Das Netz

Der Multimediakünstler Lutz Dammbeck bereist in seiner Dokumentation Das Netz die USA und konfrontiert Computerwissenschaftler und Vordenker des Cyberspace mit den technologiekritischen Thesen des „Unabomber-Manifests“. Herausgekommen ist eine komplexe Untersuchung der Voraussetzungen, die zu gegenwärtigen Neuen Technologien geführt haben.

Das Netz

Mit der Roadmovie-Dokumentation Das Netz begibt sich Lutz Dammbeck auf die Spur des Mathematikers Ted Kaczynski, der als „Unabomber“ zwischen 1978 und 1995 diverse Bombenanschläge in den USA auf Manager und Professoren von Eliteuniversitäten ausübte. Was waren die Beweggründe, die einen Harvard-Absolventen und Mathematiker zum Terroristen werden ließen? Zur Beantwortung dieser Frage taucht der Film in ein assoziatives Netzwerk aus Personen, Utopien und Einflüssen der Generation Kaczynskis: Die Hippiebewegung, Computerfreaks, staatlich kontrollierte LSD-Experimente an Universitäten, die Multimedia-Kunstszene New Yorks, utopistische Vordenker und kalte Krieger.

Ausgangspunkt für Lutz Dammbecks Reise ist die zunächst naiv scheinende Neugier nach Begriffen wie Multimedialität, Virtualität und Grenzüberschreitung, die in ihm mit dem Kauf eines neuen Computers aufzukeimen begann. Seine Internetrecherche wirft schnell Verbindungen zu Kategorien auf, mit denen er sich zuvor schon viele Jahre als bildender Künstler beschäftigt hat. Ihm scheint die Verwurzelung von Tendenzen der künstlerischen Moderne und der technischen Ursprünge des Cyberspace in eng benachbarten und sich überschneidenden Milieus zu liegen. Diese Annahme verfestigt sich schnell anhand konkreter Personen, die Dammbeck aufsucht. Angefangen bei dem New Yorker Literaturagenten und Verleger vieler Cyber-Elite-Autoren John Brockmann oder dem Autor des legendären Whole Earth Catalog und Erfinder des Begriffs Personal Computer, Steward Brand bereist Lutz Dammbeck die USA und interviewt diverse Protagonisten einer Zeit, die das Fundament bildet für heutige Technowissenschaft, das Internet, Multimediakunst, Kybernetik und militärische Forschung. Im Laufe des Films überlagern sich immer mehr die Grenzen zwischen auf den ersten Blick wenig verwandten Sphären der kulturellen Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre, Drogenexperimenten und Rockmusik auf der einen Seite und Hochtechnologie, Geheimdienstinteressen und Militärforschung auf der anderen. Die Wurzeln jener Sphären und Utopien liegen, so Dammbecks Interpretation, in personellen Verbindungen, sich überschneidenden Milieus und elitären Netzwerken.

Das Netz

Als personifizierten Gegenpol zu den Interviews mit charismatischen Computerexperten und Vordenker der Cyber-Welt steht in der Dramaturgie des Films Theodore („Ted“) John Kaczynski, der 1996 vom FBI als mutmaßlicher „Unabomber“ verhaftet wurde, und mit dem der Filmemacher in Briefkorrespondenz steht. Kaczynski verweigerte sich als junger, hoffnungsvoller Mathematiker Ende der 1960er dem Fortschrittsglauben und strebte mit einer fundamentalistischen Technologiekritik als Aussteiger einen vollkommen konträren Lebensentwurf an. Nüchtern beantwortet er in seinen Briefen aus der Haftanstalt Fragen des Filmemachers, nach seiner Motivation, sich in eine Waldhütte zurückzuziehen, und dort das zivilisationskritische Manifest Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft zu schreiben und als einzelgängerischer Terrorist Attentate auf Universitätsprofessoren und Manager auszuüben. Die Frage, ob Kaczynski tatsächlich der „Unabomber“ war, was er bestreitet, rückt in den Hintergrund zugunsten einer Konfrontation mit den Utopien, gegen die sich Kaczynski wehrte und auf denen unsere gegenwärtige Technologie fußt.

Das Netz

Immer mit dem Reiz von Verschwörungstheorien spielend, ohne jedoch parteiisch zu werden, folgt Das Netz wie Dammbecks vorherige Filmcollagen Die Zeit der Götter (1993), Dürers Erben (1996) und Das Meisterspiel (1998) einer Puzzelstruktur, in der es nicht um investigative Aufklärung der gestellten Fragen geht. Vielmehr interessiert es Dammbeck, eine assoziative, geistige Landkarte zu zeichnen, indem er Fakten aneinanderreiht, Widersprüchen und Zusammenhängen von Kunst, Macht und Ideologie nachspürt. Der Film verunsichert und begeistert gleichzeitig durch seine Komplexität. Verunsicherung, weil der Film erkennbar macht, wie der Siegeszug von PCs und dem Internet als ursprünglich „demokratisches“ Medium mit politischen und wirtschaftlichen Machtinteressen und einem Streben nach Totalitarismus in Verbindung steht. Begeisterung, weil es Dammbeck gelingt, innerhalb des linearen Mediums Film in seiner Dramaturgie der dem Internet immanenten Dynamik der Nicht-Linearität gerecht zu werden. Das Netz wirft ein Geflecht von Beziehungen auf, das sich einer eindimensionalen Rezeption verschließt, vielmehr interdisziplinäre Konstellationen provoziert und eine philosophische Reflexion über die Herrschaft und Beherrschbarkeit einer Technologie ist, die sich längst durchgesetzt hat und die zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden ist.

Kommentare


Rolf Gassner

Warum nur wird diese groteske Doku von so vielen Seiten über den grünen Klee gelobt? Ist das Auftauchen der Begrifflichkeiten Maschinenstürmer, LSD, Internet, Una-Bomber und Adorno bereits ein Garant für die hohe Kunst unterhaltsamer Verschwörung?

Wenngleich ich zugeben muss, dass die Thematik an sich bei intelligenten und gebildeten Wesen durchaus eine Menge interessanter Assoziationen hervorrufen muss, wovon diese Inszenierung zum Großteil auch lebt, so ist es im Endeffekt die üble Schwarz-Weiss-Malerei des Drehbuchautors und die menschenverachtende Instrumentalisierung der Opfer, die ebendiesen gesunden Keim zu einem wuchernden Dornenstrauch mutieren lässt, frei nach dem Motto: der Zweck heiligt die Mittel.

Werfen wir einen Blick auf die Dramaturgie:
Auf der einen Seite kommt Ted Kaczinski schriftlich zu Wort - ja, er hat verdammt viel Zeit, sich seine Worte genau zu überlegen.
Auf der anderen Seite kommen seine ehemaligen Opfer bzw. deren Freunde zu Wort, die natürlich nichts ausser Verachtung, Hass und Unverständnis den Interviewfragen nach den möglichen Motiven des Unabombers entgegenbringen. Nun, wenn in meinem Freundeskreis jemand zu Tode kommt oder verletzt wird, dann müsste ich mich mit Sicherheit zurückhalten, um bei solch einer absichtlich provokativen Frage den (noch dazu meiner Sprache nicht mächtigen) Fragenden meine Meinung nonverbal spüren zu lassen.
Ich gehe davon aus, dass die Interviewpartner auf genau diese Fragen, nämlich nach den Motiven, NICHT vorbereitet - also von Dammbeck vorgeführt - wurden.
In meinen Augen ist das eine Form von Journalismus, wie er hierzulande von der Bildzeitung betrieben wird, einfach nur peinlich und menschenverachtend. Die Befragung von David Gelernter verstösst beinahe schon gegen die Genfer Konvention.
Lutz Dammbeck hat sich mit dieser Doku einen intellektuellen Grabstein gesetzt - peinlich grausame Interviews mit psychotischen Geräuschen untermalt, die dazu dienen sollen, jene Beklemmung auszulösen, die die Geschichte nicht hergibt.
Ich sag nur: Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst würde sie Wunst heissen.
Wiedersehen Herr Wammbeck.






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