Das merkwürdige Kätzchen

Ein Samstag im Leben einer Großfamilie. Oder wie sich Kommunikation entfaltet, krumme Wege einnimmt, gespiegelt, gebrochen und hintergangen wird.

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Wenn uns das Internetzeitalter eines gelehrt hat, dann dass die Bedeutung von Katzen und Katzenbildern bis dato sträflich unterschätzt wurde. Dass Ramon Zürchers Debütfilm dem beliebten Haustier die Ehre erweist, es in seinen Titel aufzunehmen, ist nicht nur eine Würdigung. Es darf getrost als Fortsetzung einer gewieften erzählerischen Strategie verstanden werden, die schon lange nicht mehr so erfolgreich und hinreißend verfolgt wurde wie hier. Das merkwürdige Kätzchen ist ein einziges großes Ablenkungsmanöver und damit gleichzeitig ein beeindruckender Spiegel unserer Gesellschaft. Mehr noch: Die Ablenkung ist so erfolgreich, dass nur unter größter Mühe nach dem Film noch rekonstruiert werden kann, wovon und wodurch er eigentlich ablenkt. Zum einen lässt er unseren problemfixierten Blick auf Familien vergessen: Zürcher inszeniert Alltag, nur ist der weder trüb noch aufregend, noch wird er vom großen erschütternden Moment jäh unterbrochen. Der Alltag, freilich an einem Samstag und dank eines Zusammentreffens von verschiedenen Familienmitgliedern auch jenseits des Kerns Eltern-Kinder, besteht aus einer genau beobachteten, elegant getimten Abfolge ritualisierter Bewegungen, ein Ballett der ineinandergreifenden Rollen, Witze und Charaktere.

Ramon Zürcher hat diesen Film im Anschluss an ein Seminar mit Béla Tarr realisiert und ist auch weiterhin Student der Berliner Filmhochschule dffb, wo er erst in den kommenden Jahren seinen Abschlussfilm realisieren dürfte. Umso überraschender ist es, mit anzusehen, wie souverän er inszeniert: Die bereits erwachsenen Kinder im Umgang mit dem trotzigen Nesthäkchen, das mit großer Lust zu schreien beginnt, wenn die Kaffeemaschine brummt, oder die sich immer wieder aus dem Trubel ausklinkende Mutter, von Jenny Schily (Die Vermissten, Schlafkrankheit, In jeder Sekunde) gespielt mit einer aus Filmen der Berliner Schule bekannten Distanziertheit zum eigenen Umfeld und heiter durchbrechender Lebendigkeit. Bei Das merkwürdige Kätzchen muss man ganz genau hinschauen, denn der Sprachwitz und die Situationskomik entfalten sich leise und unauffällig. Auf großer Leinwand und mit der Konzentration eines gut abgeschotteten Kinobesuchers wirken sie umso nachhaltiger.

Das merkwuerdige Kaetzchen 01

Das merkwürdige Kätzchen zelebriert eine deutsche Gesprächskultur, wie sie selten in Spielfilmen erfahrbar wird. Fast jeder hat hier etwas zu sagen, erzählt munter drauflos, ganz gleich wie ausgeprägt das Interesse des Gegenübers an der Geschichte ist, bläst scheinbar unbedeutende Geschehnisse zu Ereignissen auf und guckt danach beinahe teilnahmslos dabei zu, wie die Erzählungen beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Aus einem wunderbar schlicht eingefangenen Intermezzo im Kinosaal, wo der Fuß des Sitznachbarn auf dem der Mutter landet, wird kurz darauf ein existenzielles „Oma hat die Mama gerettet“. Kommunikation ist bei Zürcher mehr als ein bloßer Akt der Selbstverständigung, sie wird zur emotionalen und vielleicht auch faktischen Bedingung des Zusammenhalts als „Familie“ in einem zum Individualismus neigenden Kontext. Kommunikation ist dabei freilich nicht auf einen engen Begriff von glückender Vermittlung zwischen mehreren Gesprächspartnern zu bringen. Sie ist vielmehr ein Spiel, dessen Regeln auf den ersten Blick nur Eingeweihten bekannt sind. Gefeiert wird die Kommunikationspanne, das Aneinandervorbeireden, der Blick fürs Absurde im Profanen.

Zürchers Milieustudie, angesiedelt im Berliner Altbau mit rot gestrichenen Dielen in der Küche, weißen und hellblauen Kacheln an den Wänden des Wannenbads, ist ein fragiles Konstrukt. Zum einen, weil er sich gegen jegliches Drama entscheidet, wenn man vom abgerissenen Hemdknopf einmal absieht. Zum anderen, weil die bürgerliche Familie, die er ohne die in Darstellungen der Hauptstadt fast zwanghaft verbreitete Berliner Schnauze auskommen lässt, eine scheinbar gesellschaftlich autarke Einheit bildet. Das Nachbarskind, das spielen will, wird vor die Tür gesetzt. Das Konzert der Nichte am Abend bleibt im Off. Die Bezüge zu dieser Welt jenseits des Bildrahmens sind allerdings vielfältig, in der visuellen Komposition von Das merkwürdige Kätzchen spielt das Off überhaupt eine entscheidende Rolle. Die Wohnung  wird nur nach und nach erschlossen, die eine Zimmertür öffnet sich langsam und sehr zögerlich, das Esszimmer wird erst kurz vor Schluss betreten, die Großmutter, deren Kommen von Beginn an ein großes Thema ist, verschläft den gesamten Film. Diese Setzungen gehören zu seinen großen Stärken, weil sie auf lockere Weise bereichernde Suggestionen und Fluchtpunkte zum Sozialen bieten, auch jenseits der sich doch nicht ganz selbst genügenden Familie. Wenn der Vorhang fällt, bleiben die schon beim Klang des Titels sich im Kopf abspielenden Katzenbilder und so viel mehr.

Trailer zu „Das merkwürdige Kätzchen“


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