Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Eine junge Pianistin muss erst mit einem traumatischen Kapitel ihrer Vergangenheit abschließen, bevor sie ein neues aufschlagen kann. So streng und radikal wie das Auftreten seiner Protagonistin ist auch die inhaltliche und ästhetische Umsetzung des französischen Rache-Thrillers.

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Die zehnjährige Metzger-Tochter Mélanie fiebert der Aufnahmeprüfung am Musik-Konservatorium entgegen und feilt selbst im Schlaf noch an ihrem Klavierspiel. Als der Vater ihr zusichert, er würde die teuren Privatstunden auch im Falle des Scheiterns weiterhin bezahlen, ist ihr Gesichtsausdruck verbissen und ihre Antwort ein schlichtes, fest entschlossenes „Nein“. Trotz Begabung und Hingabe fällt sie durch die Prüfung, da die Jurypräsidentin und renommierte Pianistin Ariane (Catherine Frot) während des Vorspiels ein Autogramm für einen Fan unterschreibt und das Mädchen damit aus dem Konzept bringt. Zuhause verschließt Mélanie ihre Beethovenbüste im Schrank, und es scheint, als hätte sie diese Seite ihres Lebens endgültig umgeschlagen.

Doch der Eindruck täuscht. Zehn Jahre später trägt sie (Déborah François) ihr Haar wie als Kind immer noch streng gescheitelt und lebt in einem kargen, rein funktionalen Zimmer ohne jegliche Dekoration. Sie beginnt ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei, bietet ihrem Chef (Pascal Greggory) an, sich während der Ferien um seinen Sohn zu kümmern und betritt so das Haus und Leben der Anwaltsfrau, jener Ariane von damals, die inzwischen als Folge eines Autounfalls unter starkem Lampenfieber leidet. Sie gewinnt das Vertrauen der Pianistin und wird bei Proben und auf einem wichtigen Konzert zu ihrer persönlichen Notenumblätterin. Eine Aufgabe von „großer Verantwortung“, wie erklärt wird, denn diese nur auf den ersten Blick unbedeutende Person „kann ein ganzes Gleichgewicht durcheinander bringen“.

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

So wie Mélanie durch die Räume des entlegenen Landhauses schleicht - der Haushälterin Mrs. Danvers in Hitchcocks Rebecca (1940) ähnlich - kommt auch der fünfte Film des gelernten Musikers Denis Dercourt (Mes enfants ne sont pas comme les autres, 2003) auf leisen Sohlen daher. Er verzichtet vollständig auf genretypische Schockelemente, falsche Fährten oder plötzliche Wendungen. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf das zarte Netz, das seine Protagonistin langsam und genüsslich, mit einem geheimnisvollen Lächeln, um ihr Opfer zieht. Die Beziehung der beiden Frauen, in der sich Schritt für Schritt eine subtile erotische Spannung aufbaut, steht im Mittelpunkt, Obwohl Ariane die privilegierte Pianistin ist, während Mélanie aus einfachen Verhältnissen stammt und als deren Angestellte fungiert, gibt Letztere eindeutig den Ton an. Sie spielt mit Arianes Labilität und Einsamkeit wie auf einer Partitur und wartet wie beim Umblättern der Noten auf den richtigen Augenblick, um ihre Rache in allen möglichen Variationen zum Klingen zu bringen.

Dercourt zeigt die zwei häufig nah beieinander in einem Bildausschnitt, was ihre enge Bindung, die an Abhängigkeit grenzt, veranschaulicht. Die Wände sind weitgehend ohne Bilder, die dominierenden Farben der Ausstattung und Kostüme Variationen von Grau und Braun, Dunkelblau und Schwarz. Der Regisseur und Co-Autor hat in seiner Inszenierung auf alles Grelle und Ablenkende, auf jeglichen Schnörkel, verzichtet. Dafür verbreitet die Musik - 2006 für einen César nominiert - eine permanente unterschwellige Bedrohung. Die Eingangssequenz stellt das passionierte Klavierspiel der jungen Mélanie der blutigen Metzgertätigkeit ihres Vaters gegenüber. Es ist die einzige Szene, die in ihrer etwas groben Metaphorik und Androhung von Unheil aus dem Rahmen fällt, der ansonsten mit feiner und präziser Hand abgesteckt ist. Sie lässt sich aber auch als Referenz an Claude Chabrols Der Schlachter (Le boucher, 1970) lesen, der ebenfalls von einer Liebesgeschichte jenseits der Norm handelt.

Das Mädchen, das die Seiten umblättert

Wie es Chabrol (Geheime Staatsaffären, L’ivresse du pouvoir, 2006) in seinen Thrillern oft und gerne getan hat, bringt auch Dercourt eine scheinheilige bürgerliche Fassade zum Einsturz und stellt eine Frau ins Zentrum der Handlung, die gleichermaßen funktionsfähig und gestört, willensstark und ein Fall für den Therapeuten ist. Die neunzehnjährige Belgierin Déborah François spielt Mélanie als Kreuzung aus gefühlsarmer Lolita und Femme Fatale, mit wenig Worten, viel Gesicht und kontrolliert eingesetztem Körper. Sie überzeugte bereits als junge Mutter in L´enfant (2005) in einer konträren Rolle. Hier erinnert ihre unterkühlte Erotik an die der jungen Catherine Deneuve, verbunden mit den weicheren Konturen einer Julie Delpy und Resten von Babyspeck. Kleidet sich Mélanie zu Beginn noch sehr zugeknöpft, präsentiert sie bei ihrem ersten Einsatz als Umblätterin auf einmal, aber nicht zufällig, ein freizügiges Dekolleté, das sie für sich zu nutzen weiß, und das Auslöser für die einzige, eher komische als dramatische, Gewaltszene des Films ist.

Während Chabrol allerdings selten seine leichte Schadenfreude an den Fassadenstürzen verbergen kann, erzeugt Dercourt trotz aller Konsequenz, mit der Ariane für ihre frühere Arroganz und Unbedachtsamkeit bestraft wird, mehr Mitgefühl für sein Opfer. Facetten ihrer Figur kommen zum Vorschein, die sie zunehmend menschlich und sympathisch erscheinen lassen und ihren unausweichlichen Fall damit umso härter. Der Film steuert ohne Zweifel und Umschweife auf diesen zu. Allein seine Tiefe offenbart sich erst ganz zum Schluss.

Kommentare


Andreas Rollmann

was frau lüdeking schmonzettig als "eher komische [...] gewaltszene" bewertet, könnte sie sich mal mit umgekehrter geschlechtsbesetzung vorzustellen versuchen, um vielleicht auf die idee zu kommen, daß das (- in einem anderen film,in einer hoffentlich nicht mehr allzu fernen zukunft -)eine STRAFANZEIGE WEGEN KÖRPERVERLRTZUNG wert ist !


doch kommt ihr, an sowas zu denken, offensichtlich überhaupt nicht in betracht, solange ohnmächtiger frauen-neid auf den doppelt konnotierten "babyspeck" noch so leicht und so mainstromlinienförmig risikolos als "komische gewalt" auf die dafür bereitstehende männerfigur übertragen werden kann.
man dankt´s, frau lüdeking !


Martin Z.

Ein leiser Film, bei dem es um Musik geht. Doch die ist nur das Medium, das die eigentliche Geschichte transportiert. Der Regisseur Denis Dercourt ist ein Kenner und Könner klassischer Musik, die er eindrucksvoll einsetzt. Ein für Außenstehende fast unbedeutender Vorfall, der zu Beginn die Karriere des kleinen klavierspielenden Mädchens zerstört und am Ende in einem subtilen Racheplan endet, bildet den ganzen Spannungsbogen des Films. Und nach so viel Bach und Mozart ist es nur zeitgemäß passend, dass die eine Partnerin (Cathérine Frot) der unerfüllbaren Liebe in Ohnmacht fällt.
Nicht nur für Freunde klassischer Musik ist der Film sehenswert, sondern wegen der über weite Strecken hinweg stummen Passagen, in denen nur vielsagende Blicke gewechselt werden(beeindruckend Neuentdeckung Déborah Francois) bis hin zur wortlos angebotenen Lösung, die dann doch manchem etwas zu konstruiert und seicht vorkommen mag.






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