Das Massaker von Katyn

Andrzej Wajda nähert sich dem Massaker von Katyn über die Schicksale von Einzelpersonen. Dabei verlässt er sich vor allem auf die Emotionen seiner Figuren.

Das Massaker von Katyn

Im Jahr 1940 war das ostpolnische Dorf Katyn Schauplatz eines grausamen Massakers. Mehrere tausend Soldaten, Offiziere, Intellektuelle und andere „konterrevolutionäre Aktivisten“ wurden von Einheiten des sowjetischen Innenministeriums hingerichtet und in Massengräbern verscharrt. Die Behauptung der russischen Besatzungsmacht, die Nazis seien für diesen Massenmord verantwortlich, hielt sich bis zum Fall des Eisernen Vorhangs und sorgt auch heute noch für Unklarheiten über die historischen Fakten. Mit der Großproduktion Das Massaker von Katyn (Katyn) möchte Andrzej Wajda diesen Missverständnissen entgegentreten und Aufklärungsarbeit leisten.

Das Massaker von Katyn

Der fürs Fernsehen produzierte Spielfilm thematisiert weniger das eigentliche Massaker als seine Folgen für die Angehörigen und die repressive Stimmung der deutschen wie der russischen Besatzung, unter der die polnische Bevölkerung leben musste. Dabei nähert sich Wajda der Handlung auf einer emotionalen Ebene. Erzählt wird überwiegend von den zurückgelassenen Frauen, die sich um ihre Männer, Brüder und Söhne sorgen und meist vergeblich auf deren Rückkehr warten: Von der jungen Mutter Anna (Maja Ostaszewska), deren Mann Andrzej (Artur Zmijewski) sich in Kriegsgefangenschaft befindet, von der Witwe eines Generals (Danuta Stenka) oder von Agnieszka (Magdalena Cielecka), die ihres in Katyn ums Leben gekommenen Bruders gedenken will und dabei mit den Russen aneinandergerät.

Das Massaker von Katyn

Die Geschichte von Anna nimmt zunächst zwar eine zentrale Position ein, da sich aus ihr auch kleinere Handlungsstränge entwickeln, in der zweiten Hälfte von Das Massaker von Katyn spielt sie hingegen kaum mehr eine Rolle. Doch nicht nur hier mangelt es dem Film an einer dramaturgischen Einheit. Mehrmals schwankt er zwischen einer linearen, auf ein Einzelschicksal gerichteten Erzählweise und einer episodischen und fragmentarischen Struktur. Selbst im letzten Drittel des Films führt Wajda noch neue Figuren, wie den jungen Kriegsheimkehrer Tadeusz (Antoni Pawlicki), ein, nur um sie kurz darauf wieder verschwinden zu lassen.

Das Massaker von Katyn

Diese teils etwas seltsame Dramaturgie lässt sich wohl darauf zurückführen, dass es nicht die Figuren sind, die die Handlung strukturieren, sondern das Massaker selbst. Jeder noch so kleine Erzählstrang dient dazu, verschiedene thematische Aspekte abzudecken. Mit dem Abtransport von Andrzejs Vater nach Sachsenhausen wird etwa die Verfolgung Intellektueller durch die Nazis thematisiert, während die Figur des Jerzy für jene Soldaten steht, die sich mit der russischen Besatzungsmacht arrangiert haben, um zu überleben. Häufig kommen die Figuren dabei über eine rein narrative Funktion nicht hinaus und bleiben die leblose Illustration einer These.

Das Massaker von Katyn

Wajda inszeniert Das Massaker von Katyn wie einen Historienfilm, was sich gerade angesichts der Tragik der Geschehnisse unvorteilhaft auf den Film auswirkt. Die Kostüme und die braunstichigen Bilder repräsentieren nicht nur eine vergangene Zeit, sondern haben auch eine verfremdende Wirkung. Darüber hinaus wird jede Szene so bedeutungsvoll inszeniert, als wäre den Beteiligten schon damals klar gewesen, dass sie einem Augenblick von größter historischer Wichtigkeit beiwohnen. Das drückt sich insbesondere in den hochgestochenen Dialogen, die fern jeder Alltagssprache sind, und dem theatralischen Spiel der Darsteller aus. Dass Wajda sich dann an einigen Stellen mit Archivmaterial und Handkamera um eine authentische Wirkung bemüht, wirkt im Rahmen seiner ansonsten überhöhten Inszenierung deplatziert.

Das Massaker von Katyn

Wenn das eigentliche Massaker durch einen Zeitsprung zunächst ausgespart wird, nur um den Film mit einer zwanzigminütigen Sequenz der Massenhinrichtungen zu beenden, zeigt sich, dass es Wajda nicht um ein versöhnliches Ende geht. Der Zuschauer soll mit einem Schock entlassen werden, und in dieser Hinsicht verfehlen die Bilder ihre Wirkung auch nicht. Trotzdem trägt Wajda auch hier wieder dicker auf, als es der Wirkung seines Films guttut, und untermalt die Tötungsszenen mit Krzysztof Pendereckis „Polnischem Requiem“. Statt auf die Grausamkeit des Dargestellten zu vertrauen, überfrachtet er die Schlussszene mit Pathos.

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Kommentare


Karol

Eine treffende Kritik. Jedoch handelt es sich bei Katyn um eines der größten Traumata der polnischen Geschichte. Es wurden nicht"mehrere tausend", sondern 30.000 Offiziere und höhere Militärs ermordet (!). Die Sowjets haben auf diesem Wege die gesamte Militärelite aus dem Weg geräumt. Katyn ist die direkte Folge des Ribbentrop-Molotov-Paktes, infolge dessen die Sowkets am 17. September 1939 Ostpolen besetzten und die Militärführung internierten, um sie dann in Katyn zu ermorden. Es gibt in Polen kaum eine Familie, die nicht irgendwie einen Verwandten in Katyn verloren hat. Wajdas Film lässt sich ohne dieses Wissen nicht vollständig verstehen und bei aller zutreffender Kritik hätte ich mir noch mehr Sensibilisierung zum Thema gewünscht. Gruß Karol aus Berlin


Michael

Hallo Karol,
Danke fürs Teilen dieser Informationen. Meinen Recherchen zufolge widersprechen sich die Angaben zu der Anzahl an Toten, daher habe ich die Zahl offen gelassen. An der Bewertung des Films sollte das mit dem Massaker tatsächlich verbundene Ausmaß des Traumas allerdings nichts ändern.
Gruß, Michael


Ivanauskas

Auch ich denke, dass die Kritik von Michael an dem Film berechtigt ist. Das Massaker war ein wirklich tragisches Ereignis, keine Frage. Aber egal wie tragisch ein Ereignis war, kann dies nicht dazu führen, dass man andere Qualitätsansprüche an einen Film stellt. Film ist in erster ein Stück Kunst und sollte nach den Regeln der Kunst beurteilt werden. Mit Geschichte und Tragik hat es nichts zu tun.






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