester" aufmerksam im Fernsehen verfolgt. Leider findet man keinen Kommentar zur "Hintergrundmusik". Bitte, wer hat auch ein Ohr für diese Musik und kann mir die Titel nennen? Es zieht sich ein Werk wie einen roten Faden durch den Film und wird immer wieder zitiert (ganz bekante Motive... - nur komme ich nicht darauf, wie dieses Werk heißt.) Wer kann helfen?

DANKE!






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