Das Leben, das ich immer wollte

Während der Dreharbeiten für einen romantischen Kostümfilm kommen sich die beiden Hauptdarsteller auch außerhalb des Sets näher. Ihre Liebesgeschichte scheitert jedoch an ihren unterschiedlichen Auffassungen von Schauspielerei und Leben.

Das Leben, das ich immer wollte

Stefano (Luigi Lo Casio) ist ein Profi. Seine Karriere läuft glänzend, die Rollen fliegen ihm nur so zu, und seine Film- oder Theaterprojekte geht er mit Routine, ja fast schon Desinteresse an. Ist die Kamera aus, schaltet auch er sein Spiel ab. Newcomerin Laura (Sandra Ceccarelli) hingegen arbeitet völlig anders. Schon beim Casting spielt sie so intensiv, dass Stefano verwirrt die Probe unterbricht.

Während Stefano Beruf und Privatsphäre leicht zu trennen weiß, lebt Laura ihre Rolle auch außerhalb des Sets weiter. Man kann das als Method Acting bezeichnen, oder einfach als emotionale Hingabe an ihre Figur. Oder als Verlogenheit, wie es Stefano bisweilen interpretiert. Gibt Laura nur die hilfsbedürftige Berufsanfängerin, um ihn für ihre eigene, gerade beginnende Karriere zu benutzen? Stefano fällt es schwer, seine Partnerin einzuschätzen - wann spielt sie, wann ist sie sie selbst? Dieser fließende Übergang wird im Film bildlich gut eingefangen: Bei Beginn der Dreharbeiten für den Kostümfilm werden Lauras Haare künstlich verlängert, doch anders als Stefano seinen steifen Anzug aus dem 19. Jahrhundert kann sie die neue Frisur nicht ablegen. So bleibt auch in den Szenen, die außerhalb des Films im Film spielen, immer ein Stück ihrer Rolle als Leonora sichtbar.

Das Leben, das ich immer wollte

Geschickt setzt Das Leben, das ich immer wollte (La vita che vorrei) die disparaten Welten der theatralischen Gesten des Kostümfilms gegen die nüchterne Beziehungsanalyse, den alltäglichen Streit unter Paaren von heute. Parallel zueinander verlaufen die jeweils auf ihre Weise tragischen Liebesgeschichten zwischen Laura und Stefano sowie Leonora und Federico. Einmal müssen die Darsteller eine Bettszene spielen, kurz nachdem sie sich getrennt haben. Hier, ebenso wie in vielen anderen Momenten, spielen Luigi Lo Casio und Sandra Ceccarelli ihre ganze Stärke aus. Während Leonora und Federico noch auf ein glückliches Ende hoffen, haben Laura und Stefano bereits aufgegeben. Die Distanz zwischen Rolle und Schauspieler erreicht hier einen Höhepunkt, um sich danach wieder auszugleichen – denn wie es sich für ein Liebesdrama voller gesellschaftlicher Konventionen, eng geschnürter Korsetts und herrschaftlicher Salons gehört, geht auch diese Liebe nicht glücklich aus.

Ein Film über Schauspielerei – denn das ist Das Leben, das ich immer wollte mehr noch als ein Film über das Filmemachen oder über die Liebe – kommt ohne großartige Schauspieler nicht aus. Lo Casio und Ceccarelli waren auch schon in Giuseppe Piccionis letztem Spielfilm Licht meiner Augen (Luce dei miei occhi, 2001) ein Liebespaar. Danach drehte Piccioni mit Ceccarelli noch die Kurz-Doku Sandra, Ritratto Confidenziale (2002), ein Porträt der Darstellerin, in das er ihren Screentest für Licht meiner Augen eingefügt hat; auch das in gewissem Sinne also schon ein Film über Schauspielerei. Genau so, nämlich mit einem Screentest der Ceccarelli (in ihrer Rolle als Laura, die für die Rolle der Leonora vorspricht), beginnt Das Leben, das ich immer wollte. Sie sitzt frontal vor der starren Kamera, eine Stimme aus dem Off spricht mit ihr, und das könnte der Regisseur des Kostümfilms ebenso sein wie Piccioni selbst. Beide Filme tragen denselben Titel, und innerhalb des Universums von Piccionis Werk entsteht auf diese Weise ein Reigen von munter sich kreuzenden Verweisen.

Das Leben, das ich immer wollte

So wie der fiktive Regisseur Luca (Ninni Bruschetta) in Das Leben, das ich immer wollte sich voll auf seine beiden Hauptdarsteller verlässt, so tut das auch Piccioni. Vielleicht ist er sogar ein wenig zu verliebt in seine Protagonisten, denn in seinen 125 Minuten wirkt der Film sehr lang und tritt manchmal dramaturgisch auf der Stelle. Andererseits sind in dieser Zeitspanne tatsächlich zwei Filme untergebracht. Die ausschweifend gefilmten Kulissen des einen und der eher nüchterne Kamerastil des anderen halten in ihrem Wechsel das Interesse wach, während durch einige Nebenhandlungen über geschasste Darsteller, nicht mehr benötigte Freunde und berufliche Eifersüchteleien eine Art Branchenporträt entsteht. Man verfolgt all das, man taucht in die Welt des 19. Jahrhunderts ein, obwohl die Illusion als Film im Film immer wieder als solche gezeigt wird, man wechselt willig von der einen Welt in die andere - und am Schluss, als Stefano durch die Stadt läuft und überall die Plakate seines neuen Films hängen, bedauert man ein wenig, dass es diesen ja eigentlich gar nicht gibt.

 

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