Das Mädchen und der Künstler

Erstarrung im Akademismus: Fernando Truebas filmisches Stillleben über einen alternden Künstler.

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Die komplexe Beziehung zwischen der Kunst und dem Leben sowie zwischen dem Künstler und seiner Muse ist seit Balzacs Das unbekannte Meisterwerk ein stetig wiederkehrendes Thema in Literatur und Film. Mit Das Mädchen und der Künstler hat es sich nun der spanische Regisseur Fernando Trueba zu eigen gemacht und ins Frankreich des Jahres 1943 versetzt. Von seiner Inspiration verlassen und der Menschen müde, lebt der alternde Bildhauer Marc Cros (Jean Rochefort) zusammen mit seiner Ehefrau und ehemaligen Muse Léa (Claudia Cardinale) ein zurückgezogenes Leben in einem kleinen Pyrenäendorf. In der jungen Spanierin Mercé (Aida Foch), die auf der Flucht vor dem Franco-Regime ist, entdeckt Léa eine neue Muse, die ihrem Mann zur Fertigstellung seines letzten Werkes verhelfen soll.

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Truebas hoch stilisierter Film in Schwarzweiß will eine künstlerische Widmung, ein schauspielerisches Vermächtnis und eine filmische Hommage an eine ganze Kinoepoche sein. Gleich zwei Weggefährten hat Trueba seinen Film gewidmet und sich sein ästhetisches Programm damit sozusagen vorgeschrieben: seinem Bruder Máximo Trueba, ein im Jahr 1996 verstorbener Bildhauer, sowie dem 2012 ebenfalls verschiedenen Toningenieur Pierre Gamet, mit dem Trueba neben Das Mädchen und der Künstler noch vier weitere Filme gemacht hat. Von den ersten Bildern an begibt sich der Regisseur auf die Suche nach der reinen Form von Bild und Ton. Bis auf den Vorspann verzichtet Trueba komplett auf Musik. Sequenzenweise wird die Stille zelebriert und werden einzelne Geräusche überhöht: das Rauschen des Windes, das Zwitschern der Vögel, die Stimmen der Schauspieler. Auch in der visuellen Ästhetik sucht der Spanier puristische Formen und betont in zahlreichen kontrastreichen Einstellungen die asketische Plastizität seiner Bilder: im Kamerablick auf die bizarren Formen eines alten Baumes oder den verrottenden Schädelknochen eines Vogels.

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Das Motiv des Todes ist von der ersten Szene an der Geschichte eingeschrieben. Nicht nur für den Bildhauer Cros ist es ein Abschied vom Leben und Schaffen, sondern auch für seinen Interpreten Jean Rochefort, der in Interviews betonte, dass dies sein letzter Film sein solle (dies mittlerweile aber wieder dementierte). So ist Das Mädchen und der Künstler auch eine Hommage an einen Schauspieler, der das französische Kino seit Mitte der 1950er Jahre in weit über hundert Filmen geprägt hat. Sonst vor allem im Komödiengenre zu Hause, ist Rochefort in dieser tragischen Rolle ganz in sich gekehrt und mimt den alternden Künstler mit minimalistischem Spiel. Und schließlich ist Truebas Film eine Liebeserklärung an die klassische Kinoära, spielt mit anachronistischen Stilmitteln wie der Kreisblende ebenso wie mit zahlreichen Zitaten, zum Beispiel aus François Truffauts Kurzfilm Die Unverschämten (Les mistons, 1957).

Leider bleibt Truebas ambitionierter Film letztlich in seinem Akademismus stecken. Das historische Setting insbesondere der Dorfszenen auf dem Marktplatz erscheint oft steril und unwirklich. Die Inszenierung der ästhetischen Effekte ist sich zu sehr ihrer selbst bewusst, um glaubwürdig zu sein und wird schlussendlich zu einem Katalog von Klischees über den „Künstlerfilm“. Einzelne Nebenfiguren wie die Haushälterin oder der Dorfpfarrer wirken wie künstliche Nachahmungen aus einem Marcel-Pagnol-Film. Überhaupt werden sämtliche Nebenstränge der Geschichte (die Résistance, das Leben im Untergrund, das neugierige Unverständnis der Dorfbevölkerung dem Künstler gegenüber) viel zu oberflächlich behandelt.

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Vielleicht wäre es interessanter gewesen, wenn sich Trueba auf das huis clos im Künstleratelier und die Konfrontation des so gegensätzlichen Paares konzentriert hätte: der von seinem „Objekt“ besessene Künstler und das scheue Modell, das sich mit Unverständnis dem Abenteuer hingibt, „geformt“ zu werden. In ein paar Szenen darf der sonst sehr schweigsame Marc Cros seiner naiven Muse über den künstlerischen Schaffungsprozess dozieren. Dann wird die Geschichte sehr pathetisch. Der Frauenkörper, erfährt der Zuschauer, sei die direkte Emanation der Natur und der Beweis für die Existenz Gottes, die Frau sei die Essenz der Form und deswegen die ideale Vorlage für das Kunstwerk. Doch nicht nur der weibliche Körper wird überhöht, sondern die Frau an sich in ihrer Rolle als Begleiterin des männlichen Künstlers. Von allen seinen Frauen verlassen, bleibt dem armen Mann nur noch die letzte aller möglichen Gesten.

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Kommentare


Julia Düsentrieb

Die Dummheit dieser Rezension ist erschreckend zumal die Zeilen von einer Frau stammen und der Film eine der wundervollsten Liebeserklärungen an das Leben und das "starke Geschlecht" darstellt, die es jemals gegeben hat.

Darüber hinaus wird die Geschichte einer Liebe erzählt, die beidseitig ist, vornehm und respektvoll. Das kann eigentlich niemandem verborgen bleiben.
Das Mädchen kommt freiwillig zurück in ein besetztes Land nachdem sie einen Traumtypen an die Grenze ihres Heimatlandes bringt.

Der Grund, warum die Autorin mit Blindheit geschlagen ist, liefert sie selbst im letzten Absatz. Sie hat den Film von vornherein durch die Feministinnen-Brille gesehen. Da werden offenbar Schlüsselreize aktiviert wie "alter Mann - junge Frau", "angezogener Mann - nackte Frau", "reicher Mann - arme Frau" die der Dame dem Genuss dieses Meisterwerks im Wege stehen. Poor girl.






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