Das letzte Schweigen

Trauer, Schuld und Sühne:  Baran Bo Odar adaptiert in seinem Leinwanddebüt Jan Costin Wagners preisgekrönten Kriminalroman „Das Schweigen“.

Das letzte Schweigen

Peer und Timo pflegen eine besondere Männerfreundschaft: beide verbindet die pathologische Obsession zu kleinen Mädchen, zu Gewalt- und Kinderpornos. Timo (Wotan Wilke Möhring), der Student, ist von der Welt fasziniert, die ihm der wesentlich ältere Peer (Ulrich Thomsen) eröffnet. Peer wiederum will in Timo einen Seelenverwandten, einen Partner seiner sexuellen Deviationen sehen. Doch als Peer seine Gewaltfantasien in die Tat umsetzt und Timo Augenzeuge der brutalen Vergewaltigung und Ermordung eines jungen Mädchens wird, ist es mit der Freundschaft vorbei und die Beziehung zerbricht. Das ist 23 Jahre her.

Das letzte Schweigen

Schon die Exposition zu Baran Bo Odars Langfilmdebüt offenbart einen gewissen Hang zum Epischen. Sommerhitze, wogende Kornfelder als Ort des Verbrechens, Slow-Motion-Bilder spielender Kinder und eine detaillierte Darstellung des Verbrechens bestimmen die Grundstimmung dieses kontinuierlich langsam erzählten Krimis, in dem nahezu jede Figur mit einer Traumatisierung zu kämpfen hat.

Das letzte Schweigen

Als die 13-Jährige Sinnikka (Anna Lena Klenke) auf den Tag genau am gleichen Ort und unter gleichen Umständen verschwindet, wie einst das ermordete Mädchen, ist sich der frisch pensionierte Kriminalermittler Krischan Mittich (Burghart Klaußner) sicher, es mit dem gleichen Täter zu tun zu haben. Mittich  selbst ist traumatisiert, weil er einst den Fall nicht lösen konnte und der Täter ungestraft davon kam. Da sich dies keinesfalls wiederholen soll macht der Pensionär den Fall zu seiner letzten persönlichen Mission. So ermittelt er zunächst auf eigene Faust, denn seine ehemaligen Kollegen sehen vorerst keine Veranlassung in einer Mordsache zu ermitteln, zumal noch „die Leiche fehlt“. Auch Mittichs Kollege Jahn (Sebastian Blomberg) hat schwer zu tragen. Er ist vom Verlust seiner an einem Krebsleiden kürzlichen verstorbenen Ehefrau schwer gezeichnet und agiert irgendwo zwischen verzweifelter Hysterie und Selbstaufgabe. Erst der Fall kann ihm helfen, sich wieder emotional aufzurichten. Hilfe erhoffen sich die Ermittler auch von Elena Lange (Katrin Saß), der Mutter des von 23 Jahren ermordeten Mädchens. Diese hat ihrerseits einen Weg gefunden, um mit der Trauer und dem Verlust ihres einzigen Kindes umzugehen.

Das letzte Schweigen

Wie in der literarischen Vorlage versucht das Drehbuch von Baran Bo Odar die Innenwelten der Charaktere Schicht für Schicht aufzudecken und so Haltungen, Positionen und Handlungsmotive herauszuarbeiten. Was jedoch in den malerischen Landschaften Finnlands der literarischen Vorlage sehr gut funktioniert, ist im hochsommerlichen deutschen Kleinstadtidyll des Films offensichtlich schwer zu bewerkstelligen. Und so gerne man sich bei diesem Thema an Ladislao Vajdas Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tage (1958) erinnern möchte, kommt eine vergleichbare Stimmung in Odars Film eben nicht recht auf. Zu breit wirkt da die Narration, zu gewichtig die Ästhetisierung der Bilder von Nikolaus Summerer. Neben geradezu pathetisch hochsommerliche Landschaftstableaus tritt der enervierend plump wirkende Soundtrack mit der Musik von Kris Steininger und Michael Kamm, der keine visuell noch so banale Gelegenheit auslässt um überdeutliche akustische Akzente zu setzen – wie zum Beispiel bei den Einblendungen der fünf Wochentage, in welche sich die Handlung gliedert – und Handlungsmomente ungebrochen paraphrasiert zu illustrieren.

Das letzte Schweigen

Das alles wirkt überakzentuiert und lenkt vom eigentlichen Ziel – der subtilen Charakterdarstellung – merklich ab. Das ist schade, denn so bleibt das immense Potential des Ensembles, allen voran Burghart Klaußner (Das weiße Band, 2009) , Sebastian Blomberg (Der Baader Meinhof Komplex, 2008) und Katrin Sass (Goodbye Lenin!, 2003) zum Teil ungenutzt und so kommt der Film über oberflächliche Zustandsbeschreibungen traumatisierter Protagonisten und ihres Umgangs mit Trauer und Verlust eigentlich nicht hinaus. Im Ergebnis agieren hier facettenarme Figuren, die einem aus manchem TV-Krimi eigentümlich vertraut vorkommen. Einzig Wotan Wilke Möhring (Antikörper, 2004; Henri 4, 2010) als Timo gestaltet eine Figur, die zunehmend von glaubwürdigen Schuldgefühlen ob der passiven Mittäterschaft am ersten Mord zermartert wird und so eine Entwicklung nimmt: Wo Verdrängung und die Heile-Welt-Illusion einschließlich intakter Familie mit süßen Kindern nicht mehr funktioniert, strebt Timo nach Sühne.

Das letzte Schweigen

Der literarischen Vorlage ging es nicht vordergründig um den Kriminalfall. Das Innenleben der Protagonisten, die Camouflage eigener Innenwelten vor sich selbst und den Mitmenschen – das titelgebende Schweigen, das sind die eigentlichen Themen, die Jan C. Wagners Roman beherrschten. Baran Bo Odars Leinwandadaption liefert hiervon nur eine Ahnung.


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Kommentare


A.S.

Ich kenne das Buch nicht aber dieser Film ist absolut sehenswert. Tolle schauspielerische Leistungen und sehr gut inszeniert. Die Musik tut Ihr übriges um einen in den Film hineinzuziehen. Wer das Thema verträgt sollte sich von dieser Kritik nicht abschrecken lassen!


R.A. Sieb

Ein sehr guter Film,absolut sehenswert, Toll inszeniert, Der Soundtrack ist sehr gut gelöst und schaut endlich mal über die deutschen 0815 Filmmusiken hinaus, ein jonglieren zwischen sensibel eingesetzter elektronischer Klänge und klassischer Instrumentation. Der Kritiker mag wohl eher Filme alla Till Schweiger sehen und hören.






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