Das Orangenmädchen
Vom Geschäft der Literaturverfilmung: Regisseurin Eva Dahr versucht sich an Jostein Gaarders philosophierendem Bestseller über den Wert des Lebens – und landet dabei im banalen Abseits.
Der norwegische Autor Jostein Gaarder ist bekannt für sein philosophisch durchdrungenes literarisches Werk. Mit dem Roman Sofies Welt von 1991 begeisterte er sowohl die junge Leserschaft wie auch das ältere Publikum und gelangte mit über 30 Millionen verkauften Exemplaren zu Weltruhm. Seine Folgearbeiten wurden sämtlich Bestseller, Sofies Welt (Sofies verden) wurde 1999 verfilmt.
Es ist eine nahezu naturgesetzliche Regel des Filmgeschäfts, dass Bestseller früher oder später auf der Kinoleinwand landen müssen, da sie im Geldgeberkalkül als sichere Sache gelten. Das gilt auch für die öffentlichen Filmförderer, die bei Bestsellerverfilmungen derart in Verzückung geraten, dass sie bei der Prüfung der Qualität der Adaption nachlässig werden. Zum enttäuschenden Ärgernis werden solche Projekte jedenfalls dann, wenn sich die Adaption im Gewand der „großen“ Vorlage tarnt, selbst jedoch von beklemmend mediokrer Qualität ist. Um genau einen solchen Fall handelt es sich bei Das Orangenmädchen (Appelsinpiken).
In Gaarders Roman erhält der Heranwachsende Ich-Erzähler einen Brief seines verstorbenen Vaters. Dieser schreibt den Brief in der Gewissheit seines nahen Todes, im Bewusstsein, dass er die sich ihm erschließende Schönheit und den Wert des Lebens seinem kleinen Sohn nicht mehr vermitteln kann. So beschreibt der Vater dem Sohn die Geschichte seiner großen Liebe zu dem Mädchen mit den Orangen als Sinnbild für die Wunder des Lebens und stellt dem Sohn die Frage, ob dieser sich dem Leben in seiner aufgezeigten Schönheit stellen möchte. In dieser ethischen Frage liegt der eigentliche Reiz des Buches.
Hiervon sind im Film allenfalls Rudimente übrig: Die Autoren Axel Helgeland und Andreas Markusson dampfen die Vorlage auf vermeintlich kino- und zielgruppengerechte Maße ein und fokussieren sich ausschließlich auf die Liebesgeschichte, die sie um eine weitere Handlungsebene und einen konstruierten Vater-Sohn-Konflikt erweitern: Der 15-jährige Georg (Mikkel Bratt Silset) ist alles andere als begeistert, als er von seiner Mutter (Rebekka Karijord) drei verschlossene Umschläge seines vor elf Jahren verstorbenen Vaters ausgehändigt bekommt. Er will oder kann sich nicht an seinen Vater erinnern und fühlt sich von diesem durch seinen vorzeitigen Tod verraten. Bereits dieser Konflikt wirkt konstruiert und bleibt unbelegt. Widerwillig beginnt Georg die Briefe zu lesen und so offenbart sich ihm nach und nach die Liebesgeschichte zwischen seinem Vater Jan Olav (Harald Thompson Rosenstrøm) und dem Orangenmädchen (Annie Dahr Nygaard).
Die in unterbrochenen Rückblenden erzählte Liebesgeschichte des Vaters, mit der Suche nach der entschwundenen Geliebten, dem Wiederfinden und der Vereinigung der Liebenden, wirkt jedoch flach, banal und erschreckend poesiefrei. Regisseurin Eva Dahr inszeniert die Liebesgeschichte als Abfolge klischeebehafteter Nettigkeiten, die zwar große Gefühle behauptet, jedoch keinerlei glaubhafte Entwicklungen der Figuren zeigt. Zu stark ist dabei das Vertrauen auf die Wirkung der großen Augen von Annie Dahr Nygaard, und zu klein ist der Raum für Harald Thompson Rosenstrøm, um seiner Figur lesbare Charakterzüge und nahegehende Empfindungen zu verleihen
Spannender ist hier schon die – in der Vorlage nicht existente – Geschichte von Georg, der sich während seiner Skiferien mit dem Mädchen Stella (Emilie K. Beck) anfreundet. Stella und Georg fühlen sich zueinander hingezogen, woraus sich ebenfalls eine Liebesbeziehung anbahnt. Jedoch kann Georg aufgrund seiner emotionalen Unreife die Gefühle Stellas nicht erwidern. Im Weg steht wohl der Groll auf den Vater, was mangels glaubwürdiger Belege aber nur vermutet werden kann. Auch fortschreitende – rückblendenbebilderte – Lektüre der Briefe des Vaters führt zu keiner ersichtlichen Reifung. Die aufkommende Spannung verdankt Das Orangenmädchen hier schlicht der Präsenz der jungen Darsteller Mikkel Bratt Silset und Emilie K. Beck und weniger der dramaturgischen Konstruktion oder der Inszenierung: Die Regie des Films setzt auf die Wirkungen addierter stilistischer Rezepturen, deren Ergebnis jedoch die Summe nicht übersteigt. Weder die Schauspielführung noch die routinierten Bilder von Harald Gunnar Paalgard oder die unvermeidlichen Songeinlagen vermögen eine überzeugend tragfähige emotionale Ebene zu schaffen.
Mit der Geschichte von Georg und Stella versucht das Drehbuch die größte Hürde des Romans zu umschiffen: Gaarders Vorlage ist ein episch erzähltes Vermächtnis, das ethische Wertfragen zum Fazit hat. Antworten kann folglich auch nur Georgs zukünftiges Leben als Prozess geben, weshalb direkte Reaktionen im Buch konsequenterweise ausgeblendet bleiben. Dagegen aktiviert das Drehbuch Georg als Protagonisten, um sein Erwachsenwerden und seine emotionale Reifung im Geiste des konventionellen Teenager-Handlungskinos zu bebildern. Doch genau dieser Ansatz erweist sich hier als Verhängnis: Die Konstruktion nimmt an, dass der darstellbare Reifungsprozess tatsächlich durch die Lovestory-Erfahrung des Vaters induziert werden kann. Damit jedoch verliert die behauptete Entwicklung von Georg jegliche Glaubwürdigkeit und bleibt nur plakatives Postulat. So verwundert es auch nicht weiter, wenn Georg am Ende urplötzlich ein Licht aufgeht und er sich Stella offenbart, denn die Anteilnahme des Zuschauers ist während der langen 80 Minuten längst abhanden gekommen.
Es bleibt dahingestellt, ob die Schwächen der Inszenierung einer Schwäche des Drehbuches folgen oder diese ergänzen. Zusammen ergeben sie einen Film, der sich leider zu Unrecht mit einem großen Titel schmücken darf.
Filmkritik von Robert Zimmermann
Veröffentlicht am 27.10.2009
Kommentare zu Das Orangenmädchen
Tinuvielas 01.11.2009 00:12
Schon während des Lesens dieser Rezension dachte ich mir, den muss ein Mann geschrieben haben. Ist schon lustig, wie sehr die Wahrnehmungen auseinandergehen können – meiner Freundin und mir, die wir beide den Roman nicht kennen, hat der Film jedenfalls gut gefallen, vor allem die wunderbaren Landschaftsbilder, die spannende Kameraarbeit sowie der nicht zu penetrante Soundtrack (vgl. auch meinen imdb-Kommentar). Auch die Entwicklung des pubertierenden Georg fanden wir beide völlig überzeugend. Muss wohl ein Geschlechterding sein... P
Michael Kramer 06.11.2009 23:34
Ich habe den Film bei den Nordischen Filmfestspielen gesehen und war nach der Vorstellung mit meiner Frau sehr einer Meinung, - wir hatten, ohne vorher (bewusst) das Buch gelesen zu haben, oder vorher uns von Medien manipulieren zu lassen - dass dieser Film kein "sehr gut" verdient hat. Ich habe mich nicht geärgert, aber es kam doch alles recht "nett" daher. Fazit: Keine neuen Erkenntnisse.
Heike 26.12.2009 19:16
Auch ich habe das Buch nicht gelesen. Meine Erwartung an den Film waren nicht hoch angesetzt und daher konnte ich mich evtl. besser auf den Film einlassen als der Filmkritiker. Diese vernichtende Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Keine Ahnung wie alt er ist, evtl. fehlt ihm ein wenig Lebenserfahrung. Ich fand die Handlung und die Darsteller durchaus glaubhaft und wunderbar unverkrampft und mit einer zauberhaften Leichtigkeit wiedergegeben. Es ist nicht im geringsten unglaubwürdig, dass Georg auf den entbehrten Vater sauer ist, gerade in seinem Alter in dieser sensiblen Lebensphase. Noch Tage wirkte der Film nach und ich bin sicher, dass ich ihn mir bald noch einmal ansehen werde. Sicher nicht "ganz großes Kino" aber für mich ein Film, der in Erinnerung bleiben wird.
Karina Langner 27.12.2009 12:13
Ich kann dieser Kritik nur zustimmen. Ich war enttäuscht. Das Buch ist eins meiner Lieblingsbücher, deshalb bin ich auch in den Film gegangen. Nur hat der Film mit dem Buch aber fast garnichts zu tun. Die Begegnung mit Stella gibts im Buch überhaupt nicht. Ist sicherlich ´ne seichte Liebesgeschichte, die ihr Publikum finden wird, aber warum verdammich noch eins, muss der Film so heissen wie das Buch, das ist eigentlich Betrug finde ich. Hätte ich gewusst wie das Buch hier "verfilmt" wurde, hätte ich mir niemals eine Karte gekauft...
Liebe Grüße
Karina
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Film-Angaben
Titel: Das Orangenmädchen
Originaltitel: Appelsinpiken
Norwegen, Spanien 2009
Laufzeit: 88 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Eva Dahr
Drehbuch: Axel Helgeland
Basierend auf dem Roman Appelsinpiken (2003) von: Jostein Gaarder
Produktion: Axel Helgeland, Thomas Springer, Helmut G. Weber, A. A. Gomez
Bildgestaltung: Harald Gunnar Paalgard
Montage: Per-Erik Eriksen
Musik: Magnus Beite, Mario Schneider
Darsteller: Annie Dahr Nygaard, Harald Thompson Rosenstrøm, Mikkel Bratt Silset, Rebekka Karijord, Emilie K. Beck, Glenn Erland Tosterud, Johannes Piene Gundersen, Tom Eirik Solheim
Kinostart: 10.12.2009
DVD-Angaben
Titel: Das Orangenmädchen
Vertrieb: Indigo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Norwegisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 80 Minuten
Extras: Hinter den Kulissen; Musikclip; deutscher und Originalkinotrailer; Dreh in Sevilla; Interviews
Verleih ab: 20.08.2010
Verkauf ab: 20.08.2010
Copyright Das Orangenmädchen
Fotos: © Neue Visionen
BERLINALE 2012

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