Das perfekte Verbrechen
Nobody is perfect, könnte man sagen, wenn man diesen Titel liest. Aber Regisseur Gregory Hoblit ist in seinem fünften Kinofilm ein spannendes Charakterdrama mit einem dämonischen Anthony Hopkins gelungen.

Eine Kugel rollt. Durch Kurven und Abgründe, aber immer fest in der Bahn. Nur allmählich begreift man, welche Konstruktion die Kamera da abtastet: eine Art überdimensionierte Murmelbahn, wie ein Relikt aus Kindertagen, aber ins Perfekt-Professionelle gesteigert. Im Gegenschnitt ein Liebespaar, ebenfalls nur langsam zu erkennen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Der Spieler hinter der Kugelrollbahn ist der betrogene Ehemann. Ein paar Szenen später wird er seiner Frau eine Kugel in den Kopf jagen.
Es ist eine glatte Oberfläche, die der neue Film von Gregory Hoblit umkreist. Gut gekleidete Menschen, erlesene Interieurs, Luxus, wohin man schaut. Aber darunter brodelt es. Fracture heißt der Streifen im Original, also Bruch, Fraktur. Das trifft die Atmosphäre dieses Thrillerdramas besser als der deutsche Titel Das perfekte Verbrechen. Hoblit arbeitet von Anfang an mit doppeltem Boden.

Es geht um Ted Crawford (Anthony Hopkins), einen erfolgreichen Ingenieur und Wissenschaftler um die 60 mit einer deutlich jüngeren Frau. Crawford gibt den Mord zunächst zu, treibt aber ein falsches Spiel. Das bekommt Ankläger Willy Beachum zu spüren, ein junger Gehilfe des Bezirksstaatsanwalts. Plötzlich steht er ohne jeden Beweis da und muss mit ansehen, wie der Mörder freikommt. Doch Willy gibt nicht auf.
Weil der Zuschauer Crawfords Tat mit angesehen hat, konzentriert sich die Spannung auf das Duell zwischen dem alten Mann und dem jungenhaften Strafverfolger, der sein Sohn sein könnte. Anthony Hopkins stattet Crawford mit psychopathischen Zügen aus, besessen von einem dämonischen Plan, von Spielwut und Lust an der Kontrolle. Crawford ist allerdings kein Hannibal Lecter aus dem Schweigen der Lämmer. Dort hatte Hopkins den Charakter mit eindeutig perversen Zügen ausgestattet. Hier deutet er lediglich an, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Verstörend, wie dieser Technikfreak seine Frau umlegt. Mit einer gefühlskalten Mechanik, als wäre es ein Naturgesetz, dass auf Untreue Mord folgt. Crawfords verschüttete Emotionen brechen sich an anderer Stelle Bahn. Der Mann braucht einen Gegenpart, jemanden, mit dem er spielen kann. Er sucht Nähe, sehnt sich nach einem Sportsfreund und Sohn-Ersatz. Ganz anders der junge Ankläger: Er denkt zunächst nicht daran, sich mit einem irgendwie Verrückten abzugeben. Ryan Gosling spielt Willy als erfolgsverwöhnten, unverschämt selbstbewussten Schnösel. Für ihn ist der Fall klar, der neue Job nur ein unbedeutender Schritt auf der Karriereleiter. Aber Gosling bringt auch die innere Entwicklung des ewigen Winners rüber, der durch tiefe Täler gehen muss, um sich Crawfords Herausforderung gewachsen zu zeigen.
Auf dem Charakterdrama der beiden Widersacher beruht der Film. Er wird getragen durch hervorragende Schauspielerleistungen und eine Inszenierung, die alles um das zentrale Duell gruppiert und es ihm unterordnet. So gibt es zum Beispiel weitere Beziehungskonflikte, die Willys Reifeprozess aus anderen Blickwinkeln beleuchten: etwa im Clinch mit seiner schönen Vorgesetzten (Rosamund Pike) und dem väterlichen Bürochef (David Strathairn). So zeigt sich das Drehbuch ökonomisch austariert. Die Geschichte braucht nur so viele Rätsel wie sie auflösen kann. Sie verzichtet auf Verfolgungsjagden und äußeren Nervenkitzel. Stattdessen entwickelt sie die Spannung aus dem Innern des Personengeflechts.

Gregory Hoblit hat in seiner bisherigen Kinoarbeit mit Zwielicht (Primal Fear, 1996) und Dämon – Trau’ keiner Seele (Fallen, 1998) zwei Thriller vorgelegt, in denen er ebenfalls durch überraschende Wendungen und ein Gefühl für Atmosphäre Spannung erzeugte. Daran knüpft der neue Film an, in dem er die handwerklichen Qualitäten in einem neuen Kontext erprobt. Zum ersten Mal entwickelt er die Spannung nicht aus der sich steigernden Bedrohung, die Zuschauer und Protagonist gleichermaßen empfinden. Sondern die Inszenierung steigt mit Wucht ein, gibt dem Zuschauer einen Wissensvorsprung und lässt ihn mitfiebern, ob sich Willy tatsächlich steigern kann, um Crawford die Stirn zu bieten.
Das ist gut durchkomponiert. Darüber hinaus überzeugt Hoblit erneut durch sein Gespür für Räume und visuelle Effekte. Immer wieder kehrt die Kamera zu dieser zweieinhalb Meter hohen Kugelrollbahn zurück. Sie veranschaulicht wie beiläufig die vermeintliche Genialität und Komplexität von Crawfords Plan. So hätte der Vater des perfekten Verbrechens die Welt gerne: durchdacht, strengen Gesetzen folgend, von unerbittlicher Konsequenz und dennoch ungeheuer elegant. Aber Crawford ist im Gegensatz zu seinem Spielzeug keine Maschine, sondern ein Mensch. Das muss ihm – nach 112 packenden Minuten - zum Verhängnis werden.
Filmkritik von Peter Gutting
Veröffentlicht am 07.05.2007
Kommentare zu Das perfekte Verbrechen
Terminus 11.08.2007 15:58
Das perfecte Verbrechen ist ein Film mit einer Story wie ihn sich nicht einmal John Grisham hätte ausdenken können. Stellenweise ähnelt er "Zwiellicht" ist jedoch an vielen Stellen zu sehr damit beschäftigt sich mit unwichtigen Details aufzuhalten.
Sehr lange Sequenzen in denen nur Ryan Goslin´s nachdenkliches Gesicht zu sehen ist und viel zu viele unnötige Dialoge. Wo bleibt das fantastische Spiel mit den nerven der Zuschauer?
Letztendlich : Ein sehenswerter Film mit zwei herrausragenden Hauptdarstellern und durchweg guten Nebendarstellern, die der dahinplätschernden Story leben einhauchen.
jeannie19 09.12.2007 20:23
Ich fand den Film sehr gelungen. Besonders die schauspielerische Leistung des bis dahin eher unbeachteten, jedoch äußerst attraktiven Akteurs Ryan Gosling, ist sehr zu würdigen. Ich habe den Film auf Englisch gesehen(als Freund der Orginalstimmen)und stellte gewisse unlogische Wendungen fest. Nicht aufgrund der englischen Sprache erkannte ich den Sinn der Argumentation Crawfords vor Gericht nicht,während der Zeugenaussage Nunallys. Wie kann er mit dieser Darlegung(die ich jetzt nicht nennen möchte, da jeder Zuschauer den Fehler selbst erkennen sollte)durchkommen? Diese Aussage wurde jedoch total im Film überrannt, weil danach gleich das Augenmerk auf die Reaktion Nunallys gerichtet wurde, welcher ihn aus diesem Grund von großer Wut gepackt, im Gerichtsaal angriff.Bis auf diesen(meiner Meinung nach auch wichtigen) Fakt, wurde die Handlung jedoch spannend, nachvollziehbar und höchst reizvoll konzipiert. Bis ins letzte gestaltet sich der Verlauf mitreißend und Crawfords Waffenversteck scheint unlösbar.
8martin 16.03.2010 12:54
Das Gesicht von Anthony Hopkins beherrscht die Szene von Anfang an. Er kann so einmalig freundlich und zugleich gefährlich dreinblicken. Außerdem ist das Interessante an diesem Film noch die Story: der Zuschauer kennt Mörder und Opfer. Man fragt sich nur, wie man es juristisch wasserdicht beweisen kann. Und dann halten noch unvorhersehbare Wendungen die Spannung hoch. Aber auch einige aus der Logik herausbrechende Nebenhandlungen schaffen Verwirrung. Und auch die Figur der äußerst attraktiven Rosamund Pike ist lediglich nur schmückendes Beiwerk. Letztlich ist es eine Auseinandersetzung zwischen einem jungen, ehrgeizigen Aufsteiger der Jurisprudenz (Ryan Gosling) und einem alten, genialen, wohlsituierten, hintergangenen Ehemann. Der Originaltitel ’Bruch’ bezieht sich wohl auf die Ehe der ungleichen Partner. Wir bleiben aber weiterhin auf der Suche nach dem perfekten Mord.
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Film-Angaben
Titel: Das perfekte Verbrechen
Originaltitel: Fracture
USA 2007
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Gregory Hoblit
Drehbuch: Daniel Pyne, Glenn Gers
Produktion: Charles Weinstock
Darsteller: Anthony Hopkins, Ryan Gosling, David Strathairn, Rosamund Pike, Embeth Davidtz, Billy Burke
Kinostart: 17.05.2007
DVD-Angaben
Titel: Das perfekte Verbrechen
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 109 Minuten
Extras: Kino-Trailer; Nicht verwendete Szenen
Verleih ab: 23.11.2007
Verkauf ab: 23.11.2007
Copyright Das perfekte Verbrechen
Fotos: © Warner Bros.
BERLINALE 2012

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