Das Konzert
Zwischen Moskau und Paris schreibt Radu Mihaileanu weiter an seiner Welterzählung vom Verkleiden und Verwandeln.
Der Abend verspricht ein Fiasko zu werden. Auf dem Programm steht Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester – das Stück gilt als wenig populär und ist längst nicht abendfüllend. Zwei der verlottert aussehenden Musiker stolpern verspätet auf die Bühne, schief und krumm stimmt das Orchester an, das Publikum im Pariser Théâtre du Châtelet tauscht skeptische Blicke aus. Auch die in letzter Sekunde zum Auftritt überredete Violinsolistin Anne-Marie Jacquet stellt sich, das verrät ihr Gesicht, aufs Schlimmste ein. Doch dann spielt sie sich mit Andreї Filipovs aus Moskau angereisten Musikern in einen Rausch. Der Abend wird ein Triumph.
Mehr noch als die Musik schlägt ein Blickwechsel in seinen Bann. Die Schlusssequenz in Das Konzert (Le concert), furios geschnitten und gespielt, fasst die Vorgeschichte von Andreї (Alexeї Filipov) und Anne-Marie (Mélanie Laurent) noch einmal in Blicken und Tönen zusammen. Eine lange, privat wie politisch vertrackte Vergangenheit verbindet die zwei – den einstigen Stardirigenten des Bolschoi-Orchesters, der in der Breschnew-Ära entlassen wurde, weil er sich weigerte, jüdische Musiker hinauszuwerfen, und die gefeierte, streng protegierte Stargeigerin, die als Kind verschlungene Wege von Moskau nach Paris führten. Während des Konzerts eingestreute Flashbacks reichen die letzten Bausteine ihrer Geschichte nach, an deren Ende eine musikalische und menschliche Befreiung steht.
Ein zufällig abgefangenes Fax steht am Beginn dieser Geschichte. Der längst zum Hausmeister degradierte Ex-Dirigent putzt gerade das Büro seines Chefs, als die Einladung aus Paris eintrifft. Weil ein US-Orchester abgesagt hat, sucht man preisgünstigen Ersatz aus Russland. Andreї unterschlägt das Schreiben, und mit dies- und jenseits der Leinwand ansteckendem Enthusiasmus macht er sich an die Verwirklichung seines Lebenstraums: die „Band wieder zusammenbringen.“ Und eben jenes Tschaikowsky-Konzert, mit dessen Unterbrechung seine Karriere endete, noch einmal aufzuführen. Neben seiner Frau (Anna Kamenkova Pavlova) und seinem besten Freund Sasha (Dmitri Nazarov) hilft ihm dabei auch ein früherer Feind – der linientreue Kommunist Ivan (Valeri Barinov), einst Manager des Theaters und noch heute brillanter Organisator, der richtige Mann für ein Täuschungsmanöver dieses Ausmaßes.
Wie Andreї und Sasha ihre Mitstreiter in und um Moskau auflesen, auf Straßenfesten und Gemüsemärkten, an Lagerfeuern und in Pornokinos, allein dies wäre den Kinobesuch schon wert. Mit ein paar Federstrichen zeichnet Mihaileanu anrührende Figurenminiaturen und zugleich eines der facettenreichsten filmischen Stadtporträts der letzten Jahre. Die Paris-Darstellung fällt dagegen blasser aus; und die russischen Musiker werden, einmal in westliche Umgebung verpflanzt, doch etwas arg auf landestypische Klischees heruntergefahren.
Mihaileanu ist ein Regisseur der Schauplätze und Stimmungen, der furios inszenierten Einzelszene – beispielhaft die in eine Schießerei mündende Hochzeitssequenz – und der emotionalen Affizierung. Einen tragfähigen dramaturgischen Bogen zu spannen ist indes nicht unbedingt seine Stärke. Die burleske Komödie um die Konzertreise mit Hindernissen (es gibt einige!) und das von langen Gesprächsszenen getragene Melodram um Andreї und Anne-Marie finden nicht immer die rechte Balance. Auch bewegt sich Mihaileanus Charakterzeichnung – der gutmütige Brummbär als bester Freund, die überschäumend idealistische Ehefrau – oft hart am Rande des Rührseligen.
Aufgewogen wird all dies durch Mihaileanus aufrichtigen Humanismus. Für seine Figuren sind äußere Zuschreibungen – von politischem Amt über Religion bis zur Ethnie – nie determinierend. Man kann sie ablegen, auswechseln oder tarnen. Wie seine Vorgängerfilme handelt auch Das Konzert von Verkleidungs- und Verwandlungskünstlern. Zwar hat das Thema nicht die Brisanz von Geh und lebe (Va, vis et deviens, 2004), wo ein Junge aus Äthiopien sich als schwarzer Jude ausgibt, um vor dem Krieg in seiner Heimat nach Israel fliehen zu können. Erst recht nicht die Brisanz seines Debüts und bisher besten Films Zug des Lebens (Train de vie, 1998), in dem ein jüdisches Dorf, um der Deportation durch die SS zu entgehen, sich kurzerhand mit verteilten Rollen selbst deportiert.
In Das Konzert geben sich nur ein paar ausrangierte Musiker mit ein paar originellen Tricks als aktive Profimusiker aus. Doch die leichthändige Einbettung sehr intim gezeichneter Figurenbeziehungen in einen weiten historisch-politischen Zusammenhang – hier die offen antisemitische Politik in der Sowjetunion unter Breschnew und deren Folgen – eint den Film mit seinen Vorläufern. Ebenso die Skepsis gegenüber Weltentwürfen und Ideologien und das – gewiss oft naive – Vertrauen in die Kraft des Zwischenmenschlichen. Obwohl seine Filme viel von Gruppen und Gruppendynamiken erzählen, interessiert sich Mihaileanu mehr für einzelne Menschen und ihre unmittelbaren Beziehungen. Dabei kommt es immer wieder zu überraschenden Allianzen und Verschiebungen, die Figuren glaubwürdig in ein anderes Licht stellen – und dann glaubt man auch gerne, dass sich selbst im verbiestertsten Apparatschik noch ein netter Kerl verbergen kann.
Das Finale des Films ist früh vorhersehbar, aber dennoch schier überwältigend – und driftet bei aller Wuchtigkeit auch nicht in die metaphysische Überhöhung, die das von fern vergleichbare Ende eines anderen Konzertfilms, Kay Pollaks Wie im Himmel (Så som i himmelen, 2004), so schwer erträglich machte. Radu Mihaileanu, so anfällig auch er fürs Pathetische ist, sucht das Heil auf Erden. Und im Leben.
Kritik von Maurice Lahde
Veröffentlicht am 09.07.2010
Kommentare zu Das Konzert
Maria 01.08.2010 15:25
Es ist ein Film der nur zu empfehlen ist.
Wunderbare Musik gepaart mit einer ergreifenden Geschichte
Frank Treibmann 01.08.2010 23:10
Maurice Lahdes Kritik ist in vielen zuzustimmen, nur finde ich den Plot des Filmes stringenter, als er meint, die Konzentration auf die Hauptfiguren im Teil, der in Paris spielt, konsequent und das Ende durchaus nicht vorhersehbar (die Lösung des Rätsels ist ja banaler, als es die ganze Vorgeschichte, die ja auf eine glückliche Familienzusammenführung zu führen scheint, erwarten lässt). Mihaileanus Kunst besteht je gerade eben darin, alles - vor allem die Potenz der Erlösung im Menschen, der keine andere Chance als diese hat - als möglich zu zeigen und nicht als zwingend notwendig. Das ist die einzige Form des Trostes und auch des Appells, zu dem Kunst befugt und fähig ist. Und dieser Aufgabe stellt sich Mihaileanu souverän und bescheiden zugleich, ohne dabei auf die Mittel des Kinos als Kunst der Illusion (und auch der Klischees) zu verzichten. Ein großartiger Film, bei dem man weinen kann, ohne sich benutzt zu fühlen.
Leonie Wertheim 03.08.2010 20:43
Zuerst Klamauk,
dann Klischees
und schließlich
Kitsch.
Günter 03.08.2010 20:43
Wirklich ein klasse Film;) 5 Sterne ist es Wert.
;)
Rekarena 05.08.2010 21:41
Leonies Kommentar bringt meine Meinung auf den Punkt. Nein, diesen Film muss man nicht gesehen haben. Schaut Euch lieber "Me too" an.
Frank 08.08.2010 18:49
Weder Klamauk, noch Klischees oder Kitsch (es sei denn das Leben ist klischeehaft und kitschig !) sondern echtes Kino !
Eckhard 09.08.2010 11:35
Auf jeden Fall sehr sehenswert. Klamauk und Klischees kann man vernachlässigen, sie vervollständigen diesen großartigen Film.
Walter 10.08.2010 23:45
Sicherlich: Klamauk, Klischees und Kitsch. Also alles was nötig ist, um mich als Zuschauer gefangen zu nehmen. Das klappt nicht immer, aber wenn der Film von einem Könner stammt, wie hier, dann ist es ganz großes Kino.
Lisa 15.08.2010 21:46
Der Film startet als brillante Humoreske und endet als peinliches Rührstück - wirklich schade um die vergeudeten Möglichkeiten
Kathrin 18.08.2010 13:14
Denjenigen, die Musik lieben, wird dieser Film bestimmt gefallen. Sehr empfehlenswert!
Claus 19.08.2010 11:50
Klamauk? Nein. Schräger Humor!
Klischees? Nein. Herrlich groteske Überzeichnungen
Kitsch? Nein. Gefühl!
Einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe.
Parissa 21.08.2010 17:33
Ein berührender Film,nicht unbedingt wirklichkeitsnah aber zu Herzen gehend.
Oli 23.08.2010 15:47
Holprige und unlogische Dialoge, sowie eine platte Geschichte in einer schlechten Synchronisation. Unfreiwillig komisch wird der Film zudem durch laienhafte Orchesterdarstellungen und clowneske Überzeichnungen der Charaktere. Das Prädikat wundervoll kann ich keinesfalls nachvollziehen. Wundervoll stümperhaft! Schade ums Geld.
Degro 26.08.2010 19:15
Wer diesen Film sehenswert findet, der muss nicht ganz dicht sein!
christoph 27.08.2010 23:30
...... na ja, ganz lustig. sicher kein "grosses kino".
alles zu holzschnittartig, wie aus der klischee-/klamottenkiste (man denke da an die darstellung des alten jüdischen musikers). dazu passt, dass in der schlüsselszene, wo die freundin/agentin die stargeigerin umstimmen will, das konzert doch zu spielen, und diese sich die musik als schallplatte auflegt, mahlers 1. ertönt......das (musik-)thema ist aber tschaikowski.....
wird kaum jemand merken, passt aber zur flachheit des gesamten films.
muss ich nicht noch mal sehen.
max 29.08.2010 02:04
Also ich finde diesen Film wirklich toll. Für mich einer der besten Filme die ich je gesehen habe. Die schauspielerische Leistung ist überragend.
Jochen 29.08.2010 12:03
Wir haben uns köstlich amüsiert über das Chaos, so überzeichnet es auch war. Super-Leistung der Schauspieler, und - sorry Christoph - das ist wirklich ganz großes Kino!!!!
Was uns aber ärgert: nirgendwo haben wir die Künstler erwähnt gefunden, die uns die Musik zu Gehör gebracht haben. Die Geigerin ist schlicht fantastisch.Wer ist sie???.. Und noch etwas ist ärgerlich:dass jemand Tschaikowsky als seine eigene Musik ausgibt und die ansonsten (bis auf Paganini) unbedeutenden Stücke als Soundtrack veröffenlicht!!! Das ist wirklich der Gipfel
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Film-Angaben
Titel: Das Konzert
Originaltitel: Le concert
Frankreich 2009
Laufzeit: 119 Minuten
Regie: Radu Mihaileanu
Drehbuch: Matthew Robbins, Alain-Michel Blanc, Radu Mihaileanu
Produktion: Alain Attal
Bildgestaltung: Laurent Dailland
Montage: Ludovic Troch
Musik: Armand Amar
Darsteller: Dmitri Nazarov, Alexї Guskow, Mélanie Laurent, François Berléand, Miou-Miou , Lionel Abelanski, Roger Dumas, Aleksandr Komissarov, Anna Kamenkova
Kinostart: 29.07.2010
Copyright Das Konzert
Fotos: © Concorde Film
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