Das Leben ist nichts für Feiglinge

Mein Herz so schwarz. André Erkaus Familien-Ensemblefilm mit Wotan Wilke Möhring sucht einen Mittelweg im Unterhaltungskino.

Das Leben ist nichts fuer Feiglinge 14

Mit einem Piepton kündigt sie sich an. Dann hallt die Stimme von Babette Färber durch die Räume der wie ausgestorben wirkenden Wohnung. Es ist alles, was der Familie von ihr geblieben ist: Markus (Wotan Wilke Möhring), der sein Schicksal apathisch ertragen will, aber niemals verbergen kann, wie sehr ihn der Tod seiner Ehefrau selbst aus dem Leben reißt, und Kim (Helen Woigk), die schwarzgeschminkte Tochter, die sich den Trauerritualen trotzig verweigert, aber am eigenen Gefühlschaos zu zerbrechen droht. Der Anrufbeantworter – eine Stimme aus der Vergangenheit, die von einer scheinbar heilen Welt spricht. Eine Welt, die es aus heiterem Himmel nicht mehr gibt.

In Das Leben ist nichts für Feiglinge gibt es Sender, aber keine Empfänger mehr. Die Protagonisten haben sich zurückgezogen, verbarrikadiert, in ihren Zimmern, in ihren Köpfen. Kim entzieht sich der Beerdigungsrede mit Ohrstöpseln und betäubender Rockmusik, ihre klugen Gleichnisse und Symbole, um über Trauer und Tod zu sprechen, sind für ihren Vater und ihre Großmutter nicht zu entschlüsseln: Ein Heavy-Metal-Shirt, eine Geschichte über Bestattungsrituale in Afrika, Worte in schwarzer Farbe an ihrer weißen Zimmerwand. Textnachrichten an ihre tote Mutter sind ihr geheimes Tagebuch, dem sie sich offenbart, während ihr Vater am Küchentisch nebenan zusammengesackt ins Leere starrt. Auch er wird nicht verstanden, seinem Ausnahmezustand kann sein Umfeld nur mit hilflos oder zynisch wirkenden Lösungsangeboten begegnen. Freunde laden ihn zum Essen mit einer Psychologin ein, und im Reisebüro verweist man verständnislos auf die fehlende Reiserücktrittsversicherung. Als Großmutter Gerlinde (Christine Schorn), ausgerechnet in dieser Situation von ihrer Krebsdiagnose erfährt, tritt auch sie den Rückzug in die eigenen vier Wände an und fehlt dabei als letzte Mittlerin der dezimierten Kleinfamilie. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.

Das Leben ist nichts fuer Feiglinge 08

Thematisch mag André Erkaus Film an Der letzte schöne Tag (2012) erinnern, den ARD-Fernsehfilm, für den Möhring gerade erneut mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Beide erzählen vom familiären Umgang mit dem plötzlichen Verlust einer Ehefrau und Mutter; von Schuldgefühlen, Trauer und Tod. Der Ton beider Werke könnte jedoch kaum unterschiedlicher sein, denn Das Leben ist nichts für Feiglinge erzählt mit Leichtigkeit und Komik von schweren Schicksalsschlägen. Erkau und sein Bildgestalter Ngo The Chau (Phantomschmerz, 66/67, Almanya – Willkommen in Deutschland) setzen den dunkelblau- und weißgetränkten Bildern, in denen sie den Schwebezustand ihrer Protagonisten festhalten, ein sattes Gelb entgegen, das diese Tristesse durchbricht, das Hoffnung und Lebensfreude verspricht. Das Leben ist nichts für Feiglinge könnte das Publikum von Keinohrhasen und Halt auf freier Strecke im Kino zusammenzubringen: trotz seiner inhaltlichen Schwere kein „Themenfilm“, trotz seiner Slapstickmomente und pointierten Dialoge keine Comedy und trotz exaltierter Gefühle kein Melodram.

Das Leben ist nichts fuer Feiglinge 13

Dabei gesteht Erkau den Figuren eine bemerkenswerte Ambivalenz zu. So erscheint beispielsweise Teenager Kim, trotz des markant-extravaganten Äußeren, nicht wie eine Goth-/Metal-/Emo-Karikatur oder freche Göre mit Schnodderschnauze, sondern als sensibler und impulsiver Charakter, der im Laufe der Geschichte mehr und mehr von sich preisgibt. Nebenfiguren wie die lebenslustige Pflegerin Paula (Rosalie Thomass) und Kims rebellischer Schwarm Alex (Frederick Lau) reißen die Trauernden aus der Bewegungsstarre, die Flucht aus dem Alltäglichen bringt die verbliebenen Familienmitglieder wieder zusammen, räumlich und emotional. Ihr alter Ferienort in Dänemark wird zum gemeinsamen Ankerpunkt, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Auch die Bilder öffnen sich beim Blick auf die weite Landschaft und das Meer, geben den Blick auf den Horizont frei und den Überlebenden eine Perspektive.

Trailer zu „Das Leben ist nichts für Feiglinge“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.