Das Mädchen aus dem Wasser

Der Mann aus Atlantis – das Comeback? Anstelle von Patrick Duffy hat nun Bryce Dallas Howard Schwimmhäute, glasige Augen und Papyrushaut.

Das Mädchen aus dem Wasser

Wenn die Protagonistin eines Filmes den Namen Story trägt, handelt es sich offensichtlich um selbstreflexives Kino. Eine Kategorie zu der man gleichwohl einen Großteil moderner Filme zählen kann. Differenzierter stellt sich da schon die Frage nach der Selbstreferentialität. „Film repräsentiert als Medium per se jene Erfahrung der Moderne, die Referentialität nur noch als selbstbezügliche ästhetische Größe (aner)kennt. […] Es geht in der Folge nicht mehr um eine Abbildung von Realität, sondern nur noch um die Abbildung unserer Konstruktion von Welt durch unsere Wahrnehmungsapparatur!“ schreibt der Film- und Medienwissenschaftler Kay Kirchmann. Bei dem Regisseur M. Night Shyamalan ist Selbstbezüglichkeit Programm. Seine Abbildung der Konstruktion von Welt geriert sich allerdings selbst als Konstruktion – und zwar als utopische.

Wenn die Protagonistin eines Filmes den Namen Story trägt – dann handelt es sich offensichtlich nicht gerade um eine subtile Form der Reflexivität. Ist etwas subtil, also fein, kommt es oftmals als etwas Verborgenes daher. Genau gegenteilig präsentiert sich das Kino des gebürtigen Inders. Der Regisseur, paradoxerweise gerade für seine „Twists“ bekannt, für eine vermeintlich überraschende Wendung und gleichzeitige Rätsellösung am Ende, stellt die Regeln seines Kinos wie kaum ein anderer aus. Nichts wird ausgespart, alles benannt. Wenn von außer- oder überirdischen Wesen die Rede ist, dann werden sie auch gezeigt – so in Signs (2002), so auch in Das Mädchen aus dem Wasser (Lady in the Water). Bei Shyamalan geht es immer um Geheimnisse – und doch gibt es keine Geheimnisse. Alles wird in Bild und Dialog erklärt.

Das Mädchen aus dem Wasser

Der Soziologe Niklas Luhmann würde ein System, das sich selbst als Maßstab nimmt, selbstreferentiell nennen. Genau solches ist bei Shyamalan eklatant – und offenbart sich schon in dem Entstehungsprozess.

Wer weltweit mit seinen letzten vier Filmen über eineinhalb Milliarden Dollar eingespielt hat, sieht sich in der komfortablen Situation, sogar innerhalb des Hollywoodsystems selbstbestimmt arbeiten zu können. Wenn man die Filme selbst schreibt, inszeniert und produziert, kann man relativ sicher sein, auf der Kinoleinwand im Endeffekt auch den Film vorzufinden, den man realisieren wollte. Diesmal entwickelte Shyamalan eine spontan erfundene Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder zu einem Film, der somit irgendwie auch an eben jene adressiert bleibt.

Im Vorspann werden die Grundkoordinaten dieser Geschichte wiedergegeben, als ginge es um eine Legende. Das eigene Schlafzimmer wird zur Referenz. Bei Das Mädchen aus dem Wasser handelt es sich um ein Märchen. Nun ist diese Gattung, bei der in unserer Kultur zuerst die Brüder Grimm und dann eventuell noch Wilhelm Hauff in den Sinn kommen, im amerikanischen Kino gern das Faustpfand für moralinsauren Kitsch im infantilen Gewand. Denkt man an amerikanische Leinwandmärchen, fällt einem vermutlich sehr schnell Steven Spielberg ein, insbesondere sein E.T. - Der Außerirdische (E.T. the Extra-Terrestrial, 1982). Nicht von ungefähr bezieht sich Shyamalan auf den einflussreichsten Filmemacher der achtziger Jahre. Beide vereint eine besondere Fähigkeit, Geschichten flüssig, spannend und anschaulich in Filmform zu gießen. Die Begeisterung an den eigenen, häufig abenteuerlichen, vielfach überirdischen und immer von Spiritualität durchdrungenen Stoffen, mutet jeweils kindlich an.

Das Mädchen aus dem Wasser

Um für den erwachsenen Zuschauer nicht völlig ins Albern-Komische zu verfallen, unterläuft der Film seine eigene Ernsthaftigkeit immer wieder mit Ironie. Teil des Distanzierungsprozesses, der gleichzeitig für einen Großteil des Humors verantwortlich zeichnet, sind die selbstreflexiven Momente. So erklärt im Film die Figur eines Autors die Drehbuchfunktionen von Figuren – bis er in einem äußerst zynischen Augenblick somit das eigene Schicksal reflektiert.

Diesen Momenten stehen immer wieder Sätze wie: „It is time to believe that some stories are true.“ oder „All beings have a purpose.“ entgegen. Sie werden ausgesprochen von Paul Giamatti in der Rolle des traumatisierten Hausmeisters Cleveland, von Bryce Dallas Howard als Story, einem Fabelwesen, das von Cleveland entdeckt wird und von M. Night Shyamalan selbst als jungem Schriftsteller. Story soll nicht nur Clevelands Leben verändern, sondern schließlich das Schicksal der gesamten Menschheit. Darüber hinaus wird sie auch ihrem eigenen Volk Erlösung verschaffen. Cleveland hat schon deshalb ein gutes Verhältnis zu ihr, da sein Name für Cliff steht – der von den Felsen oder Klippen kommt. Eigentlich ist der Hausmeister ein Lehrer. Um Pädagogik geht es auch Shyamalan, der selbst den Part des Menschenretters übernimmt. Die Ausführungen des Schriftstellers sollen das Schicksal der Menschheit positiv verändern. Was Opfer kostet – Shyamalans Figur wird sterben müssen für das Gute, das er bringt. Ein Märtyrer also.

Das Mädchen aus dem Wasser

Vielleicht wird er nun auch als Filmemacher zu einem solchen, denn Das Mädchen aus dem Wasser ist nicht nur eine sehr persönliche, sondern auch eine sehr teure Produktion. Shyamalans Märchen ist selbstreflexiv und selbstreferentiell, aber auch von Egozentrik und Sendungsbewusstsein erstaunlichen Ausmaßes geprägt – schwer kompatibel mit einem Massenpublikum. Vielleicht täte dem Regisseur eine regulierende Instanz oder doch zumindest eine Bezugsgröße jenseits des heimischen Kinderzimmers ganz gut.

Kommentare


elias stabentheiner

hab das mädchen aus dem wasser noch nicht gesehen, kann dazu also nichts sagen. zur angeblichen plakativität von shyamalans filmen: in seinen bisherigen filmen kann ich weder plakativität, noch den aufdringlichen wunsch, besonders selbstreflexiv zu sein, erkennen. ich verstehe die argumentation des kritikers nicht. "the village" und "signs" lebten davon, dass die bedrohung über weite strecken NICHT gezeigt wird. wenn ein film von außerirdischen handelt, dann wäre es doch ungewöhnlicher, im ganzen film KEINE außerirdischen zu zeigen, als sie zu zeigen! was an "signs" unsubtil sein soll, ist mir nicht klar - ja, wir sind dann überrascht, dass wir die aliens tatsächlich zu sehen bekommen. die art, wie das geschieht, ist meiner meinung nach allerdings spannender und origineller als das meiste, was man in anderen scifi- und horrorfilmen der letzten jahre gesehen hat. zu den produktionsbedingungen: meist hört man das umgekehrte jammerlied (hollywood, teures unterhaltungskino im allgemeinen, ließe keine originellen produktionen zu) und bewundert kubrick und hitchcock, die großen ausnahmen, die mit großen budgets ihren persönlichen stil bewahrten. (vielleicht noch ein paar wenige andere. dass spielberg seine originalität schon lange eingebüßt hat, liegt wohl eher an seiner persönlichen motivation, mit der er ans filmemachen herangeht). ohne noch zu wissen, wie gut oder schlecht "the lady in the water" ist - ich persönlich bin dankbar, wenn es auch kommerziell erfolgreiche autorenfilmer gibt, zumal, wenn sie es auf so originelle weise sind wie shyamalan, der als filmautor viele bemerkenswerten qualitäten besitzt, nicht nur den twist.


Hollo

endlich mal eine Kritik, mit der ich einher gehen kann. Der Monolog des Filmkritikers ist eine exzellent geschriebene Szene. Natürlich ist jedes Auftreten eines Filmkritikers in einem Film irgendwie selbstreflexiv, wenn aber dieser Kritiker über sein eigenes filmgerechtes Schicksal reflektiert, entsteht eine dritte Ebene der Reflexion. Was einen an die filmtheoretischen Überlegungen aus "Scream" erinnert, wird hier auf die Spitze getrieben.
Ach, übrigens, Giamattis Charakter war Arzt, nicht Lehrer.






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