Das Mädchen Keetje Tippel

Paul Verhoevens dritter Spielfilm erzählt die auf tatsächlichen Ereignissen beruhende Geschichte eines jungen Mädchens, das in den Niederlanden des ausgehenden 19. Jahrhunderts in in einem verarmten Arbeiterviertel lebt.

Das Mädchen Keetje Tippel

Die junge Keetje Tippel (Monique van de Ven) bricht mit ihrer Familie, die auf ein besseres Leben hofft, im Jahr 1881 aus der Provinz nach Amsterdam auf. Mit ihren Eltern und Geschwistern bezieht sie eine kalte Wohnung im Kellergeschoss, voller Ratten und, wenn draußen Regen fällt, auch Wasser. Bereits auf der Überfahrt in die neue Bleibe schläft Keetjes ältere Schwester Mina (Hannah de Leeuwe) mit einem Matrosen für ein wenig Brot. Auch in Amsterdam muss Keetje bald feststellen, dass die einfachste – wenn nicht die einzige – Möglichkeit, im erbarmungslosen Kapitalismus des späten 19. Jahrhunderts genug Geld zum Überleben zu verdienen, im Verkauf des eigenen Körpers besteht. Lange wehrt sie sich gegen dieses Schicksal, doch schließlich muss sie sich dem Druck ihrer hungernden Familie beugen.

Das Mädchen Keetje Tippel (Keetje Tippel, 1975) vereinigt, zwei Jahre nach dem überwältigenden Erfolg von Türkische Früchte (Turks fruit) den Regisseur Paul Verhoeven, die Schauspieler Monique van de Ven und Rutger Hauer, sowie den Kameramann Jan de Bont. Die Produktion war von vielen Schwierigkeiten begleitet, vor allem die Zusammenarbeit zwischen Produzent Rob Houwer und Verhoeven gestaltete sich als äußerst konfliktreich. Noch heute ist der Regisseur mit dem Ergebnis nicht allzu zufrieden und schreibt dies unter anderem den Änderungen zu, die er auf Druck von Houwer vornehmen musste und die seiner Meinung nach gerade die politische Schlagrichtung des Werkes veränderten.

Das Mädchen Keetje Tippel

Da bis heute kein Director´s Cut des Films veröffentlicht wurde, ist es nicht möglich, diese Anschuldigungen zu überprüfen. Aus heutiger Sicht jedoch erscheint Das Mädchen Keetje Tippel nicht nur als die gelungenste Arbeit seines Frühwerks, sondern auch als der erste „echte“ Verhoeven-Film, das erste Werk, das den Zuschauer in ähnlicher Weise verunsichert wie die in Hollywood entstandenen, bekannteren Streifen des Regisseurs.

Besonders aktiv wird die Kamera immer dann, wenn Keetje oder die anderen Figuren sich ihrer Kleider entledigen. Sex ist allgegenwärtig in Verhoevens Film, auch wenn niemand so recht Freude daran hat. Die erotischen Szenen sind zwar stets durch die Narration begründet, ihr Verhältnis zu derselben ist jedoch immer etwas zwiegespalten, da sie von der Inszenierung mit subtilen Mitteln aus dem Handlungsfluss herausgelöst werden und dadurch ein gewisses Maß an Autonomie erhalten. Manchmal erinnert dieses Vorgehen gar an das Nummernprinzip des Pornofilms.

Das Mädchen Keetje Tippel

Dieser eigenwillige Umgang mit erotischen Bildern, der stets auf die dem Sujet eigentlich denkbar unangemessene Schaulust des Zuschauers abzielt, problematisiert dessen Verhältnis zum gesamten Film. Das Mädchen Keetje Tippel ist das erste jener eigenwilligen Hybride aus Kunst-, Exploitation-, und Genrefilm, durch die Verhoeven bekannt geworden ist. Stets scheint seither in seinen Filmen ein sonderbares Missverhältnis zwischen unterschiedlichen Ebenen des filmischen Textes, oft – aber nicht immer – zwischen Form und Inhalt, zu bestehen. Die Bruchstellen treten meist durch die Darstellung von Sex oder Gewalt zutage, hier genauso wie in RoboCop (1989), Starship Troopers (1997) oder seinem umstrittensten und unterschätztesten Werk Showgirls (1995), das in vieler Hinsicht deutliche Parralelen zu Das Mädchen Keetje Tippel aufweist.

Einen nicht geringen Anteil am Erfolg des Films hat Jan de Bont. Die oftmals äußerst bittere Handlung, die auf den autobiografischen Werken Neel Doffs basiert, wird mithilfe eleganter und hochstilisierter Kameraarbeit erzählt. Wer an Sozialdramen in der Tradition des italienischen Neorealismus gewohnt ist – inszeniert an unveränderten Originalschauplätzen, besetzt mit Laiendarstellern und aufgelöst in einer unbehauenen, einfachen Filmsprache – der wird von Das Mädchen Keetje Tippel möglicherweise vor den Kopf gestoßen werden. Anstatt das Leben in der Gosse mit einer pseudoprimitiven Stilistik zu imitieren zu versuchen, betont Das Mädchen Keetje Tippel nicht nur die historische, sondern auch die soziale Distanz, die sich zwischen den Beteiligten der Filmproduktion und ihrem Sujet eröffnet. So stellen die Hochglanzbilder aus der Gosse eben keine unlautere Romantisierung dar, sondern etablieren einen analytischen Beobachterstandpunkt, der eine falsche Identifikation mit einem herbeiinszenierten Proletariat verhindert.

Denn die Machtstrukturen, die auf Keetje einwirken, werden mit beispielloser Unerbittlichkeit offengelegt. Das kapitalistische System in seiner von staatlichen Institutionen nicht eingeschränkten Frühphase, verbinden sich mit einer strikt patriarchalischen Gesellschaftsordnung zu einem unüberwindlichen Repressionsapparat, der auch die Unterdrückten selbst in Windeseile jeglicher menschlichen Regung jenseits der puren Bedürfnisbefriedigung beraubt. In der Tat erleidet Keetje die schlimmsten Erniedrigungen nicht durch Kapitalisten, sondern durch ihre Leidensgenossen und nicht zuletzt durch die eigene Familie. Als sie schließlich über einen Maler eine Gruppe junger Männer aus einer höheren Gesellschaftsschicht kennenlernt, eröffnet sich für sie der Blick auf die Utopie einer Welt, in welcher sie zumindest nicht nur anhand ihrer Arbeitskraft und ihren sexuellen Reizen beurteilt wird. Doch bald muss sie feststellen, dass die Mechanismen an beiden Enden der sozialen Leiter letzten Endes dieselben sind. Und dennoch gönnt Verhoeven seiner Heldin ganz am Ende einen Hoffnungsschimmer.

 

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